Am Rathausplatz atmet Harburg Geschichte
Damals fuhren hier noch Autos: Die Rathausstraße im frühen 20. Jahrhundert
Harburg hat hässliche und zerklüftete Ecken. Kriegsbomben und verkehrte Stadtplanung haben Spuren hinterlassen. Doch eines kann ihm keiner nehmen: das schöne, über 125 Jahre altes Rathaus. Vor allem der Rathausplatz ist es, auf dem Geschichte stattfindet.
Das Harburger Rathaus mit Vorplatz ist das Herz des Stadtteils. Um ihn herum pulsiert das Leben, was auch an seiner zentralen Lage direkt am S-Bahnhof Harburg Rathaus liegt. Seine besondere Atmosphäre entsteht durch den alten Gehölzbestand an den Rändern des Platzes. Unter den Bäumen sorgen großflächige Staudenpflanzungen mit ihren wechselnden Blühphasen fast ganzjährig für stimmungsvolle Bilder.
Das Rathaus wurde von 1889 bis 1892 im Stil der Neorenaissance als Rathaus für die damals selbständige Stadt errichtet. Heute befindet es sich im Stadtteil Harburg und ist Sitz des Bezirksamtes Harburg sowie Sitzungsort der Bürgerversammlung. „Kummst ut’n Rathus bist veel klöker“, prangt in Lettern auf dem massiven roten Backstein. Es gibt riesige Eingangsportale samt Bogen, historische Figuren an der Außenfassade und einen Giebel samt Uhr, die dem Hamburger Rathaus Paroli bieten kann. Auch die massive Drehtür aus Holz im Eingangsportal ist noch original.
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Das Rathaus Harburg hat eine wechselhafte, auch krisengeschüttelte Geschichte. „1944 ist in den linken Flügel eine Bombe reingeflogen“, berichtet Klaus Barnick von der Geschichtswerkstatt Harburg. Auch wenn dieser nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde, sei die Gebäudestruktur des Rathauses im Kern die alte, berichtet er. Drinnen wird auf einer Tafel an die Opfer des Bombeneinschlags hier erinnert. Buntes Glasmosaik frischt den angemessen sachlichen Charakter der Inneneinrichtung auf, im Rathaussaal wurde schon Ende des 19. Jahrhunderts Politik gemacht, heute werden hier die Geschicke Harburgs ebenfalls gesteuert. Auch das Bauamt ist hier ansässig.
Bei aller Gewichtigkeit des Rathauses braucht es hierfür also einen repräsentativen Platz. Einst war hier die alte Post, eine Straße mit Geschäften, eine Mädchen-Mittelschule, die ebenfalls weggebombt wurde, später ein Schwimmbad, wo sich heute das Pressehaus befindet. Die Reliefs an diesem Gebäude stammen vom bekannten Bildhauer Ernst von Bandel. „Mit dem Sand ist es der Zentralplatz Harburgs“, sagt Barnick. Es gibt den Deichhausweg, der nach dem Wort Teich benannt ist, den es direkt auf dem Platz gab, ein aufgestocktes Mühlenbecken. Der Walkmühlenweg erinnert an die alte Mühle. In den Hinterhöfen lebten und arbeiteten Handwerker. Selbst die Straßenbahn fuhr hier einst längs. Heute befinden sich das Einwohnermeldeamt und das Helms-Museum an einer weiteren Ecke des Platzes.
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Wo früher reger Straßenverkehr vor dem Rathaus herrschte, befindet sich heute eine Fußgängerzone, ein Neubau, wo einst das alte Polizeigebäude stand, und eine moderne Gestaltung durch einen Kunstpfad. Hier gibt es Faustkämpfer aus Bronze zu bestaunen, einen Kubus im Baum hinter dem Rathaus oder die Skulptur „Der aufrechte Gang“. Als Baugelände war schon bei der Planung 1874 der „Platz am Bassin“ ins Auge gefasst worden, heißt es in einer Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Rathauses. Ein Ort, „an dem seit 1865 schon die ,Gelbe Schule‘ lag und das Gebäude der Kaiserlichen Post entstand“, das 1890 eingeweiht wurde.
Das an den Platz angrenzende Gelände zwischen Marienstraße und Lindenstraße (heute Julius-Ludowieg-Straße) wurde durch die Stadt nach längeren Verhandlungen im Mai 1888 von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Harburg für 40 000 Mark erworben. „Vor Baubeginn wurde das Bassin auf dem Platz bis auf einen kleinen Teil, der als Schmuckelement dienen sollte, zugeschüttet.
1937 ging Harburg aufgrund des Groß-Hamburg-Gesetzes vom Land Preußen an die Freie und Hansestadt Hamburg über. Zwar verlor das Rathaus dadurch seine ursprüngliche Funktion, es blieb dennoch bis heute Behördensitz. Die wechselnde Zugehörigkeit Harburgs im Laufe der Jahrhunderte zeigen die Wappen des Herzogtums Lüneburg, des Königreiches Hannover und Preußen sowie der Städte Celle und Lüneburg. „Harburg hat alles dreimal“, betont Barnick, „Bahnhöfe, auch Rathäuser“. Das Harburger Rathaus steht heute am dritten Standort in der Stadtgeschichte. Das erste Rathaus befand sich in der heutigen Harburger Schloßstraße 36 und wurde ebenfalls durch Bomben im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Bis 1944 befand sich hier auch noch der Ratskeller, wo bis zuletzt diskutiert, konspiriert und gezecht wurde. Auch er wurde komplett weggebombt. Das 1830 erbaute Stadthaus am Sand mit Bürgermeisterwohnung, Ratswaage, Feuerspritzen und Verwaltungsräumen ersetzte das alte Rathaus. Die Standortwahl des jetzigen Rathauses verdeutlicht die sukzessive Verlagerung des Harburger Zentrums von der Elbe am Harburger Schloss Richtung Süden.
Der Rathausplatz wurde vor 14 Jahren umgebaut. Das Pflaster wurde in Richtung ehemalige Schwimmhalle erweitert und ein Brunnen installiert. Dazu kamen zahlreiche Sitzgelegenheiten und Kunst im öffentlichen Raum, zu dieser Zeit wurden auch Stauden und Pflanzen erneuert. Die Aufenthaltsqualität wurde somit deutlich erhöht.
Auf dem Platz gilt zudem ein Alkoholverbot. „Dadurch hat sich die Lage auf dem Platz deutlich verbessert“, sagt der Sprecher des Bezirks, Dennis Imhäuser. „Durch das Ausbleiben des bis dahin teilweise exzessiven Konsums mit vielen unerwünschten Begleiterscheinungen wie Vermüllung, Belästigung, Wildpinkeln, hat sich die Aufenthaltsqualität deutlich erhöht.“ Der Rathausplatz werde wieder von breiten Bevölkerungsschichten als Erholungsort angenommen.
Zudem wird der Rathausplatz für Veranstaltungen, wie das Harburger Vogelschießen oder das Fest „Harburg feiert Vielfalt“ genutzt. Zudem findet dort in diesem Jahr bis zum Herbst, an sechs Tagen in der Woche der Wochenmarkt statt, da der Marktplatz Sand umgebaut wird.
In loser Folge stellt das TAGEBLATT die prägendsten Plätze im Bezirk Harburg vor. Heute: der Rathausplatz.