Als ein NS-Täter mit Rudi Dutschke mehr Demokratie wagte
Es soll ein Bestseller werden für Buxtehude: Mit ihrem Buch „Zeitreise – 1200 Jahre Leben in der Hansestadt Buxtehude“ nehmen neun Journalisten ihre Leser mit auf eine spannende und unterhaltsame Reise, von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft.
Eine dieser Geschichten ist die von Dr. Johannes Güthling (siehe Foto). Der ehemalige Schulleiter der Halepaghenschule wagte trotz NS-Vergangenheit mehr Demokratie am Buxtehuder Gymnasium.
Vielen, insbesondere jungen Buxtehudern wird der Mann, der einst eine bildungspolitische Revolution anzettelte, in einem ganz anderen Zusammenhang bekannt vorkommen: „Güthling-River“ heißt der Graben entlang der Halepaghenschule in Anlehnung an den ehemaligen Schulleiter. Der Mann hat Geschichte geschrieben. Respekt einflößend, ja autoritär sei sein Auftreten gewesen. Das mag an seiner etwas nebulös gebliebenen Rolle während der NS-Zeit gelegen haben. Wie Autor Hans-Jürgen Döscher in seiner Ausarbeitung über Güthling schreibt, habe der es zum Major der Reserve gebracht und war zum Außenstellenleiter des Sicherheitsdienstes der SS aufgestiegen – wohl begünstigt durch SD-Chef Reinhard Heydrich. Nach der Entnazifizierungsphase nahm Güthling im Oktober 1950 die Stelle als Oberstudienrat an der Städtischen Oberschule in Buxtehude an, 1953 beförderte ihn die Stadt zum Schulleiter – gegen den Willen des Kollegiums.
Umso erstaunlicher ist es im Rückblick, dass gerade dieser Schuldirektor alten Schlages mehr Demokratie wagte. Da passt es ins anfangs schiefe Bild, dass der weitreichenden Reform der Oberstufe alles andere als ein Mehrheitsbeschluss vorausging. Dr. Johannes Güthling zog sein Ding in den 60er Jahren durch – wiederum gegen den erklärten Willen der Lehrerschaft.
Zu erklären ist der Vorstoß Güthlings vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Umwälzungen der wilden 60er Jahre. Mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung, mehr Demokratie lauteten die zentralen Forderungen der aufmüpfigen Studenten in den großen Universitätsstädten. Die bestehenden Strukturen, das verhasste Establishment wurden infrage gestellt. Die Welle der Veränderungen schwappte bis nach Buxtehude. Güthling nahm die Idee der höheren Selbstverantwortung jedes Einzelnen auf und zeigte sich dabei konsequent. Die Schüler sollen nicht nur bei den seichten Themen des Schulalltags ein Wörtchen mitzureden haben, sondern auch ganz konkret bei ihrer eigenen Unterrichtsgestaltung. Das war in der Tat revolutionär. Die Klassenverbände in der 12. und 13. Jahrgangsstufe sollten aufgelöst werden, die Schüler durften ihre Kurse, ihre Lehrer selbst wählen und bekamen Mitbestimmungsrechte in einem gemeinsamen Ausschuss mit den Lehrern. Das sollte sie mehr in die Verantwortung nehmen und besser auf Studium und späteres Leben vorbereiten.
Die Eltern liefen Sturm bis nach Hannover – und ins Leere. Die Lehrer waren alles andere als begeistert, doch der geschickte Güthling zog die Kritiker in Einzel- und Gruppengesprächen auf seine Seite und verordnete die „formierte Oberstufe“ 1966 per Dekret. Das war die Geburtsstunde der späteren reformierten Oberstufe, die von den Kultusministern der Länder im Juli 1972 in einer Vereinbarung festgehalten wurde. Das „Buxtehuder Modell“, das bundesweit und auch international Schlagzeilen machte, lief bis 1976 weiter, ehe in einem stillen Prozess die normale Oberstufen-Reform galt. Aber: die Mitbestimmungsrechte der Schüler und Eltern im Hauptausschuss gibt es bis heute.
Dem Neuen aufgeschlossene Pädagogen und die Presse überschlugen sich in den späten 60er Jahren. Delegation und Medienvertreter gingen an der Halepaghenschule ein und aus und wollten das Modell kennenlernen. „This is a school to dream about“ titelte der „Evening Standard“ aus England seinen Bericht über die Traumschule in der Märchenstadt Buxtehude. Die deutschen Medien waren auch wenig zurückhaltend. „Die Mini-Uni von Buxtehude“ oder „Wo sich die Schüler die Lehrer aussuchen“ rauschte es durch den Blätterwald. Bild-Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Stern oder Spiegel berichteten mehrfach aus Buxtehude. TV und Radiostationen versuchten, der erstaunten Öffentlichkeit die neue Schule zu erklären. „Die klassenlose Gesellschaft“ hieß eine passende Überschrift aus dem Spiegel.
