Zähl Pixel
Altes Land

TEnge gefährdet schnelle Einsätze der Feuerwehren

60 Zentimeter: Gemeindebrandmeister Jens Kuck zeigt mit dem Zollstock, wie eng es in der Fahrzeughalle im Gerätehaus in Hollern-Twielenfleth ist. Erst, wenn das Löschfahrzeug vor dem Gerätehaus steht, dürfen sich der stellvertretende Ortsbr

60 Zentimeter: Gemeindebrandmeister Jens Kuck zeigt mit dem Zollstock, wie eng es in der Fahrzeughalle im Gerätehaus in Hollern-Twielenfleth ist. Erst, wenn das Löschfahrzeug vor dem Gerätehaus steht, dürfen sich der stellvertretende Ortsbr

Die Feuerwehr-Unfallkasse hat eine Brandmail an Bürgermeister Timo Gerke geschrieben – und die Samtgemeinde Lühe aufgefordert, die Mängel abzustellen. Drei Gerätehäuser sind mangelhaft, im schlimmsten Fall könnten Feuerwehrleute zu Schaden kommen.

Von Björn Vasel Mittwoch, 15.12.2021, 12:30 Uhr

Seit 2018/2019 liegt ein Mängelbericht vor, doch der verstaubte in der Schublade. Bislang. Denn der neue Rat will jetzt handeln.

Unfallgefahr: Wenn Feuerwehrmann Henning Tiedemann und seine Kameraden bei einem Feuer oder Unfall ausrücken müssen, kommt es allzu oft auf Minuten an, die zwischen Leben oder Tod entscheiden. Doch im Feuerwehrgerätehaus in Hollern-Twielenfleth gibt es keine abgetrennten Umkleideräume. Die Feuerwehrleute müssen ihre Einsatzkleidung in der Fahrzeughalle anziehen. Die Schutzausrüstung hängt an der Wand. Der Abstand zwischen Löschfahrzeug und Umkleidebereich beträgt knapp 60 Zentimeter. Kurzum: Sicherheitsabstände werden nicht eingehalten, Einsatzkräfte könnten von den Fahrzeugen erfasst und überrollt werden.

Deshalb gibt es – seit einer Besichtigung des Gerätehauses durch die Feuerwehr-Unfallkasse im Oktober 2018 – die Dienstanweisung, dass Fahrzeuge bei Alarm zuerst vor die Tür gefahren werden, bevor alle nach dem Umziehen aufsitzen dürfen. Doch das kostet Zeit, so Gemeindebrandmeister Jens Kuck und der stellvertretende Ortsbrandmeister Henning Tiedemann.

Mängelliste verstaubt seit Jahren im Rathaus

Unfallkasse: Dirk Röbbert von der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen (FUK) hatte bereits 2019 in seinem 22-seitigen Mängelbericht bauliche Maßnahmen gefordert, „um die vorhandenen Sicherheitsdefizite zu beseitigen“. Dazu zählte der Bau von Umkleideräumen. Doch die Kommunalpolitiker gaben 2019 nur eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Auch diese lag bislang tief in einer Rathaus-Schublade.

Denn die Samtgemeinde Lühe steckt tief in den roten Zahlen, die Sanierung der Sporthalle Striep und der Schulbau hatten (für den alten Rat) Priorität – neben dem Ersatz abgängiger Feuerwehrfahrzeuge. Jetzt stehen die Altländer vor einem Riesenproblem. Der Grund: Nicht nur das bereits 2002 erbaute Gerätehaus in Hollern-Twielenfleth, sondern auch die Gerätehäuser in Neuenkirchen (2004) und in Mittelnkirchen (2008) entsprechen nicht den Unfallverhütungsvorschriften und den Vorgaben.

