Alte Kirschsorten vor dem Aussterben
Vielfalt: Alte Kirschensorten sind in Gefahr. Fotos Braun-Lüllemann / Vasel
Die Biologin und Pomologin Dr. Annette Braun-Lüllemann schlägt Alarm: 64 Prozent der alten Kirschsorten an der Niederelbe „sind vom Aussterben bedroht“. Weitere 25 Prozent seien (stark) gefährdet. Das hat die Wissenschaftlerin bei einem Vortrag in Jork-Moorende deutlich gemacht.
Einst habe es etwa 700 bis 800 Süßkirschensorten in Deutschland gegeben, allein im Alten Land sind es 90 gewesen. Rund 400 stehen heute auf Streuobstwiesen. Das Problem: Auch diese seien keine Arche Noah, auch hier drohe mittlerweile ein Verlust von Biodiversität. Sollte sich der Trend (durch Rodungen und Nachpflanzungen) fortsetzen, könnten im Jahr 2030 nur noch fünf alte Süßkirschensorten auf den Streuobstwiesen stehen.
Seit dem Mittelalter werden die Kirschen an der Elbe angebaut, von 1581 bis 1611 tobte sogar ein „Kirschenkrieg“ zwischen der Stadt Hamburg und dem Erzstift Bremen. Hamburger Bier durfte nicht mehr ins Land gebracht werden, daraufhin erließ der Hamburger Rat ein Einfuhrverbot für Altländer Kirschen und Obst. Der intensive Anbau begann um 1850, die meisten alten Sorten seien vermutlich im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden, so Braun-Lüllemann.
Sie hat im Auftrag der BUND-Kreisgruppe Stade – gefördert von der Bingo-Umweltstiftung und unterstützt vom Obstbauzentrum Esteburg – im Jahr 2015 und 2016 alte Kirschsorten erfasst. 550 Bäume hat sie auf den Obsthöfen untersucht und 57 alte Sorten nachweisen können – von der Roten Maikirsche über die Kleine Blanke und die Spitze bis zu Popes Wilde. Davon seien mindestens 20 „Erstfunde“ in Deutschland. 1956 listete der damalige Leiter der Obstbauversuchsanstalt in Jork, Ernst- Ludwig Loewel, 25 Sorten auf. Sie lobte das tradierte Sortenwissen der älteren Generation, das sei außergewöhnlich und zeige, wie wichtig der Anbau mit seinen Regionalsorten einst im Alten Land war.
BUND & Co setzen jetzt auf Sortensicherung durch Nachpflanzung. Gegenwärtig laufe die Veredlung und Baumanzucht im Quarantäne-Quartier. Im Sommer 2017 begann die Virus-testung auf den Little Cherry-Virus. Gesunde Bäume werden in Sicherungsgärten und im Boomgarden von Obstbauer Eckart Brandt in Helmste gepflanzt, der BUND sucht noch Flächen – außerhalb des Erwerbsobstbaus.
Hintergrund: Mit Blick auf die Kirschessigfliegen-Bedrohung können diese (ohne Pflanzenschutz und Pflege) nicht einfach in die Nähe von Erwerbsobstanlagen gesetzt werden. Außerdem hofft die Kreisgruppe, dass Baumschulen die Regionalsorten ins Sortiment aufnehmen – für Hausgärten, Streuobstwiesen und Obsthöfe, die in der Direktvermarktung auch ältere Sorten – frisch oder als Fruchtaufstrich, Saft, Trockenobst oder Bier veredelt, anbieten wollen. Hier laute die Devise auch: Erhaltung durch Aufessen. Die Erfassung alter Sorten an der Unterelbe müsse fortgesetzt werden.
Des Weiteren hoffen Sabine Washof vom BUND und Braun-Lüllemann, dass sich Geldgeber für eine Broschüre über die alten Sorten finden – auch, um das Wissen für die kommenden Generationen zu bewahren. Viele Regionalsorten seien hervorragend an die lokalen Klima- und Bodenverhältnisse angepasst.
Die alten Sorten seien auch ein „lebendiges Kulturgut“, betonte der Zuhörer und Bio-Obstbauer Hartwig Quast. Sie seien als Genpool für künftige Züchtungen unverzichtbar, ergänzte die Biologin. Es gelte, den Kirschenschatz zu bewahren. Das Problem: Im Erwerbsobstbau und im Lebensmitteleinzelhandel gibt es für die in der Regel kleinfruchtigen alten Süßkirschen keinen Markt, Verbraucher bevorzugen große, süße Sorten wie Regina (1957 gezüchtet, ab 1981 im Handel) und Co.