Das politische Wochenmagazin war ohnehin auf den Geschmack gekommen. Mit Wonne berichtete es von einem eintägigen Schülerstreik, als Gräben gezogen und Barrikaden gebaut worden waren. Niemand sollte die Schule betreten – weder Schüler noch Lehrer. Die Aktion aus dem Mai 1968 war als Protest gedacht gegen die Notstandsgesetze, die Thema im Bundestag waren. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Wieder ein Modellfall, diesmal eher ein politischer. Güthling erwies sich wiederum als clever. Nach außen hin proklamierte er, der Unterricht habe ungestört und planmäßig stattgefunden, intern besänftigte er die aufgebrachten Schüler mit einem „Teach-in“ in der Aula für alle, um Pro und Kontra der Notstandsgesetze aufzubereiten.
Der Ansturm auf die Halepaghenschule war von dem Gymnasium kaum mehr zu bewältigen. Extra wurde eine halbe Stelle geschaffen, um Pädagogen, Politiker und Pressevertreter durchs Haus zu führen. Weil dadurch der Unterricht zu stark leiden musste, wurden die Visiten nur noch nachmittags abgehalten. Das Buxtehuder Modell war bundesweit in aller Munde.
Der denkwürdige Auftritt des Studentenführers Rudi Dutschke (rechts) in der voll besetzten Aula der Halepaghen-Schule am 6. März 1968.
Höhepunkt der dynamischen 60er Jahre an der Halepaghenschule war der Auftritt von Rudi Dutschke am 6. März 1968. Es soll der erste Auftritt des Studentenführers in einer Schule gewesen sein. Vermutlich war es auch der letzte, denn wenige Wochen später, am 11. April, wurde Dutschke in Berlin niedergeschossen. Dutschke sprach in der rappelvollen Halepaghenaula in seiner typischen Art. Der Wortführer des Sozialistischen Studentenbundes kreierte ideologisch geprägte Bandwurmsätze, die wohl nur die wenigsten verstanden. Zum Schrecken der Eltern und manch konservativer Lehrkraft propagierte er die anti-autoritäre Gesellschaft und rief die Schüler zum Widerstand gegen hierarchische Strukturen auf – auch gegen das Buxtehuder Modell, das er trotz seiner liberalen Züge als Ausgeburt und Pfeiler des Establishments kritisierte. Eine anti-autoritäre Enklave könne sich in einer autoritären Gesellschaft nicht lange halten. Den jungen Männern legte er nahe, den Wehrdienst zu verweigern oder zumindest die Armee durch Agitation von innen zu zersetzen.
Der Auftritt Dutschkes war in der Stadt umstritten, was auch die Leserbriefe im Tageblatt verrieten. Eltern und Lehrer gerieten aneinander – ein Spiegel der damaligen Zeit. Ins Visier geriet wieder einmal Schuldirektor Güthling, der Dutschke miteingeladen hatte, seinem Auftritt beiwohnte und seinen Vortrag nicht unterbrach, so der Vorwurf. Güthling überstand auch diese Unruhe folgenlos. Einer der damaligen Schüler, Vicco Meyer, hielt die Aufregung um den Dutschke-Besuch Jahre später für überzogen. „Die politische Verführung fand nicht statt“, sagte er während einer Veranstaltung mit Rückblick auf die Geschehnisse. Die Wirkung der Rede Dutschkes sei überschätzt worden. Eines, so die einstige Oberstufenkoordinatorin Hanna Wilde, habe sich grundlegend verändert in dieser Zeit: Die Lehrer mussten lernen, von ihren Schülern kritisiert zu werden.
Information
Das Buch „Zeitreise – 1200 Jahre Leben in der Hansestadt Buxtehude“ ist in den TAGEBLATT-Geschäftsstellen in Buxtehude und Jork sowie in Buxtehude bei Stackmann, in der Altstadtbuchhandlung sowie in den Buchhandlungen „Allerleibuch“, „Literatur im Zimmer“ und „Schwarz auf Weiß“ erhältlich. Es kostet 19,50 Euro und ist ein Kooperationsprojekt von TAGEBLATT und AST Edition Zeit Reise aus Göttingen. ISBN: 978-3-944480-02-2
Schulleiter Dr. Johannes Güthling bei der Zeugnisübergabe in der HPS-Aula.
Der denkwürdige Auftritt des Studentenführers Rudi Dutschke (rechts) in der voll besetzten Aula der Halepaghen-Schule am 6. März 1968.