Alexandra von Rehlingen: „Emanzipation war zu allen Zeiten möglich“
Alexandra von Rehlingen und ihre Tochter Antonia kommen zum Fotocall in der Elbphilharmonie in Hamburg. Foto: Christian Charisius/dpa
Sie ist eine der erfolgreichsten PR-Unternehmerinnen Deutschlands mit Büros in München, Berlin und Hamburg. Im TAGEBLATT-Interview spricht Alexandra von Rehlingen über Etikette, verbotene Wörter und die Herausforderungen der Eventbranche.
Viele Topmarken wie Montblanc, der Uhrenhersteller IWC oder Feinkost Käfer gehören seit vielen Jahren zu ihren Kunden. Die Anfänge ihrer Agentur Schoeller & von Rehlingen PR GmbH sind eng verbunden mit Schleswig-Holstein. Denn es war das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF), für das die Unternehmerin in den Anfangsjahren erstmals Sponsoren-Events ausrichtete. Bis dahin hatte sie mit ihrer Agentur-Partnerin und Freundin Andrea Schoeller ausschließlich PR- und Pressearbeit gemacht.
TAGEBLATT: Wann haben Sie entdeckt, dass Sie das Talent dafür haben und dass es Ihnen Spaß macht, im PR-Bereich zu arbeiten, Veranstaltungen zu organisieren und Menschen zusammenzubringen?
Alexandra von Rehlingen: Schon als Kind in den Ferien in Italien habe ich es geliebt, im Hotel Gäste zu begrüßen und an der Espresso-Bar mitzuhelfen. Als junge Studentin habe ich gern und oft Partys und Abendessen organisiert. Das lag mir also schon immer im Blut. Das Talent PR und Veranstaltungen beruflich machen zu können, hat meine beste Freundin und Agentur-Partnerin Andrea Schoeller bei mir entdeckt. Mit ihr habe ich 1986 die Agentur gegründet und war damit eine klassische Quereinsteigerin. Denn ich studierte ja damals Sinologie und Kunstgeschichte in München und wollte eigentlich in den internationalen Kunsthandel.
Sie mögen den Begriff PR-Lady überhaupt nicht. Warum?
Der Begriff ist ärgerlich, weil er völlig in die Irre führt. Jeder stellt sich darunter eine Gesellschaftsdame mit einem Glas Champagner in der Hand vor. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist wirklich harte Arbeit, und es wird einem nichts geschenkt.
Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die Sie für Ihren Beruf mitbringen?
Die Passion für interessante Leute und fürs Netzwerken, Spaß an Persönlichkeiten und Menschen. Das Einfühlungsvermögen für aktuelle Themen ist genauso wichtig wie die Disziplin und die Zuverlässigkeit. Und letztlich hängt der Erfolg vom richtigen Team ab, das die Sensibilität mitbringt, unsere Kunden richtig einzuschätzen, deren Thema zu transportieren und pragmatische Dinge zu wissen, wer zum Beispiel bei Events neben wem sitzen sollte und wer auf keinen Fall. Der Job erfordert viel emotionale Intelligenz.
Heute gehören Weltmarken wie Montblanc, Escada und IWC zu Ihren Kunden. Wie haben Sie das geschafft?
Man muss am Puls der Zeit bleiben. Die Konkurrenz ist gewachsen. Es gibt viele kleine Agenturen, die günstig arbeiten können, weil sie nicht sehr viel konstantes Personal haben und keine teuren Mieten bezahlen müssen. Die verschwinden aber oft auch schnell wieder, weil man am Ende des Tages Qualität liefern muss. Es reicht eben nicht, zum Beispiel im Eventbereich eine Gästeliste vorzulegen, die Eingeladenen müssen auch wirklich da sein. Wir sind sehr serviceorientiert und arbeiten mit allen Mitteln daran, die individuellen Wünsche unserer Kunden zu erfüllen. Das wird wahrgenommen.
Haben sich die Bedürfnisse Ihrer Kunden im Laufe der Jahre verändert?
Ja. Die Ansprüche sind gestiegen, und die Budgets sind gesunken. Heute wird auf jeden Cent geachtet. Trotzdem möchten alle Kunden die maximalen Resultate sowohl im PR- als auch im Eventbereich. Da ist es oft eine Herausforderung, die tollsten Leute, das beste Catering und die angesagteste Location zu liefern bei einem begrenzten Budget. Auch die Einstellung der Kunden hat sich verändert, die Events zum Beispiel konzentrieren sich heute mehr als früher auf die Botschaft, auf den Inhalt und die Qualität der Gäste. Früher gab es wesentlich mehr Chichi.
