80 000 Teilnehmer bei CSD-Demonstration in Hamburg
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Pride statt prüde: Mit nackter Haut, viel Musik und guter Laune haben am Samstag Zehntausende Menschen beim Christopher Street Day in Hamburg für mehr Toleranz und Offenheit demonstriert.
Von Fabian Wegener (dpa)
Mann, Frau - oder vielleicht doch etwas dazwischen? Beim Christopher Street Day in Hamburg muss sich niemand für ein Geschlecht entscheiden, nicht einmal beim Besuch öffentlicher Sanitäranlagen. «Unisextoiletten findet ihr auf dem Jungfernstieg gegenüber vom Alsterhaus und Mitte des Ballindamms», steht an einem der Klohäuschen. Ganz normal also. «Du bist, wie du dich fühlst», ruft eine junge Frau am Samstag, ehe sie sich von einem vorbeikommenden Transvestiten umarmen lässt.
Im Hintergrund dröhnen bereits die wuchtigen Bässe, mit denen die bunten Festwagen abwechselnd Techno-Beats, Oldies und politische Botschaften in die Menge feuern. Langsam, aber zielsicher zieht die Parade von der Langen Reihe zum Jungfernstieg. Rund 80 000 Teilnehmer zählt die Polizei, die tanzend, in verrückten Kostümen oder auch halb nackt für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transgenders demonstrieren.
Ein amerikanischer Schulbus, aus dem kleine Regenbogenfahnen gehalten werden, schiebt sich tuckernd durch die Menge, dicht gefolgt von mehreren Männern in Stöckelschuhen, die den Blick auf eine regelrechte Plakatwand freigeben. «Girls like Girls» oder «Lieb doch, wen du willst» steht auf ihnen, gut sichtbar für die rund 100 000 Zuschauer, die vom Straßenrand aus das Spektakel bestaunen und mitfeiern. Bei 30 Grad wird es den Teilnehmern zur Mittagszeit so warm, dass die Feuerwehr mit Wasserkanonen für Abkühlung sorgen muss.
Die friedliche Atmosphäre ist jedoch nicht für alle Teilnehmer eine Selbstverständlichkeit. «Ich kann mich nur gut an die Demos Ende der 80er erinnern, bei denen Hunderte Polizisten mit Schlagstöcken und Schutzschilden mitgelaufen sind», erzählt Ilkka Vollmers (51), der seit Anfang des Jahres auch offiziell mit seinem Lebenspartner Horst verheiratet ist. «Das ist für uns nicht nur eine Party, das ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Diese Demo hier, die politischen Aussagen, das ist das Wesentliche», sagt er, bevor er wieder eine metergroße Regenbogenflagge über sich kreisen lässt.
Tatsächlich erinnert der CSD an einem Aufstand von Homosexuellen im Juni 1969 in der Christopher Street in New York. Diese wehrten sich gegen gewalttätige Razzien der Polizei in Schwulenkneipen. Der Aufstand endete in tagelangen Straßenschlachten. Heute demonstrieren am CSD Menschen weltweit für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung, um so diesen Auseinandersetzung zu gedenken.
«Natürlich entsteht schnell der Eindruck, der CSD sei nur eine bunte, verrückte Parade. Es soll zwar auch Spaß machen, doch eigentlich stehen starke politische Botschaften im Vordergrund», sagt Matthias Laiß, Pressesprecher des Veranstalters Hamburg Pride e.V.. Deshalb habe man die Parade in diesem Jahr bewusst als Demonstration angekündigt. Unter dem Motto «Freie Bahn für Genderwahn!» sollten in diesem Jahr vor allem gegen vorherrschende Geschlechterschubladen demonstriert werden.
Neben einer Einführung des dritten Geschlechts fordern die Demonstranten einen gendersensibleren Umgang mit der Sprache sowie eine Reform des Transsexuellengesetzes. Die hohe Beteiligung in Hamburg werten die Veranstalter als wichtiges Zeichen in politisch schwierigen Zeiten.
«Es gibt viele Dinge, die wir feiern können - die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, zum Beispiel. Gleichzeitig erleben wir aber auch einen starken Gegenwind durch rechtspopulistische und fundamentalistische Gruppen, die unsere Rechte immer wieder zu untergraben versuchen», so Laiß. Schärfster politischer Gegner sei inzwischen die AfD, die eine Verfassungsklage gegen die Ehe für alle angekündigt hat - und damit nach Expertenmeinung sogar Erfolg haben könnte. Der gelungene CSD in Hamburg sende ein wichtiges Zeichen für Toleranz in die Gesellschaft.
In Hamburg selbst scheint dieses Signal am Samstag unmissverständlich angekommen zu sein: Überall wehen die Regenbogenfahnen im lauen Sommerwind. Auch am Rathaus wurde sie gehisst - und selbst die US-amerikanische Botschaft schmückt sich mit dem Toleranz-Symbol. «Irrsinnig ironisch», sagt eine Teilnehmerin an einem Stand, bevor sie weiter «Make America Gay Again»-Flyer an die vorbeiziehende Menge austeilt.