Andrea Berg in Hamburg: Ein Abend unter Freunden
Beim Abend unter Freunden: Andrea Berg in der Barclaycard Arena. Foto: Reimers/Jazz Archiv
Jethro Tull in der Arena am Volkspark. Super. Da kommt schnell Neid auf. Wären andere auch gerne dabei. War aber nur ein Joke. Es geht um einen Freitagabend mit Andrea Berg. Wer das ankündigt, erntet verständnislose Blicke, angesiedelt zwischen gutmütiger Verachtung, feinem Mitleid.
Gebt es doch zu: Spätestens um Mitternacht, wenn die angesagte Partymusik zur angestrengten Zappelshow geworden ist und irgendwer nach fünf Gin Tonic sich traut, ganz tief in die Playlist zu tauchen und einen deutschen Schlager aufzulegen, singen plötzlich auch die Intellektuellen der Szene ziemlich textsicher mit. Mindestens der Refrain wird gegrölt. Nicht weil sie intellektuell sind, sondern weil sie irgendwo ganz tief in ihrer Seele eine dunkle Seite und ein paar dieser Schlager abgespeichert haben. „Die Gefühle haben Schweigepflicht.“ Reden wir nicht darüber.
Also, Andrea Berg in Hamburg. Es ist das zweite von 31 Konzerten ihrer neuen Tournee, die am Donnerstag in Oberhausen offiziell gestartet wurde, nachdem es im Dezember den Testlauf in Stuttgart gegeben hatte. Das ist nicht ganz unwichtig: „Andrea plant bis ins letzte Detail“, sagt Tourmanager Klaus Leutgeb in der Pause. Dass das Management Journalisten hinter die Bühne geladen hat, gehört zu den Besonderheiten dieser Tournee, dass die vermeintlich großen Kulturschreiber der Hamburger Szene nicht gekommen sind, war klar. Deutscher Schlager. Wen interessiert das?
„Wohin du gehst ist mir egal, ich schaff’s auch ohne dich“ – sang die Berg kurz nach acht, und im Saal sangen 8000 ihrer Fans mit. Textsicher. Alleine das zu erleben, macht die Faszination dieses Abends aus. Es gibt die Weltstars der Musik, Mariah Carey, Kylie Minogue, Rihanna. Tolle Konzerte, tolle Shows, meist perfekt. Aber ob sie auch die Seele ihrer Fans treffen? „Diese Nacht soll nie enden, sie geht nie vorbei“, klar, wünschen wir uns manchmal. Aber die Berg singt auch: „Geh doch, wenn du sie liebst, bis du auch sie belügst.“
Andrea Berg inszeniert einen Abend unter Freunden. Wer das noch nie vorher erlebt hat, wird es aufgesetzt finden. Vorurteile bestätigt. Doch wenn die fast 54-Jährige gleich in den ersten Minuten in die Fangemeinde eintaucht, bei „Tango Amore“ den Besuchern das Mikro hinhält und Küsschen verteilt, dann wirkt das ziemlich authentisch. Weil sie das schon am Nachmittag beim Soundcheck mit 170 Fans auch so gemacht hatte und nach der Show noch eine Stunde lang Autogramme gab und Selfies machen ließ, bevor sie im Tour-Van noch in der Nacht gen Köln fuhr, weil sie da am Abend wieder auf der Bühne stand. Und im Publikum saßen vermutlich auch in der Domstadt die Menschen von nebenan, statt High Heels und Minirock, wie bei Helene Fischer, sind Sweatpullover und Turnschuhe angesagt.
So war es immer und so war es auch in der Arena in Hamburg. Allerdings erlebten die Hamburger eine leicht veränderte Schlager-Queen. „Wenn du mich willst, dann küss mich doch“, das ist einerseits deutscher Schlager pur. Doch dem setzt sie dann die Realitäten des Lebens entgegen. „Ich bin Gott sei Dank oft im Leben auch einmal gestolpert oder sogar gefallen, aber ich bin auch immer wieder aufgestanden“, sagte Andrea Berg vor dieser neuen „Mosaik“-Tournee. Jede Katastrophe sei die Ursache für eine neue, schöne Sache. „Man muss einfach daraus lernen“, auch das klingt furchtbar pathetisch, aber hören wir das nicht ständig? In den Texten ihrer neuen Songs aus dem Album „Mosaik“ spiegelt sich diese Seelenlage: „Steh auf“ oder „Geh deinen Weg“.
Die ersten 80 Minuten sind eine Mischung von alten und neuen Songs, die bei den Fans allerdings noch nicht ganz so euphorisierend wirkten wie eben der „Schnee auf dem Kilimandscharo“ oder der Hinweis: „Wenn du mich willst, dann küss mich doch, ich habe Angst du wartest noch.“ Alles schön, aber noch keine große Party.
„Mit Hallo Houston“ ging es dann in die gewohnten Sphären, auch ein Song über zwei Liebende, die auf unterschiedlichen Frequenzen Signale senden. Tun wir das nicht alle irgendwie? Das dazugehörende Bühnenbild mit einem überdimensionierten Astronaut ist eine von vielen Themenwelten, vom Zauberwald bis in die Flower-Power-Zeit. Die Bühnenshow erinnerte an den Pink-Auftritt, allerdings ohne viel Schnickschnack, also keine Andrea mit dem Ritt auf dem Kronleuchter oder in Seilen am Trapez. Aber natürlich in den bekannten Outfits, sexy und immer als Blickfang die langen Beine.
Nostalgie dann im zweiten Teil mit ihren größten Hits, Schlagerpop mit Rock’n’Roll und durchsetzt von neuen Balladen. „Im Käfer nach Paris auf ’nen Kaffee, der erste Kuss beim Flaschendrehen, mit dir im Mondschein baden gehen, das war so schön, komm lass es wieder geschehen.“ Partytime mit Andrea, schöne Momente.
Ihr Mantra des Abends dürfte auch den Nerv vieler getroffen haben: „Ich tanze mir den Schmerz von der Seele, egal wie weh das tut, es geht mir gut.“ Das konnten die 8000 – längst wieder in der Halle stehend – alle mitsingen, in Erinnerungen schwelgen und spätestens bei der Vicky-Leandros-Ausleihe eine Gefühlslage äußern, die in diesen Zeiten oft in Vergessenheit gerät: „Ich liebe das Leben.“ Jethro Tull hat das ähnlich beschrieben: Life is a long song, das Leben ist ein langes Lied. Klingt intellektueller. Aber reden wir nicht darüber. Die Gefühle haben schließlich Schweigepflicht.