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Albert Schäfer: Herr des Gummis made in Harburg

Der Phoenix-Chef an seinem Schreibtisch: Albert Schäfer war ab 1946 Präses der Handelskammer Hamburg. Foto: Handelskammer Hamburg/Archiv

Der Phoenix-Chef an seinem Schreibtisch: Albert Schäfer war ab 1946 Präses der Handelskammer Hamburg. Foto: Handelskammer Hamburg/Archiv

Der passionierte Unternehmer hat die Phoenix-Werke groß gemacht und nach dem Krieg maßgeblich zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Hamburgs beigetragen.

Mittwoch, 19.04.2017, 16:04 Uhr

Von Martin Sonnleitner

Die Kautschukindustrie spielte in Harburg seit jeher eine große Rolle und Albert Schäfer galt als ihr Nestor. Schäfer wurde 1881 in Köln geboren und starb 1971 in Hamburg. Zwischen 1933 und 1949 war er Vorstandsvorsitzender der Phoenix Gummiwerke AG, dem damals zweitgrößten deutschen Gummihersteller. Als erster Handelskammerpräses der Nachkriegszeit gestaltete der Rheinländer den Wiederaufbau der hamburgischen Wirtschaft und die Belebung des deutschen Exportgeschäfts wesentlich mit.

Schäfer begann 1899 eine kaufmännische Ausbildung bei der Rheinischen Gummiwarenfabrik Clouth AG in Köln. Nach Auslandsaufenthalten erlangte er bei der thüringischen Gummiwarenfabrik Titan B. Polack 1908 Prokura für das Auslandsgeschäft. 1909 wurde er stellvertretendes Vorstandsmitglied. 1933 kam er nach Hamburg – im Jahr, als Hitler Reichskanzler wurde.

Somit trat auch die Phoenix AG nach einer durch Kriegs- und Nachkriegszeit bedingten schwierigen finanziellen Periode der Restrukturierung in eine neue Phase ein. Hitler begann auf wirtschaftlichem Gebiet mit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch den Bau der deutschen Autobahnen. Schäfer reagierte auf die einsetzende Motorisierung Deutschlands und verlagerte den Produktionsprozess der Phoenix auf Reifen. Erzeugnisse, die in der Krise besondere Verluste eingebracht hatten, wie modische Straßenschuhe und Tennisbälle, wurden aufgegeben und der Schwerpunkt im Schuhsektor auf Berufsstiefel gelegt, deren große Zeit wenig später begann.

Es war die Zeit der Wiederaufrüstung, in der es das wirtschaftliche Ziel der Nazi-Führung war, Deutschland von der Einfuhr ausländischer Rohstoffe unabhängig zu machen. Für die bisher von Rohgummi, Baumwolle und amerikanischem Ölgasruß abhängige Kautschukindustrie bedeutete das eine schwierige Aufgabe. So beteiligte sich Phoenix mit anderen Reifenfabriken an der Gründung der Deutschen Gasrußwerke GmbH in Dortmund. Der zwischenzeitliche Aufschwung wurde 1939 durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterbrochen, ohne dass dieser von diesem getrennt werden konnte. Da Kautschuk inzwischen für die zivile Versorgung und für die Kriegsführung eine große Bedeutung gewonnen hatte, konnte Phoenix seine Produktion mit etwa 4000 Arbeitern und Angestellten aufrechterhalten.

Zu Kriegsende erbat Schäfer mit einigen Mitstreitern bei den Briten Schonung für ein Reservelazarett auf dem Werksgelände der Phoenix. Die Alliierten hielten Schäfers Begleiter fest und beauftragten ihn als Zivilisten mit der Überbringung der Kapitulationsforderungen, denen alsbald stattgegeben wurde. Schäfer war nie bekennender Nazi, stattdessen versuchte er sein berufliches Ethos entgegen allen politischen Wirren aufrechtzuerhalten. Ein damaliger Vorstandskollege erinnerte sich: „Gerade aber aus dem Wissen um ihren charaktervollen und unabhängigen Chef brachten ihm Arbeiter und Angestellte während der ganzen Kriegsjahre Vertrauen entgegen.“ Unter der Decke der „nationalsozialistischen Betriebsgemeinschaft“ sei eine wirkliche Betriebsgemeinschaft herangewachsen.

Der Unternehmer stabilisierte nach dem Kriegsende bald die Marktposition der angeschlagenen Werke. Dazu waren insbesondere die Entwicklung von Metallgummiverbindungen sowie die Ausweitung der Autoreifenproduktion förderlich. Schäfer zog sich 1949 aus dem Berufsleben zurück und bekleidete fortan das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden. Ab 1961 verfolgte er schließlich die Geschicke der Gummiwerke AG als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates.

Als parteiloser Industrievertreter wurde Schäfer für die CDU in die Ernannte Hamburgische Bürgerschaft von 1946 aufgenommen. Im Anschluss an die nur wenige Monate währende Amtszeit wählten ihn Senat und Bürgerschaft für acht Jahre zum Handelskammerpräses. Von 1951 bis 1954 war der Katholik zudem Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages. Er setzte sich als Handelskammerpräses für eine Milderung alliierter Demontagemaßnahmen ein und kämpfte unverdrossen gegen die Beschränkungen in Hafenwirtschaft und Schiffsbau. Schäfer galt zeitlebens als wirtschaftsliberal und stand der sozialen Marktwirtschaft kritisch gegenüber.

Arnold F. Mergell ist der Senior-Chef der Hobum Oleochemicals GmbH in Harburg. Er kannte Schäfer noch persönlich. Schäfer hat nach dem Krieg 1945 sogar in dem Haus der Unternehmerfamilie Mergell in der Bremer Straße gewohnt. „Er hat mit meinem Vater immer gestritten, wer die größere Firma hatte“, erinnert sich Mergell schmunzelnd. Natürlich war es die Phoenix. Schäfer sei ein „knuffiger Kerl“ gewesen, „hart, jovial und loyal“. Beruflich erinnert er sich an zwei Dinge: Seine großen internationalen Kontakte, so sei Schäfer damals viel in Liberia gewesen, um Rohstoffe einzukaufen, und zum anderen seine Treue zur Firma. So habe er einem Konkurrenten große Anteile einer Kautschukplantage verkauft, um der eigenen Firma den Erhalt zu sichern.

Schon 1948 hatte Schäfer den Plan gefasst, so bald wie möglich eine dauerhafte Verbindung mit einem führenden Unternehmen der amerikanischen Reifenindustrie herzustellen, um Anschluss an die Fortschritte der amerikanischen Reifentechnik und -industrie zu gewinnen, was mit der Verbindung zwischen Firestone und Phoenix gelang. Zwischen 1949 und 1954 verdoppelte sich der Umsatz. Die juristische Fakultät der Uni Hamburg verlieh Schäfer 1956 den Doktortitel für sein Engagement zur Stabilisierung der Rechtsverhältnisse im Wirtschaftsleben der Nachkriegszeit und sein Wirken für rechtliche Regelungen im Außenhandel. Die Hamburger Handelskammer benannte 1958 ihren großen Sitzungssaal nach ihm.

Harburgs Köpfe

Der Hamburger Süden hat viele prominente Persönlichkeiten hervorgebracht. In loser Folge stellt das TAGEBLATT einige von ihnen vor. Heute: Der Unternehmer und frühere Phoenix-Chef Albert Schäfer.

Die Phoenix-Werke im Herzen Harburgs aus der Luft gesehen. Noch heute prägt der alte Industriebetrieb, heute im Besitz von Continental, den Stadtteil im Hamburger Süden.

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