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7 Tage ohne: Peter von Allwörden lässt das Auto stehen

7 Tage ohne: Peter von Allwörden lässt das Auto stehen

"Sieben Tage ohne" heißt das Motto der TAGEBLATT-Redaktion zur Fastenzeit. Sechs Redakteure üben nacheinander eine Woche Verzicht. Zurzeit ist Peter von Allwörden an der Reihe. Er lässt sein Auto stehen.

Dienstag, 05.03.2013, 15:58 Uhr

"Sieben Tage ohne" heißt das Motto der TAGEBLATT-Redaktion zur Fastenzeit. Sechs Redakteure üben nacheinander eine Woche Verzicht. Zurzeit ist Peter von Allwörden an der Reihe. Er lässt sein Auto stehen.


Also, das Wetter war mir wirklich hold. Als ich mich gegen 10.15 Uhr in Drochtersen mit meinem Rad Richtung Bützfleth aufmachte, schien kurz darauf die Sonne. Um 11 Uhr hatte ich bei der Dow einen Termin - das liegt zum Glück auf der Strecke. Die ersten Kilometer waren etwas anstrengend. Der Winter war lang und bequem. Mir war sofort klar: Es fehlt die Kondition, die ich hoffentlich am Ende dieser einen Woche wieder haben werde.
Dow-Sprecher Joachim Sellner empfing mich bereits draußen vor dem Bürohaus und dokumentierte mit seiner Kamera meinen Fahrradeinsatz. "Man weißt ja nie, wofür das gut sein kann", schmunzelte er. Nur ins Werksgelände durfte ich nicht mit meinem Rad hinein und fuhr die zwei Kilometer in Sellners Auto mit - es sei mir verziehen. In der Redaktion klang es ein wenig nach Anerkennung, aber die gibt es erst, wenn ich auch durchhalte. Heute habe ich für die Strecke durch die Dörfer am Obstmarschenweg insgesamt eine Stunde gebraucht.

Im Dunklen bringt Radeln keinen Spaß

Ich gebe es zu: Gestern bei diesigem und leicht nasskaltem Wetter war es nicht gerade ein Vergnügen, mit dem Rad zu fahren. Aber richtig unangenehm war es eigentlich am Abend des ersten Tages: Es dämmerte schon, als ich von meinem Termin in Stade wegkam. Es war kalt und ab Bützfleth schon richtig dunkel. Nach knapp einer Stunde war ich dann zu Hause. Wir hatten gerade Besuch bekommen. Als der mir die volle Anerkennung aussprach und ich mich am Kaminfeuer aufgewärmt hatte, fühlte ich mich deutlich besser.
Die am Abend neu gewonnene Motivation reichte gerade noch, als ich dann gestern Morgen aufbrach. So richtig Lust hatte ich nicht, aber ich stehe ja im Wort. Also auf geht’s. Ich wähle wieder einmal die rund 18 Kilometer lange Strecke über die Dörfer und ärgere mich über den schlechten Zustand der Fahrradwege entlang des Obstmarschenweges. Baumwurzeln drücken die Teerschicht nach oben. Das macht die Tour nicht gerade bequemer.
Abends wird es dann noch später als am Vortag, weil ich einen Ausschusstermin wahrnehmen muss. Da werde ich erst im Dunkeln starten können. Und kalt wird es bestimmt auch. Aber zwei Aussichten trösten mich schon zuvor: Erstens werde ich diesmal die Moorstrecke benutzen – das sorgt für Abwechslung –, und zweitens werde ich wieder etwas für meine Gesundheit tun, denn mein Kreislauf kommt so richtig schön in Schwung.
Kalorien verbrenne ich auf jeder Tour auch ganz ordentlich: Ein Kalorienverbrauchsrechner im Internet bestätigt mir, dass ich mit einer Stunde Radeln bei Durchschnittstempo 18 rund 600 Kilokalorien verbrauche – eine komplette Mahlzeit immerhin, und das gleich zweimal am Tag. Ich freue mich jetzt schon auf die Rückfahrt durchs dunkle, kalte Moor. Ehrlich.


