A 20: Die großen Sorgen in Breitenwisch
Annika und Detlef Bösch und Gastwirt Holger Jarck . Im Hintergrund der bedrohte Hof von Familie Bösch. Fotos Klempow
Die Autobahn hat hier nicht viele Fans: In der Ortschaft Breitenwisch zeugen davon viele Protestschilder. „Küstenautowahn“ und „A 22 nie“ steht darauf. Die A 22 wird es hier nicht geben, die umbenannte A 20 aber rückt für das Dorf immer näher.
In Breitenwisch war die Sorge ob der Autobahnplanung schon immer groß, kaum einer, der in Breitenwisch Land hat, ist nicht betroffen. Wer hier lebt, hat gute Gründe dafür. Die Familie ist seit Generationen verwurzelt, oder er ist hierher gezogen, weil es in Breitenwisch so schön ruhig ist. So weit ist – mit freiem Blick über die Weiden und Äcker bis zum Ostedeich.
Während sich in der Gaststube in Holger Jarcks Wirtshaus die jungen Leute treffen, sitzen im Clubraum einige derjenigen zusammen, die vom Bau der Autobahn betroffen sind und brüten über der Landkarte. Gleich hinter Jarcks Gasthaus verläuft die Autobahn-Trasse. Neben dem Haus wird die Kreisstraße nach Burweg über die Autobahn geführt.
Wirt Holger Jarck will sich seinen grundsätzlichen Optimismus erhalten und seine Geschäftsstrategie anpassen. Weitere Ferienhäuser baut er nicht mehr, ob in seinen jetzigen drei Häusern noch Gäste übernachten wollen, wenn neben ihnen der Autoverkehr rollt, ist fraglich. Die Boßeltouren durch die platte Landschaft werden wohl nicht mehr gefragt sein, wenn die Gäste dafür erst über die Autobahn müssen. Vor der Eingangstür wird die Überführung der neuen Kreisstraße schon eine Höhe von rund zwei Metern haben, schätzt er.
Zum vergrößern bitte klicken. Die Planung für die A 20 im Bereich Breitenwisch, vorbehaltlich weiterer Anpassungen und ergänzt durch die Ortsbezeichnungen. Karte: Niedersächsische Straßenbaubehörde
Aber vorher kommt die Bauphase, und die bereitet ihm Kopfzerbrechen. „Unsere Umsätze werden stark einbrechen“, damit rechnet der Gastronom und schafft sich schon jetzt neue Standbeine. Speisen in Portionsgläsern oder tiefgefroren, der Partyservice oder der „kleine Einkaufsladen“, den er im Haus Anfang nächsten Jahres etablieren will. „Das Gasthaus, wo man früher unangemeldet einkehren konnte, wird mehr und mehr ersetzt durch Bedarfsgastronomie, also Essen, Trinken und Feiern nach Vereinbarung. Das Spontane bleibt so auf der Strecke“, sagt Jarck, der sich außerdem mit großen Investitionen zurückhält, um eine mögliche Bauphase zu überstehen.
Eine neue Strategie – die wäre für Detlef Bösch nicht so schnell zu finden. Sein Hof liegt gleich gegenüber. Seine 170 Milchkühe dürfen auf die Weide – das ist nicht mehr selbstverständlich, aber wieder gefragt. Das klappt nur, wenn der Landwirt auch genug Fläche direkt am Hof hat.
Wer Tiere halten will, braucht Land. 150 Hektar bewirtschaftet Familie Bösch. Durch die Autobahn werden „über Jahrzehnte aufgebaute Betriebsstrukturen zerstört“, sagt Detlef Bösch. Allein zehn Hektar seines Landes werden für den Autobahnbau vernichtet, dazu sollen noch vier Hektar als Kompensationsfläche wegfallen. „Die Autobahn schneidet unseren Betrieb mittig, diagonal durch“, sagt Bösch. Dadurch werde jede Fläche zerstückelt, in unwirtschaftliche Dreiecke, die kaum zu beackern sind.