Mahnung: In einer Brandmail hat Röbbert der Samtgemeinde die Leviten gelesen. Er moniert, dass „bis heute keine vernünftigen Verhältnisse“ geschaffen worden seien. Die Kommune sei als „Träger des Brandschutzes“ verpflichtet, alle „erforderlichen Maßnahmen zur Verhütung von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren zu treffen“ – selbstständig und vollkommen unabhängig von einer Besichtigung durch die Feuerwehr-Unfallkasse. Letztlich sei die Kommune selbst für die Sicherheit verantwortlich.

Röbbert schlägt der Politik (abhängig von den Mängeln) eine Prioritätenliste vor: 1. Hollern-Twielenfleth; 2. Mittelnkirchen; 3. Neuenkirchen. Letztlich hätten alle drei Gebäude bereits bei der Planung nicht den DIN-Normen Feuerwehrhäuser, den Unfallverhütungsvorschriften und der Arbeitsstättenverordnung entsprochen (das TAGEBLATT berichtete). Funktionsräume wie Umkleiden, Duschen/Toiletten für beide Geschlechter und Lager wurden „nicht oder nicht ausreichend“ berücksichtigt. Einen rechtlich verbindlichen Zeitplan gibt es allerdings nicht.

Damit nicht genug. Es mangelt auch an sicheren Stellplätzen für die Einsatzkräfte und an Schwarz-Weiß-Bereichen. In den Neubauten – wie jüngst in Horneburg – ist eine Trennung zwischen privater und sauberer Schutzkleidung und der nach Einsätzen wie Bränden häufig mit gefährlichen Stoffen kontaminierten Kleidung längst Standard. Doch auch diese Gesundheitsgefahren wurden in Kauf genommen.

Keine Grundstücke für Um- und Anbau

Hürden: Die elfseitige, bislang nicht öffentlich gemachte Machbarkeitsstudie des Architekturbüros cappel + reinecke lieferte Anfang 2020 erste Lösungsansätze. Die geschätzten Kosten: knapp 1,9 Millionen Euro. Doch das ist Theorie. Im Kleingedruckten steht bei allen Gerätehäusern in der Bewertung: Um die mangelhaften Gerätehäuser in funktionsfähige und normgerechte Feuerwehrhäuser durch Um- und Anbauten verwandeln zu können, müssten Nachbarn ihre Grundstücke an die Samtgemeinde verkaufen. In Neuenkirchen hat die Gemeinde sich jüngst das Nachbargrundstück vorausschauend gesichert. Denkbar seien auch Neubauten.

Vorstoß: Dass das Thema jetzt wieder auf der Agenda steht, ist dem Samtgemeindebürgermeister Gerke zu verdanken. Die Feuerwehr hat in der Vergangenheit wiederholt gemahnt – ohne Erfolg. Der neue Rathaus-Chef hatte im Vorfeld der Sitzung des Feuerschutzausschusses der Samtgemeinde wenige Wochen nach seinem Amtsantritt die FUK angeschrieben. „Ich möchte nicht, dass irgendwann die Eltern oder Kinder von Feuerwehrleuten nach einem Unfall vor mir sitzen und mich fragen, warum habt ihr nichts getan?“, sagte Gerke. Im Ausschuss griff Joachim Streckwaldt (CDU) die Vorlage auf, die Situation sei „unzumutbar“. Politik und Verwaltung seien es den 285 freiwilligen Feuerwehrleuten schuldig, sie vor Gefahren zu bewahren, ergänzte Ricardo Schmorl (FWG). Auch Margaret Schindler (Grüne), Nicola Hahn (FDP) und Jürgen Michaelis (SPD) stießen in dasselbe Horn. Das Aussitzen müsse ein Ende haben. Einstimmig forderte der Ausschuss auf Antrag von Streckwaldt den Rat auf, zwei Millionen Euro in den Etat 2022 einzustellen. Der Vorsitzende Marco Harlef von der CDU enthielt sich. Anfang 2022 wird sich zeigen, ob es eine Mehrheit im Rat gibt.

Weitere Themen

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel