Angelika Stemmann: Die Chance auf ein zweites Leben
Angelika Stemmann hat eine lebensrettende Stammzellspende bekommen und kann jetzt wieder zum Sport im Fitnessstudio Santosha in Buxtehude gehen. Mit ihr rufen Trainerin Isabel Schneider (links) und ihr Team zu einer Registrierungsaktion am Sonnabend, 1. Dezember, auf. Foto: Richter
Eine Stammzellspende hat Angelika Stemmann das Leben gerettet. Welch ein Segen eine solche Spende sein kann, möchte sie möglichst viele Menschen wissen lassen. Hier erzählt sie ihre Geschichte und ruft zu einer Registrierungsaktion in ihrem Buxtehuder Fitnessstudio auf.
Geburtstag hat Angelika Stemmann ganz allein auf einer Isolierstation im Krankenhaus gefeiert. Trotzdem war es ein schöner Tag: Sie durfte sich die Glückwünsche ihrer Enkelkinder und Freunde auf Videos ansehen – und sie hatte Hoffnung, sie bald wieder in die Arme schließen zu können.
Angelika Stemmann hat eine Stammzellspende hinter sich. Vor vier Jahren ist sie an einer Art von Leukämie erkrankt, dem „Multiplen Myelom“. Dabei vermehren sich entartete Plasmazellen unkontrolliert und breiten sich im Knochenmark aus. Das hemmt die Bildung gesunder Blutzellen, was zu einer Verschlechterung der Immunabwehr führt und auch den Knochen zerstören kann. „Die Knochen werden zerfressen“, erklärt Angelika Stemmann. Sie erfuhr von ihrer Erkrankung, weil sie starke Schulterschmerzen hatte, die nicht besser wurden. Ihr Hausarzt schickte sie zu weiteren Untersuchungen und zur Magnetresonanztomografie (MRT).
Die Diagnose bekam sie im August 2014. Stemmann, bis dahin eine vitale, sportliche Frau, musste ihre Arbeit als Bürokauffrau in Hamburg aufgeben. Es ging ihr zusehends schlechter. Im Januar 2015 versuchte sie, die Krankheit mit einer Chemotherapie, die möglichst alle Krebszellen zerstören soll, und einer Spende eigener Stammzellen zu besiegen.
„Dabei wird aus einem Arm Blut abgenommen, aus dem die Stammzellen mit einer Zentrifuge gefiltert werden“, erklärt Angelika Stemmann. Diese kommen per Transfusion wieder in den Körper, um dort das Immunsystem wieder aufzubauen und neue, gesunde Zellen zu bilden. Doch das funktioniert nur, wenn keine Tumorzelle sich noch irgendwo versteckt hat und wieder beginnt, sich zu vermehren. Bei ihr klappte das nicht. Die Krankheit brach wieder aus. Nun blieb nur ein Ausweg: die Stammzellspende eines gesunden Menschen.
Es war schwer, eine Spenderin oder einen Spender zu finden. Angelika Stemmann hat drei Brüder, die im Juli 2015 getestet wurden. Keiner passte. Entscheidend für die Übertragung von Stammzellen ist nämlich die Übereinstimmung der Gewebemerkmale, von denen es mehr als 18 000 gibt. Auch ihre Tochter wies nur eine 50-prozentige Übereinstimmung auf. Zum Glück fand sich bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) jemand, der eine ausreichende Übereinstimmung mit Angelika Stemmann aufwies. Zur Registrierung in der DKMS ist nur ein unkomplizierter Wangenabstrich notwendig. Sollten die Gewebemerkmale tatsächlich mit denen eines Patienten übereinstimmen, werden weitere Tests und eine eingehende Untersuchung erforderlich. Danach folgt in 80 Prozent der Fälle keine Knochenmarkspende, sondern nur eine periphere Stammzellentnahme: Der Spender bekommt fünf Tage Aufbauspritzen, um vermehrt Stammzellen zu bilden. Dann spendet er Blut, aus dem diese herausgefiltert werden. Langzeitnebenwirkungen sind nicht bekannt.
So war es auch bei Angelika Stemmanns Spender. Weil die Regeln besagen, dass das erst nach zwei Jahren erlaubt ist, kennt sie ihn noch nicht. Etwas weiß sie aber: „Ich hatte früher Blutgruppe 0. Jetzt habe ich A – die des Spenders.“ Für sie war die Stammzellspende anstrengend: Chemotherapie, Isolierstation, künstliche Ernährung und Fieber und Übelkeit auch noch, als sie nach einem Monat wieder entlassen und zu Hause war. Bis heute muss sie regelmäßig zu Kontrollen.
„Aber zurzeit bin ich praktisch geheilt, und es kann sein, dass ich 20 Jahre Ruhe habe“, freut sich Angelika Stemmann, die in Halvesbostel lebt und das Schützenfest im Mai schon wieder mitfeiern konnte. Dort ist sie auch wieder in ihrem Sportverein aktiv, und in Buxtehude freut sich das Team im Fitnessstudio „Santosha“ über ihre Rückkehr. „Der Professor im UKE sagt, dass ich nicht so schnell wieder auf die Beine gekommen wäre, wenn ich nicht so viel Sport machen würde“, erzählt Angelika Stemmann.
„Das ganze Team ist begeistert, was Angelika für Fortschritte macht“, sagt Santosha-Chefin Isabel Schneider. Sie selbst ist mit einem Soldaten verheiratet, der sich, wie viele seiner Kollegen, erst kürzlich als potenzieller Stammzellspender registrieren lassen hat. So kam die Idee zustande, gemeinsam eine Registrierungsaktion für die DKMS auf die Beine zu stellen. Isabel Schneider und ihre Mitarbeiter haben sich kundig gemacht, um den Abstrich selbst durchzuführen, berichtet sie: „Mund auf, Stäbchen rein, Spender sein.“
Das Santosha-Team hofft, dass am Sonnabend, 1. Dezember, von 10 bis 16 Uhr, möglichst viele Menschen im Alter zwischen 17 und 55 Jahren ins Studio, Bertha-von-Suttner-Allee 1, zur Registrierung kommen. Die Teilnehmer kostet das nichts, die DKMS 35 Euro pro Abstrich. Deshalb stehen Spendenboxen bereit.