Ob die Flurbereinigung da helfen kann, sei fraglich. „Wie man das wieder hinkriegen will – ich weiß nicht.“ Es gibt Ersatz für das verlorene Land, aber nur einen gewissen Prozentsatz. Woher soll das Land auch kommen? Bösch zeigt auf die Karte: In die andere Richtung grenzt das Land an die Wohnbebauung in Himmelpforten. Für seine Familie ist die Situation besonders bitter: Tochter Annika ist so gut wie fertig mit dem Studium der Agrarwirtschaft. Die 21-Jährige hat den Schwerpunkt Nutztierhaltung gewählt und steht in den Startlöchern, um im Familienbetrieb anzufangen. Ebenso wie ihr Bruder Jan, der seine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert. Und vielleicht hat auch die heute 13-jährige Pia Interesse an der Landwirtschaft. Was Investitionen in die Zukunft und die Hofnachfolge angeht, müssten sich Böschs also eigentlich keine Sorgen machen – wenn da nicht die Autobahn wäre: „Bei uns geht es praktisch an die Existenzfähigkeit unseres Betriebes.“
Jens Hardekopf ist landwirtschaftlicher Berater und macht klar: „Der Betrieb wird halbiert, und mit der halben Fläche kann er nicht klarkommen.“ Die Trasse verbrauche 266 Hektar, dazu kämen noch die Ausgleichsflächen mit über 220 Hektar. „Davon liegen 40 Hektar im nahen Umfeld von Breitenwisch, das ist ein riesen, riesen Problem.“ Dabei werde immer von extensiven Flächen gesprochen. „Wir haben hier aber Übergangsböden, Marsch und Moor. Wenn man diese Flächen extensiv führt, bekommen wir ein Problem mit dem Sumpfschachtelhalm, das sind giftige Kräuter, damit wird die ganze Weidewirtschaft gegen die Wand gefahren.“
In Breitenwisch gibt es viele Protestschilder, und die A 22 ist längst abgehakt. Die A 20 aber rückt immer näher.
Der Blick auf die Planungskarte offenbart ein besonderes Muster. Linien laufen in Nord-Süd-Richtung dicht an dicht über das Papier wie eine Schraffur. Es sind die Entwässerungsgräben – unerlässlich in Marsch und Moor. „Das ist ein über Jahrhunderte entstandenes, gepflegtes, angepasstes Entwässerungssystem“, sagt Maria Stegmann. Die A 26 habe auch im Alten Land zu Problemen geführt. „Das kann man ja sehen, rechts und links, wenn man da lang fährt“, sagt Anwohnerin Birgit Breuer. „Ein abschreckendes Beispiel.“ Den Planern und Ingenieuren wird in Jarcks Clubraum wenig Vertrauen entgegengebracht. „Am langen Ende werden nachher die Eigentümer die Kosten tragen, weil die Deichverbände sich auch aus den Beiträgen finanzieren“, ist sich Anwohnerin Maria Stegmann sicher.
Den Befürchtungen der Breitenwischer liegt die tiefe Verbundenheit mit diesem Land zugrunde. Das Problem sei, so Bösch, dass unter dem Marschboden noch eine Moorschicht liege. „Es wird Wasser hochkommen, wo wir es jetzt noch nicht mal vermuten“, befürchtet Hardekopf. Was der Druck des Sanddammes auf den Boden bewirken werde, könne niemand wirklich einschätzen. Vernässungen von Flächen können die Folge sein, auch die seien dann für die Landwirtschaft verloren. Außerdem: Wer Land hergeben muss, das er gar nicht abgeben will, zahlt doppelt drauf: „Wir bekommen keinen Ersatz und müssen die Preise akzeptieren – was wir für das Land bekommen, müssen wir aber voll versteuern“, so Kirsten Stüven-Diercks. „Eine Geldvernichtung, die da zwangsweise betrieben wird“, folgert Maria Stegmann.
Die Landschaft wird nicht mehr die gleiche sein. In elf Metern Höhe soll die Autobahn die benachbarte Bahnlinie kreuzen, sie muss über den Burgbeck-Kanal und über die Horsterbeck gebaut werden, imposante Bauwerke – „niederschmetternd“ nennt Birgit Breuer diese Aussichten. Seit 2003 leben die Breitenwischer mit dem Stempel „Wenn die Autobahn kommt“. Das hat Spuren in der Dorfgemeinschaft hinterlassen. „Wenn Häuser verkauft werden, haben die immens an Wert verloren“, schildert Kirsten Stüven-Diercks. Wer sich jetzt in Breitenwisch ein Haus kauft, will ein günstiges Haus und vielleicht nicht so sehr die Ruhe oder eine intakte Dorfgemeinschaft. Andere sind wegen der Autobahn bereits gegangen.
Hier ist es so, die Leute sind hier aufgewachsen, haben etwas geerbt, wenige haben ihr Haus gekauft. Aber die Leute, die hier sind, sind bewusst hier, die wollen doch gar nicht weg“, sagt Birgit Breuer. Für diese Menschen sei in der Planung bisher wenig Raum gewesen. „Du hast keine Lobby, wenn du hier wohnst. Das macht schon traurig.“
Im nächsten Jahr beginnt das Planfeststellungsverfahren für die A 20 zwischen Elm und Elbtunnel. Eine Betroffenengemeinschaft hat sich gegründet, die die Interessen nicht nur von Landeigentümern schützen will. Das TAGEBLATT stellt einige der Betroffenen vor. Heute sind es Bürger aus Breitenwisch. Für Fragen zur Gemeinschaft stehen Ute Jungclaus (0 41 44 / 1762) und Sonja Schewe (0 41 44 / 60 64 37) zur Verfügung.