Verspätet mit dem Rad – wie sonst per Auto

Der dritte Tag begann wieder mit Sonne, aber der zweite endete mit einer Tour durchs dunkle Moor bei Kälte und Nieselregen. Ein Wetter, bei dem man seinen Hund nicht nach draußen schicken möchte... So begegnete ich auch keinem einzigen Radler auf der ganzen Strecke. Dabei hatte ich zuvor schon Stress: Die Ausschusssitzung, zu der ich fahren wollte (siehe Text auf der 1. Lokalseite) war nicht, wie sonst üblich, im Rathaus, sondern im DRK-Heim in der Wendenstraße, also gute drei Kilometer weiter. Das habe ich natürlich erst gesehen, als ich wegen des Tagungsraumes auf die Tagesordnung geschaut habe. Folge: Ich kam, leicht schwitzend, fast 15 Minuten zu spät zur Sitzung. Doch gewundert hat sich keiner, weil ich mir über Jahre meinen Ruf als permanenter „Zu-spät-Kommer“ erworben habe. Doch eigentlich wäre ich mit dem Fahrrad endlich einmal pünktlich gewesen.
Zurück zum sonnigen Freitagvormittag. Die Route durchs Moor ist bei Tage schön, aber einen Kilometer länger als die Dorfstrecke. Ich war so rechtzeitig vor meinem Termin in der Redaktion, dass ich noch einige Telefonate führen konnte. Es lief also alles rund. Wenn ich es schaffe, früh Feierabend zu machen und im Hellen zu Hause zu sein, dann ist der dritte Tag auch geschafft mit dem Fahrradfahren. Und am Wochenende bleibt das Auto natürlich auch stehen – ist doch Ehrensache.


Zum Opernball hat meine Frau mich gefahren

Wie ich mich fühle bei diesen Touren, was mir durch den Kopf geht – das will ein eifriger Leser und Radler von mir wissen. Vor allem geht es bei mir ums Durchhalten. Ein guter Trick ist es, sich auf kleine Etappen zu freuen, die man hinter sich gebracht hat: Bützflethermoor, Ritschermoor und dann nur noch sieben Kilometer... So ähnlich läuft das bei mir ab. Meine Gedanken kreisen eher ums Fahrradfahren. Wie schnell es doch im Stadtverkehr mit dem Rad geht und keine lästige Parkplatzsuche; wie ich auf andere Wege achte, Abkürzungen nehmen kann, die mit dem Auto nicht möglich sind; wie ich mich über Autofahrer ärgere, die den Fahrradweg blockieren; und dann dieser riesige Berner Sennenhund, der mich im Moor bald vom Fahrrad geholt hätte. Ich mag Hunde, habe selber einen, aber solch ein Verhalten der Hundehalter ist schlicht fahrlässig.
Aber jetzt zum vergangenen Wochenende. Am Sonnabendmittag hatten meine Frau und ich einen Termin in der Schule unseres Kleinen. Weil wir noch einiges andere in Stade zu erledigen hatten, habe ich mich gegen das Fahrrad entschieden und bin um 11.11 Uhr, Abfahrt beim Drochterser Rathaus, mit dem Bus nach Stade gefahren. Vorgabe ist ja auch nur, sieben Tage auf das Auto zu verzichten. Kollegen hatten sogar gesagt, ich solle doch auch einmal mit dem Bus fahren. Ich glaube, seitdem ich einen Führerschein habe, bin ich nicht mehr Bus gefahren. Geändert hat sich in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten kaum etwas. Zu meinem Erstaunen war der Bus voll, ab Assel mussten alle neuen Fahrgäste stehen. Viele Jugendliche, aber auch ältere Menschen waren im Bus. Die Fahrt dauert 40 Minuten, hinzu kommen 5 Minuten Fußweg. Ein großer Zeitvorteil gegenüber dem Fahrrad ergibt sich nicht. Komfortabel ist die Suche nach den Busverbindungen im Internet.
Aber ich muss etwas gestehen: Am Samstagabend bin ich von meinem Vorsatz abgewichen. Wir waren auf dem Opernball, und meine Frau bestand darauf, mit Abendkleid und Smoking im eigenen Auto nach Stade zu fahren. Aber sie ist gefahren, ich habe mich nur chauffieren lassen. Ich werde diese eine Ausnahme wieder gut machen und in der kommenden Woche einen Tag dranhängen. Der Sonntag war ein ruhiger Tag in Drochtersen. Brötchen holen, die Einladung zum Kaffee bei meiner Schwester und der Restaurantbesuch mit unseren Großen, die spontan kamen, konnten zu Fuß oder mit dem Rad erledigt werden.


