TAuf den Spuren der NS-Zeit in Jork
Schülerinnen und Schüler des Schulzentrums Jork wollen die NS-Zeit gemeinsam mit Wissenschaftlern und Archivaren erforschen. Foto: Vasel
Das Schulzentrum Jork wird zur Geschichtswerkstatt. Unterstützt von Historikern und Archivaren, haben 60 Schüler das Projekt „Auf den Spuren der NS-Zeit in Jork und Umgebung“ gestartet. Im Juni wird es eine Ausstellung geben. Das sind die Details.
Zu Beginn des Projekts spielte der Geschichtslehrer Michael Hackbarth im Forum der Oberschule Jork eine Botschaft der 101-jährigen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer ein, deren Mutter und Bruder von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden sind.
„Seid Menschen. Wir sind alle gleich. Was war, war - wir können es nicht mehr ändern. Es darf nur nie, nie wieder geschehen.“ Es gelte, weiterhin „wachsam“ zu bleiben „und nicht wie damals wegzuschauen. Hass, Rassismus und Antisemitismus dürfen nicht das letzte Wort der Geschichte sein.“
Wissenschaftler begleiten das Geschichtsprojekt
Die Geschichtslehrerin Katja Mesenbrink und ihr Kollege Michael Hackbarth wollen mit den Schülerinnen und Schülern ein dunkles Kapitel der Altländer Geschichte beleuchten: die Zeit der NS-Unrechtsherrschaft zwischen 1933 und 1945. Das Projekt wird von Experten für NS-Geschichte begleitet.
Mit an Bord ist Dr. Heike Schlichting vom Landschaftsverband, die vor 20 Jahren an einem Forschungsprojekt zur NS-Rassenpolitik und zu der Zwangsarbeit und den „fremdvölkischen Kinderheimen“ im Kreis Stade beteiligt war. Auch Dr. Norbert Fischer und Wolfgang Schilling (Stadtarchiv Buxtehude) - im Herbst erscheint ihr Buch zur NS-Zeit in Buxtehude - wollen die Neuntklässler bei der Recherche unterstützen. Schilling hofft, dass das außergewöhnliche Projekt zum Vorbild für weitere Schulen wird. Auch im Niedersächsischen Landesarchiv und im Altländer Archiv werden die Schüler mit Dr. Lukas Weichert beziehungsweise Dr. Kai Janofsky an den Originalquellen arbeiten, von Akten bis zu Fotos. Sie werden auf digitalisierte Zeitzeugen-Interviews zurückgreifen können.
Die Stele auf dem Friedhof in Borstel erinnert an die Kinder der Zwangsarbeiterinnen, die im „fremdvölkischen Kinderheim“ in der Ziegelei starben. Foto: Vasel
Mit dem Stader Michael Quelle haben die Jorker einen weiteren Experten gewinnen können - für die Geschichte der Zwangsarbeiter und des Massenmords an Behinderten. Er will die Jugendlichen auch bei der Ergänzung der Opferliste an der Stele in Jork einbinden und ihnen zeigen, wie sie in den Arolsen Archives, dem weltweit größten Archiv über Opfer und Überlebende des NS-Regimes, online recherchieren können.
Schule bittet die Bevölkerung um Unterstützung
Zum Auftakt bittet die Schule die Bürger um Unterstützung. „Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Fotos und Dokumente aus der NS-Zeit in Jork zur Verfügung stellen“, sagt Hackbarth. Die Schüler sollen die Täter- und die Opferseite beleuchten. Die Schüler hoffen, dass sich auch die letzten Zeitzeugen melden. Auch sekundäre Zeitzeugen, die Erinnerungen ihrer Großeltern und Eltern weitergeben wollen, können sich melden. Kontakt: katja.mesenbrink@schulzentrum-jork.de und michael.hackbarth@schulzentrum-jork.de.
Die multimediale Ausstellung der Schüler wird am 8. Juni zu sehen sein. Auch die Gedenkorte auf den Friedhöfen in Jork und Borstel werden eingebunden. Auf der Stele zum Gedenken an die Euthanasiemord-Opfer und die toten Zwangsarbeiter der NS-Diktatur in Jorkerfelde stehen bislang 31 Namen. In Borstel erinnert eine Stele an die zwölf Babys von Zwangsarbeiterinnen, die in der „fremdvölkischen Kinderpflegestätte“ auf der Wehrt’schen Ziegelei „an gezielter Unterversorgung starben“, wie Schlichting berichtete.
Die Schüler wollen Biografien nachzeichnen. Beispielsweise von Peter Kaiser aus Moorende. Der Neunjährige wurde von den Nazis ermordet- als einer von 200.000 Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung, die 1940 bis 1945 unter anderem im Zuge der „Aktion T4“ systematisch durch Gas, Medikamente oder Unterernährung getötet wurden. Weiterhin werden Schüler die Geschichte der Zwangsarbeiter aus Polen, Frankreich und der UdSSR aufarbeiten. „Es war Sklaverei“, sagte Dr. Schlichting. Einige starben eines gewaltsamen Todes - im KZ. Und neun fielen am 3. März 1943 einem alliierten Bombenangriff auf Jork, Borstel und Ladekop zum Opfer.
Spannende Dokumente und Biografien
An sie erinnert das einzige bekannte Dokument, in dem im Landkreis Stade offen Protest gegen den Krieg artikuliert worden ist. „Diese armen Teufel ... haben drei Jahre und länger ihre Arbeitskraft für Bauern in Jork und Umgebung eingesetzt. Solange wie die neun Männer lebten, haben sie sich die Ehre und Achtung ihrer Arbeitgeber erworben, aber wie sie tot waren und nicht mehr schaffen konnten, wurde diesen Toten ein Abschied von dieser Welt zuteil, wie man ihn sich unwürdiger nicht vorstellen kann. Wie ein verendetes wertloses Tier in Sackleinen gehüllt in Jork der Erde übergeben. Dieser jämmerliche Akt ist eine Kulturschande ersten Ranges“, schrieb eine unbekannte, von der Gestapo nicht gefasste Person am 10. März 1943 unter dem Pseudonym „Saure Zwetschen“ an den Landrat. Der Verfasser bezeichnete die Nazis als „sadistische Blutsäufer, die bewusst die ganze Menschheit in dieses große Unglück gestürzt haben“.
Der bekannteste Widerstandskämpfer im Kreis Stade stammte aus Borstel: Rudolf Welskopf (1902 - 1979). Im Alter von zehn Jahren musste er bei einem Bauern als Hütejunge arbeiten, die „Ungerechtigkeit“ prägte den späteren Kommunisten. Nach der Machtergreifung wurde der Zimmermann bereits im Februar 1933 in Stade von den Nazis in „Schutzhaft“ genommen. Nach der Entlassung half er mit einer KPD-Widerstandsgruppe bedrängten Familien und verteilte Flugblätter. Die Gruppe wurde verraten. 1935 fand der „Buxtehuder Hochverratsprozess“ statt. Welskopf nahm alle „Schuld“ auf sich und wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. 1940 kam er ins KZ Sachsenhausen. Im Juli 1944 gelang ihm die Flucht.
Die Neuntklässler Henri und Emilia halten es für wichtig, dass die NS-Geschichte in Jork „nicht vergessen wird“. Schließlich gebe es auch heute noch Menschen, die Rassisten seien oder die Demokratie ablehnten.
Das Foto zeigt die Stele für die Opfer der NS-Zeit auf dem Friedhof in Jork. Foto: Vasel