Als die Heidesiedler Neu Wulmstorf zum Ort machten
1951 baut der Flüchtling Erich Hinz auf dem alten Wehrmachtsgelände das erste komplette Siedlungshäuschen mit Wohnküche, Schlafzimmer, Vorbau und Dach.Foto Hinz
Die Neu Wulmstorfer Heidesiedlung steht als Sinnbild schlechthin für den Siedlungsbau der Ostflüchtlinge nach dem Krieg im Landkreis Harburg. 1951 baute Erich Hinz das erste komplette kleine Wohnhaus der Heidesiedlung. Jetzt zieht es ins Museum ein.
Als „Maulwurfshausen“ ist die Neu Wulmstorfer Heidesiedlung in ihren Anfängen in die Annalen eingegangen. Warum das so ist, wird bald auch im Kiekeberg-Museum zu erfahren sein, wenn die zentrale Kultureinrichtung im Landkreis Harburg mit ihrem nächsten großen Bauprojekt „Königsberger Straße“ ein bedeutendes Kapitel der Nachkriegsgeschichte – die Integration und Aufbauleistung der Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten – ins Museum aufnehmen wird.
Als sich nach Kriegsende die ersten Flüchtlinge in Neu Wulmstorf niederließen, war dort vieles noch ungeklärt. Sie hatten gehört, dass es noch freies Land gab auf der Heide am Riethbachtal. Dort sollte ab 1938 eigentlich die angrenzende Fischbeker Kaserne erweitert werden. Wulmstorfer Bauern hatten dafür ihr Land abgeben müssen. Übungsgelände und Wohnungen für die Wehrmachtsangehörigen sollten dort entstehen. Dann kam der Krieg, und bei Kriegsende beschlagnahmten die Engländer das Gelände.
Die mittellosen Flüchtlinge um ihren Fürsprecher und Anführer Max Geyer gründeten einen Verein, und der damalige Landrat Philipp Helbach ermunterte sie: „Fangt an, macht eure Keller fertig und zieht ein. Wo ein Keller steht, kommt auch ein Haus drauf, dafür sorge ich schon.“ Derart ermutigt, fingen die Siedler mit dem Bau ihrer Keller an, setzten ein Dach drauf und zogen ein. Doch sie mussten noch jahrelang in ihren Kellern wohnen, bis sie mit der Nordwestdeutschen Siedlungsgesellschaft Hamburg einen kapitalkräftigen Partner fanden und der Siedlungsbau fortschreiten konnte.
Erich Hinz wollte keinen Keller bauen. 1951 war der ehemalige Westpreuße mit seiner Frau Elfriede, einer Bessarabiendeutschen, über Evendorf nach Neu Wulmstorf gekommen, wo sich bereits einige Bessarabiendeutsche niedergelassen hatten. Während gegenüber die ersten Siedler in ihren Kellern hausten, baute Hinz am Rande des Riethbachtals das erste komplette Siedlungshäuschen. „Zwei Stühle, ein Tisch, ein Bettgestell, ein Herd und ein vorgefertigter Holzschuppen: So siedelten wir auf einer Heidefläche an der Königsberger Straße, die zu dieser Zeit noch ein Sandberg war. Strom gab es nicht, das Wasser mussten wir aus dem Riethbach holen“, berichtet Hinz in den Zeitzeugenberichten, die Neu Wulmstorfs frühere Archivarin Dagmar Müller-Staats in ihrem Buch zu Flucht und Vertreibung und den Anfängen der Heidesiedlung zusammengetragen hat.
Die anderen Siedler lebten 1951 noch in Kellern mit Dach. Das trug der Siedlung den Namen „Maulwurfshausen“ ein. Foto: Gemeindearchiv
Von Juni bis Oktober 1951 zog sein Vater mit Abbruchsteinen aus dem zerbombten Harburg das provisorische Häuschen mit einer Wohnküche und einem Schlafzimmer hoch, erzählt sein Sohn Armin Hinz. Vom Hausbau hatte Erich Hinz eigentlich gar keine Ahnung, aber „es ging, weil es gehen musste“, berichtete er später. Im Januar 1951 kam Armin Hinz in dem ersten Siedlungshäuschen zur Welt. Im Dezember 1954 konnte die junge Familie dann in eines der neuen Siedlungshäuser umziehen, die im Zuge des mittlerweile geklärten Siedlungsbaus an der Königsberger Straße errichtet wurden.
Armin Hinz lebt dort noch heute. Auch das kleine provisorische Haus steht noch immer hinter dem heutigen Wohnhaus. Sein Geburtshaus wurde erst Schweine-, dann Hühnerstall, später dann ausgebaut und vermietet. Auf die Anfangszeit seiner Eltern in Neu Wulmstorf schaut der 64-Jährige mit ein wenig Wehmut zurück. Denn das Foto seines Geburtshauses, das die kleine Wohnstatt allein auf weiter Flur und seine Eltern im Garten zeigt, wird nun ins Museum einziehen, wenn die „Königsberger Straße“ eröffnet und dort auch die Geschichte der Heidesiedlung dokumentiert werden wird. „Dass das Haus, das meine Eltern in harter Arbeit gebaut haben, in die Dauerausstellung kommt, freut mich und macht mich ein bisschen stolz“, sagt Hinz, der zu den ersten Kindern der Heidesiedlung gehört und Neu Wulmstorfs altem Ortskern bis heute treu geblieben ist.
Schließlich waren die Flüchtlinge der Motor der gesamten Neu Wulmstorfer Ortsentwicklung. Zwar war ein Teil des heutigen Neu Wulmstorf bereits seit 1835 besiedelt, als sich der Daerstorfer Knecht Peter Lohmann bei den vielen Füchsen auf dem unkultivierten Heideland an der Nordseite der Chaussee von Harburg nach Stade niederließ und „Vosshusen“ begründete. Doch die eigentliche Entwicklung Neu Wulmstorfs zum Ort, so stellt es auch Müller-Staats in ihren Recherchen fest, begann erst mit den Heidesiedlern. 1939 zählte Neu Wulmstorf 565 Einwohner. 1957 waren es bereits 3500.
Mit dem Großprojekt „Königsberger Straße“, das auf sechs Millionen Euro veranschlagt ist, bauen die Museumsmacher am Kiekeberg in den kommenden Jahren ein Ensemble auf, das typisch ist für das Leben in der Nachkriegszeit und bis heute das Erscheinungsbild von Dörfern in ganz Deutschland prägt. Am Freitag, 15. Juni, wird im Rahmen des Fördervereinsfests auf dem Museumsgelände der erste Spatenstich für das Projekt gesetzt.
Armin Hinz heute vor seinem Elternhaus an der Königsberger Straße. Das erste Siedlungshaus steht noch (rechts hinten). 1954 wurden die neuen davor gesetzt.Foto Michaelis