Radeln ist nicht immer ein Vergnügen

Fahrrad zu fahren, ist eine wunderbare Freizeitbeschäftigung. Bei schönem Wetter an einem herrlichen Mai-Sonntag durch Äcker und Wiesen zu radeln, zwischendurch vielleicht eine kleine Pause bei einem Eis oder kühlen Getränk, das stellt man sich gemeinhin unter Radtouren vor. Da dürfen es auch gerne 50 Kilometer oder mehr sein, die man gemütlich an einem Tag zurücklegt. Aber Radfahren zu müssen, um so zum fast 20 Kilometer entfernten Büro zu kommen - und das bei Wind und Wetter -, hat relativ wenig mit dieser Freizeitbeschäftigung zu tun. Da würde ich manchmal lieber den Bus nehmen. Aber ich habe mich am Montag bei Raureif und gefühlten zwei Grad minus wieder auf den Sattel geschwungen und war sogar pünktlich bei unserer Wochenkonferenz. Wenn der innere Schweinehund einmal überwunden ist, fühlt man sich danach meist ganz gut. Und am Tage ist das Wetter ja auch noch richtig schön geworden. Wenn nur nicht die abendlich Rückfahrten im Dunkeln wären.
Eines muss ich ehrlich sagen: Bisher habe ich das Autofahren nicht richtig vermisst. Ich bin zwar ein absoluter Autoliebhaber, stehe auch dazu, aber einmal für kurze Zeit autofrei zu leben, ist nicht unangenehm. Also, wenn ich in der Stadt lebte, würde ich viel öfter aufs Auto verzichten. Aber ich lebe ja nun einmal auf dem Land...

Das Auto bleibt nun schon mal öfter stehen

Nun sind sie schon vorbei – diese sieben Tage ohne Auto. Und mit dem schönen Wetter am Montag und Dienstag fiel die tägliche Tour immer leichter. Am Montag nach der Stader Ratssitzung war es zwar schon dunkel, aber an dem Tag habe ich meinen Rekord aufgestellt: Vom Rathaus nach Drochtersen sind es fast 20 Kilometer – und die habe ich in 50 Minuten geschafft. Danach musste ich unter die Dusche.
Nun ist es Zeit, ein Fazit dieser autofreien Tage zu ziehen. Zunächst einmal ganz persönlich: Ich fühle mich nach diesen Tagen, in denen ich an fünf Arbeitstagen runde 240 Kilometer zurückgelegt habe, viel besser – körperlich und mental. Die Kondition ist merklich besser geworden, und immer wieder von Neuem durchzuhalten, ist schon am Ende des Tages ein gutes Gefühl. Wenn dann auch noch Bestätigung und Anerkennung von anderen kommt, ist das noch besser. Das schönste Erlebnis war, als meine Frau mich in den Arm nahm sagte: „Ich bin stolz auf dich.“
Aber ich möchte aus diesen Tagen auch persönliche Konsequenzen ziehen. Erstens habe ich mir vorgenommen, möglichst einmal pro Woche mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, zweitens werde ich mir ein älteres Fahrrad, das momentan kaum benutzt wird, in unsere Verlagsgarage stellen, um künftig die meisten Fahrten in die Stadt mit dem Rad zu erledigen. Denn diese Stadtfahrten sind wirklich eine tolle Erfahrung. Es geht schneller als mit dem Auto, und die Parkplatzsuche entfällt. Zudem habe ich noch festgestellt, dass man den Kopf auf diesen kurzen Touren freibekommt. Die frische Luft ist ohnehin angenehm.
Aber ganz ehrlich: In unserer ländlichen Region aufs Auto zu verzichten, ist schon ein erheblicher Komfortverlust und sogar teilweise schlicht nicht möglich, weil das Angebot des Öffentlichen Personennahverkehrs nicht annähernd so vielfältig ist wie in großen Städten. Wenn ich ganz ehrlich bin, war das auch kein konsequenter Verzicht auf das Auto. Als Familie haben wir ja nicht verzichtet. Einkäufe, die Fahrten zur Schule oder zu anderen Terminen hat meine Frau erledigt. Da wurde keine Mineralwasser-Kiste auf dem Rad-Gepäckträger transportiert.
Ich war immer schon ein begeisterter Radler, aber eben nur in der Freizeit. Das soll sich nun ändern. Aber dennoch bleibe ich bekennender Autoliebhaber und würde nicht aufs Auto verzichten wollen – es aber das eine oder andere Mal öfter stehen lassen.

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