Ich stelle mir vor, dass Sie zu unzähligen Veranstaltungen eingeladen werden. Wie viele nehmen Sie an oder müssen Sie annehmen?
Ich schlafe wenig und gehe auf sehr viele Veranstaltungen − auch in Berlin, weil es zu meinem Job gehört. Der Zug zwischen Hamburg und Berlin ist mein zweites Wohnzimmer, weil die wichtigen Events alle in Berlin stattfinden. Natürlich gibt es auch für mich ein Limit und ich versuche zu sondieren, was wichtig und weniger wichtig ist. Aber ich bin wirklich sehr viel unterwegs.
Wie viele Stunden am Tag arbeiten Sie?
Mein Arbeitstag hat keine festen Zeiten. Oft bin ich am Abend noch auf einer Veranstaltung oder bearbeite noch die letzten 100 Mails. Aber ich mache es wirklich gern.
Kann man in Ihrem Job Privates und Berufliches überhaupt trennen?
Das ist sehr miteinander verwoben, weil mein privates Netzwerk am Ende des Tages auch das ist, mit dem wir als Agentur arbeiten. Das Privatleben ist eigentlich Job und umgekehrt. Es ist auf keinen Fall ein Nine-to-five-Job.
Sie sind katholisch, gläubig und haben Franz von Assisi als Ihren Lieblingsheiligen bezeichnet. Warum ausgerechnet er?
Weil er ein großer Tierfreund war. Und weil ich seine Biografie sympathisch finde, wie er sich von seinem privilegierten Elternhaus abgewendet und dem Glauben zugewandt und in der Einöde Tiere um sich gesammelt hat, die für ihn genauso Geschöpfe Gottes waren wie Menschen. Besonders hier in Hamburg wird alles getan, um die christlichen Werte in den Hintergrund rücken zu lassen. Die Schulschließungen des Erzbischofs in Hamburg sind für mich da ein alarmierendes Beispiel.
Sie sind bekannt dafür, dass Sie klar und offen zu Ihren Werten stehen – ob als Tierfreundin gegen Gänsestopfleber oder gerade vor ein paar Tagen, als sich ein Taxifahrer aus religiösen Gründen weigerte, Ihren Hund Lola mitzunehmen. Woher nehmen Sie Ihre Zivilcourage?
Ich war schon während der Schulzeit so und habe mich immer für etwas eingesetzt. Tier- und Umweltschutz ist mir besonders wichtig. Das Artensterben und der unverantwortliche Umgang mit Tieren sind für mich unerträglich. Deshalb unterstütze ich auch viele Tierschutz- und Umwelt-Organisationen.
Sind Sie auch deshalb Vegetarierin?
Ja, Massentierhaltung, Tiertransporte und Tierversuche sind für mich das Schlimmste. Das ist auch der Grund, warum ich kein Fleisch und überhaupt keine Tiere esse. Seitdem ich vor 25 Jahren einen Film über Tiertransporte sah, kann ich das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren und will mich an diesem Horror-Kreislauf nicht beteiligen. Niemand sollte sich wundern, dass er krank wird, wenn er ständig Billigfleisch isst. Die Medikamente, die die Tiere bekommen, und was sie dann erleiden müssen, wirkt sich direkt auf den menschlichen Körper aus.
Welche Werte sind Ihnen denn wichtig?
Christliche Werte. Es ist eigentlich alles gesagt mit der goldenen Regel: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“
Sie sind Expertin für Etikette und Umgangsformen. Was ist ein absolutes No-Go?
Da gibt es für mich viele. Das geht bis zu Redewendungen, die ich schrecklich finde und nicht um mich herum hören möchte. Aber im Grunde sind es die Sekundärtugenden, die heute nicht mehr selbstverständlich sind: Dass man pünktlich ist, dass man sich höflich benimmt, dass man Bitte und Danke sagt. Ich möchte auch nicht ständig von allen möglichen Leuten geduzt werden. Und der raue und rücksichtlose Umgang mit alten Menschen geht gar nicht. Ich selbst habe immer großen Respekt vor älteren Herrschaften gehabt.
