TDeshalb will ein Apenser Mediziner nie wieder als Hausarzt arbeiten
Eine weitere Hausarztpraxis schließt. In Apensen sollten alle Patienten jetzt ihre Akten abholen. Foto: dpa
Die größte Hausarztpraxis in Apensen mit vier Ärzten schließt. Leicht hätten seine Frau und er sich die Entscheidung nicht gemacht, sagt Patrick Weinmann-Linne. Hier nennt der Arzt die Gründe.
Die endgültige Entscheidung der Praxisschließung haben Patrick Weinmann-Linne und Dr. Tabea Linne erst am Montag vor einer Woche getroffen. Unmittelbar danach hätten sie die Verwaltung und die drei Gemeinde-Bürgermeister informiert. Auch an die Kassenärztliche Vereinigung, die sich um eine Nachfolgelösung bemüht, ging die Info raus. Die Praxis am Teich schließt zum 31. Januar 2023.
„Seit uns bekannt ist, dass unser angestellter Arzt ab 1. Januar 2023 eine eigene Praxis in Harsefeld betreiben wird, haben wir mit Hochdruck nach einer Nachfolge gesucht“, sagt Patrick Weinmann-Linne. Zumal die zusätzliche ärztliche Weiterbildungsstelle - der vierte Arzt in der Praxis - ebenfalls ab Anfang des Jahres unbesetzt ist. Vor vielen Monaten sei diese Stelle bereits ausgeschrieben worden. Die Resonanz darauf sei dürftig, wenn auch nicht völlig aussichtslos gewesen, so der Facharzt für Allgemeinmedizin.
Letztlich hätten die ungewissen Umstände allerdings dazu geführt, dass sich drei tragende Mitarbeiterinnen der Praxis am Teich entschieden, zu kündigen, um in neue Arbeitsverhältnisse zu treten. „Aufgrund des Fachkräftemangels ist eine kurzfristige Nachbesetzung illusorisch und eine Aufrechterhaltung des Betriebs unmöglich“, so Weinmann-Linne.
Mit 43 Jahren enttäuscht den Hausarzt-Beruf beendet
Für Patrick Weinmann-Linne ist Ende Januar nach sieben Jahren mit eigener Praxis Schluss mit dem Thema Hausarzt. „Ich werde nicht mehr als Hausarzt arbeiten“, sagt der 43-Jährige. Das hat viele Gründe. Er wird in Zukunft wissenschaftlich arbeiten. In der Hochschulambulanz am Universitätsklinikum Köln hatte er bisher eine Viertelstelle. Diese möchte er nun aufstocken.
Ein Zettel an der Eingangstür weist auf die bevorstehende Schließung der Praxis hin. Fotos: Laudien/Lepèl
„Ich bin immer offen damit umgegangen, war einen Tag in der Woche nicht da“, sagt er. Dennoch hatte der Zusatz als „Oberarzt und Leiter der Hochschulambulanz Allgemeinmedizin“ in Köln, wie auf der Homepage zu lesen ist, zu Spekulationen geführt. „Plötzlich hieß es, meine Frau und ich hätten uns getrennt“, sagt der Familienvater. Besonders für die Kinder, die in der Schule darauf angesprochen wurden, seien solche Gerüchte schlimm.
Gesundheitspolitik verspricht unbegrenzte Leistungen
Dazu kamen „vereinzelt völlig haltlose, laienhafte und zum Teil verleumderische Beurteilungen unserer Arbeit in den sozialen Medien“. Aussagen und Anschuldigungen, „vor denen ich auch meine Familie schützen muss“, sagt er. Teilweise ging er juristisch dagegen vor.
„Bei einigen Patienten gibt es wenig Verständnis, wenn individuelle Wünsche nicht unverzüglich in ihrem Sinne erfüllt werden können“, sagt Weinmann-Linne. „Unseren Patienten möchte ich dabei überhaupt keinen Vorwurf machen, da diese nicht zu erfüllende Anspruchshaltung in Form unbegrenzter Leistungsversprechen aus der Gesundheitspolitik und durch die Kostenträger immerzu weiter geschürt wird.“
Wenn Patienten in der Praxis auf ein bestimmtes Medikament oder eine Behandlung bestünden, fragten diese bei den Krankenkassen nach. Dort sei meist das klare Signal: kein Problem. „Die Sachbearbeiter der Kostenträger versprechen den Patienten auf Nachfrage stets das Blaue vom Himmel. Es bedarf nur einer ärztlichen Verordnung und die Kasse übernehme alle Kosten. Bis zu zwei Jahren rückwirkend werden wir dann allerdings in Haftung genommen“, sagt Weinmann-Linne. Medikamentenverordnungen und Laborleistungen für Patienten müssten dann aus eigener Tasche des Arztes bezahlt werden. In zwei Jahren kann sich so einiges aufsummieren. „Bis in den fünfstelligen Bereich“, sagt der Hausarzt. So werde ein Keil zwischen langjährig etablierte und vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnisse getrieben.
„Jüngst wurden sicher geglaubte Leistungen aus der hausarztzentrierten Versorgung nachträglich kurzerhand um rund 17 Prozent gekürzt. Leistungen aus dem Terminservicegesetz gänzlich gestrichen“, zählt der Arzt auf. Unter anderem geht es um Programme für chronisch kranke Patienten, die rückwirkend nicht voll bezahlt werden.
Attraktivität des Hausarztberufes stärken
Immer schwieriger wird die Suche nach Hausärzten, besonders auf dem Land. Kommunen werben um Mediziner, die die ärztliche Versorgung sicherstellen sollen. Der Landkreis wird wie berichtet mit einer besonderen Form den Einstieg als Arzt in die Region attraktiv machen. Es geht um die Finanzierung eines Kooperationsvertrags zwischen den Elbe Kliniken Stade-Buxtehude und der Universität Riga. Andere Kommunen wie Harsefeld bauen ein Medizinisches Versorgungs-Zentrum. Ob das allein zu mehr Hausärzten für die Praxen führt, bezweifelt Patrick Weinmann-Linne. Die Attraktivität müsste gesteigert werden. Der GKV-Spitzenverband, die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, sehe trotz erheblicher Ausgabensteigerung bei Personal- und Energiekosten keinen Spielraum für Honoraranpassungen im ambulanten Bereich.
Probleme im System auf dem Rücken der Ärzte ausgetragen
Patrick Weinmann-Linne kommt aus der Notfallmedizin. Bevor er in Apensen die Gemeinschaftspraxis eröffnete, arbeitete er am Elbe Klinikum Buxtehude. In Apensen kümmerte er sich um die Notfallversorgung. Wenn im Ort schnelle medizinische Hilfe vonnöten war und ein Rettungsdienst zu lange gebraucht hätte, wurde er mitalarmiert. Zeitgleich baute die Feuerwehr spezielle, im Umgang mit Defibrillator und Erste Hilfe geschulte Gruppen auf.
Weinmann-Linne sagt, er sei mit viel Idealismus in den Beruf gestartet. Viele Probleme im Gesundheitssystem würden aber auf dem Rücken der Ärzte ausgetragen. Zum Abschied bedankt er sich für die Zusammenarbeit bei den Kameraden und Kameradinnen der Feuerwehr und des Rettungsdienstes. Und er dankt den Mitarbeiterinnen in der Praxis und den Mitarbeitern der Kassenärztlichen Vereinigung Stade für ihr Engagement sowie den Patienten. Es ist dennoch ein Abschied aus der Praxis und aus Apensen, der bewusst gewählt ist.