Altländer ernten Mini-Snack-Apfel „Rockit“
Joerg Hilbers, stellvertretender Leiter des Obstbauversuchsringes, hält einen „Rockit“ und die Verpackung in Händen. Fotos Vasel
In Neuseeland ist der Mini-Snack-Apfel „Rockit“ bereits ein Renner: Jetzt haben 15 Obstbauern an der Niederelbe die erste größere Menge geerntet.
Auch auf dem Versuchsfeld am Obstbauzentrum „Esteburg“ im Moorende sind am Freitagmorgen die ersten Rockits gepflückt worden. Die Altländer setzen große Hoffnungen in die neue Sorte, denn der Apfelkonsum ist rückläufig.
Ausgangslage: Vor einigen Jahren lag der Pro-Kopf-Verbrauch noch bei knapp 30 Kilogramm, heute verzehren die deutschen Verbraucher lediglich noch 24 Kilogramm – als Tafelapfel oder in Form von Apfelmus, -chips oder -saft. Viele essen neue Obstsorten. Die Erzeugerpreise für das Standardsortiment reichten in den letzten Jahren allzu oft nicht mehr aus, um wirtschaftlich auf gesunden Beinen zu stehen. Hinzu kommt der demografische Wandel. Die Bevölkerung wird bei der heutigen Geburtenrate in einer Generation um rund ein Drittel schrumpfen. Dann beißen noch weniger in Altländer Apfel.
Gleichzeitig steigen die Produktionskosten und die weltweite Erntemenge. Kurzum: Der Obstbau an der Niederelbe muss eine neue Zukunftsstrategie entwickeln. Strategie: Die Devise laut: Mehrwert – durch ein interessantes, vielfältiges Sortenspektrum. Das soll von den alten Regionalsorten über rotfleischige Äpfel bis zu hochpreisigen Club-Sorten wie Pink Lady oder Kanzi reichen, ergänzt um neue, innovative Sorten durch Neuzüchtungen und Neupflanzungen inklusive einer ausgeklügelten Vermarktung mit Design-Verpackungen. Dabei soll sich der Anbau auf einen exklusiven Club von Obstbauern beschränken, um durch eine gemeinsame Vermarktung höhere Erzeugerpreise am Markt durchzusetzen. Zukunft: Auf dem Versuchsfeld der „Obst von der Niederelbe“ am Obstbauzentrum „Esteburg“ in Moorende hängt die Zukunft bereits an den Bäumen – gesichert durch hohe Zäune. Die Mitarbeiter haben am Freitagmorgen die erste größere Menge der Sorte „Rockit“ geerntet.
35 000 Bäume stehen mittlerweile auf den 15 Höfen der Obstbauern, diese sind Mitglieder der Erzeugerorganisationen Elbe-Obst oder der Marktgemeinschaft Altes Land (M.A.L.), und auf der „Esteburg“. 25 Kilo pro Baum werden die Pflücker in mehreren Durchgängen in diesem Jahr bei den 2013 gepflanzten Bäumen ernten können. Jeder der per Los ausgewählten Betriebe durfte zu Beginn 3000 Bäume von der Baumschule Rene Nicolaï aus Belgien anpflanzen. Es soll ein exklusiver Club bleiben. Fast 75 000 Bäume stehen in Deutschland. Europaweit sind es 250 000.
Wichtig ist ein hoher Rotanteil. Weil die Bonsai-Äpfel im Schnitt mit einem Durchmesser von etwa 53 Millimetern sehr klein sind, benötigen die Erntehelfer drei Mal soviel Zeit wie beim Standardapfel, um eine Großkiste zu befüllen. Viele Äpfel müssen erst mit der Schere gelöst werden.
Der Mini-Apfel in Plastikröhren im Raketen-Look – „erfunden“ von Phil Alison von der Havelock Fruit Company in Neuseeland – soll als Snack an der Supermarktkasse oder an der Tankstelle sowie Autobahnraststätten, Bahnhofskiosken und am Flughafen verkauft werden. Der erste Verkauf an Tankstellen in Belgien und Italien lief 2015 gut. Das Konzept soll jüngere Zielgruppen ansprechen. Trotz seiner Größe sei der Kleine ganz groß in Geschmack und Festigkeit.
„Die Qualität ist hervorragend“, sagt Joerg Hilbers, stellvertretender Leiter des Obstbauversuchsringes des Altes Land (OVR). Der „kleinste Qualitätsapfel der Welt“ sei süß, knackig, saftig und gut lagerfähig. In Neuseeland und in einigen Ländern in Asien wird der „Apple-to-Go“ bereits erfolgreich vermarktet – auch, weil das Kerngehäuse des Mini-Apfels einfach mitgegessen werden kann. Der tennisballgroße Apfel soll ab Herbst „das erste Mal“ in transparenten „Raketen-Röhren“ für drei bis fünf Stück in Deutschland vermarktet werden.
Produzent ist die Red Apple Germany GmbH, eine Tochter des Deutschen Obstsorten Konsortiums. Das war ursprünglich angetreten, einen rotfleischigen Apfel zu etablieren. Jetzt soll die GmbH den Rockit-Vertrieb übernehmen, die Ware liefern erst einmal Elbe-Obst und M.A.L., bei steigenden Erträgen folgen die Württembergische Obst- und Gemüsegenossenschaft Raiffeisen und Veos aus Sachsen. Die gemeinsame Vermarktung „durch ein Nadelöhr“ sei der richtige Weg zur Erzielung höherer Erzeugerpreise, so Hilbers. Ein Großteil werde 2016/2017 über Werbeaktionen vermarktet – der Verkaufspreis ist noch geheim.
Heiko Rolf, Jakob Turnsek und Jan Mählmann (v. l.) ernten den Mini-Apfel Rockit auf der Versuchsfläche der „Obst von der Niederelbe “ (OVN) beim Obstbauzentrum „Esteburg“ in Jork-Moorende. Foto Vasel