Sie haben mal gesagt: Wer bei Ihnen zu Hause lecker oder geil sagt, ist unten durch. Geil kann ich noch verstehen. Aber lecker?
Ich bin ja in Bayern aufgewachsen, und dort ist lecker ein Unwort. Meine Kinder dürfen das in meinem Beisein nicht sagen. Bei mir muss es köstlich heißen.
Sind Sie streng?
Ich bin nicht wirklich streng. Doch ich habe meine Prinzipien und kämpfe dafür. Aber am Ende des Tages kann man niemanden zu etwas zwingen, man kann nur einfach als gutes Beispiel vorangehen. Ich hasse zum Beispiel Undankbarkeit, etwa wenn man jemanden vergisst, sobald man ihn nicht mehr braucht. Und ich glaube, es kommt zu einem zurück, wenn man undankbar ist und sich schlecht benimmt. An dieses Karma glaube ich.
Sie wirken sehr diszipliniert. Wann lassen Sie sich gehen?
Wie bitte, wann ich mich gehen lasse? Dafür habe ich gar keine Zeit. Wenn ich mal ausschlafe, ist das schon viel für mich. Ich liebe den Sommermorgen in Norddeutschland und bin morgens ab 5 Uhr schon megafit. Mich gehen zu lassen, entspricht, glaube ich, nicht meinem Naturell.
Woher nehmen Sie Ihre Energie?
Daraus, dass ich gern mache, was ich tue. Wenn ich meinen Job nicht lieben würde, könnte ich nicht ein Viertel von dem leisten, das ich heute schaffe. Das geht, glaube ich, jedem so.
Noch einmal zurück zu Ihrem Werdegang: Sie sind nach der Scheidung Ihrer Eltern viel bei Ihrer Großmutter aufgewachsen, weil Ihre Mutter, eine Dolmetscherin, sehr viel arbeiten musste. Und Sie selbst haben sich mit 27 Jahren mit Ihrer Agentur selbstständig gemacht. Das ist modern und emanzipiert. Haben es Frauen inzwischen leichter als früher, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen?
Es geht und es geht in allen Ländern, nur in Deutschland wird ständig darüber gejammert. In Amerika, England oder Italien ist es total selbstverständlich, dass Frauen arbeiten und Kinder haben. Es ist eine Frage der Organisation. Man muss sich sein Netzwerk aufbauen und es wirklich wollen. Dann war es zu allen Zeiten möglich.
Was unterscheidet Hamburg von Berlin?
Sie unterscheiden sich sehr, und ich liebe beide Städte. Hamburg ist meine Basis und die schönste Stadt, die ich kenne. Sie hat Klasse, höchste Lebensqualität, ist grün, und die Menschen sind sehr viel zivilisierter im Vergleich zu den etwas vulgären Berlinern. Auf der anderen Seite ist Berlin der Nabel der Welt für Deutschland − kulturell, politisch und wirtschaftlich. Berlin hat Internationalität. Die Kombination aus beiden Städten ist für mich das Maximale in Deutschland.
Und gesellschaftlich?
Große Charity-Events können heute nur noch in Berlin stattfinden, weil man nur dahin das internationale Publikum bekommt. Das ist überall auf der Welt so. International ist immer die Hauptstadt. Aber die Hamburger sind wohlerzogener: In Berlin liegt zum Beispiel die No-Show-Rate (die Anzahl der Nichterscheinenden, Anmerkung der Redaktion) bei 20 bis 30 Prozent, in Hamburg bei maximal zehn.
Früher hieß es: In Hamburg wirst du nicht gefragt, was du beruflich machst, sondern wo du wohnst, um gesellschaftlich eingeordnet zu werden. Stimmt das noch?
Ja, es spielt immer noch eine Rolle. In Hamburg ist das eine Philosophie, anders als in Berlin oder München.
Was muss besser werden in Hamburg?
Wir hinken manchmal ein bisschen hinterher. Zum Beispiel haben wir hier noch auf die Zulassung von Uber gewartet, als deren Autos in Köln, Berlin, Frankfurt oder München schon längst fuhren. Und die Stadt muss darauf achten, dass sie ein attraktives Umfeld für Künstler und Kreative bleibt. Zum Beispiel die OMR-Messe für digitales Marketing, die seit 2011 in Hamburg stattfindet, ist genial für die Stadt, weil sie die digitale Branche nach Hamburg zieht. Das ist so wichtig wie die Elbphilharmonie. Hamburg, Senat und Erster Bürgermeister, müssen darauf achten, dass das Image der Stadt spannend bleibt.
Sie hätten 2002 die Chance gehabt, das mitzugestalten, als der damalige Bürgermeister Ole von Beust Sie zur Kultursenatorin machen wollte. Warum wollten Sie nicht in die Politik?
Ach, bevor ich mich in der Politik zerreißen lasse, mache ich lieber meinen Agentur-Job. Ständig darum zu kämpfen, wenigstens das Minimum an gesundem Menschenverstand walten lassen zu können, würde ich nicht aushalten. Für die Politik muss man sich wirklich berufen fühlen und ein sehr „flexibles“ Wertesystem haben. Für mich ist das keine Alternative.
Machen Ihnen die Erfolge der Autokraten Trump, Putin oder Erdogan eigentlich Angst?
Mir machen andere Sachen mehr Angst. Kinder werden vor Züge geschubst, Freibäder müssen von der Polizei geschützt werden. Die Putins und Trumps haben auch ihre jeweilige Berechtigung und Ursache. Ich beteilige mich nicht an diesem Bashing. Klar ist Präsident Trump in Amerika schwierig und irgendwie peinlich, aber die Wirtschaft läuft gut in Amerika. Also kann er ja nicht alles falsch gemacht haben.
Haben Sie Vorbilder?
Ja, viele. Meine Großmutter zum Beispiel, weil sie eine starke Persönlichkeit war und schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts eine unabhängige und emanzipierte Frau war. Sie hat mein Rollenverständnis sehr geprägt. Ich bewundere auch Persönlichkeiten wie Stefan Aust oder Henryk M. Broder, weil sie unbeirrbar vom Mainstream und unkorrumpierbar sind und sagen, wie es ist.
Eine letzte Frage: Kann man gesellschaftlichen Smalltalk lernen?
Ja, sicher. Das Wesen des Smalltalks ist, die aktuellen Themen zur Kenntnis zu nehmen und über sie mitreden zu können. Polarisierende Themen wie zum Beispiel Politik und Religion sollte man meiden. Aber nur übers Wetter zu reden, wird schnell langweilig – man muss die Themen, die den Zeitgeist bewegen, treffen.
Ich hätte gern mehr Zeit für ... Schwimmen, Theater, Konzerte, Lesen.
Mein Lieblingsplatz in Hamburg ... ist überall an der Alster.
Am besten abschalten von meinem Beruf ... kann ich beim Schwimmen. Ich schwimme jeden Morgen einen Kilometer.
Wenn nicht in Hamburg, würde ich am liebsten wohnen in ... Italien oder in Kanada.
Älter werden ... ist ein nicht zu leugnendes Faktum. Jugendwahn bringt einen nicht weiter, aber man muss etwas für sich tun.
Dresscodes ... finde ich wichtig, weil es respektlos ist, komplett falsch angezogen zu sein.
Ich ärgere mich ..., dass wir in Deutschland unser Wertesystem immer mehr verlassen. Ich bemerke einen Trend zur Selbstzerstörung der Deutschen.
Urlaub ... ist eines der bei mir verbotenen Worte. Bei mir muss es Ferien heißen. Urlaub machen nur Beamte, das habe ich von meinen Eltern gelernt. Also: Ferien sind wichtig, aber sollten nicht länger als acht bis zehn Tage dauern, dann wird mir schnell langweilig.
Alexandra von Rehlingen wurde 1959 in Landshut geboren und wuchs in München auf. Nach dem Abitur begann sie ein Studium der Sinologie und Kunstgeschichte in München und Hamburg. 1986 gründete sie gemeinsam mit ihrer Freundin Andrea Schoeller die Agentur Schoeller & von Rehlingen PR GmbH. Heute arbeiten mehr als 40 Mitarbeiter für die Agentur in München, Hamburg und Berlin. Sie ist Mutter von zwei Söhnen und zwei Töchtern und in zweiter Ehe mit dem Hamburger Medienanwalt Matthias Prinz verheiratet. In erster Ehe war sie bis 1990 mit dem Pianisten und Dirigenten Justus Frantz verheiratet. Die PR-Unternehmerin engagiert sich leidenschaftlich für die Umwelt, den Tierschutz und das Wohl von Kindern.