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Nach Attacken

TAngst vor dem Wolf: Was ein Landwirt aus Oederquart alles erlebte

Noch aus dem letzten Winkel der riesigen Weide kommen die Kühe angetrottet, wenn Detlef Ahlf pfeift. Die große Herde hat viel Platz. Fotos: Klempow

Noch aus dem letzten Winkel der riesigen Weide kommen die Kühe angetrottet, wenn Detlef Ahlf pfeift. Die große Herde hat viel Platz. Fotos: Klempow

Die Landwirte in Kehdingen sorgen sich um ihre Rinder auf der Weide, seit der Wolf in der Region wieder heimisch ist. Detlef Ahlf hat schon viel erlebt und schildert emotional, was eine Wolfsbegegnung mit einem Tier macht.

Von Grit Klempow Donnerstag, 07.09.2023, 18:00 Uhr

Zentimeter um Zentimeter wendet er den Kopf und sieht den Menschen entgegen. Der massige Limousin-Bulle kommt in Schwung, ganz langsam, Schritt für Schritt. Detlef Ahlf schüttelt den Futtereimer mit dem Kuhschrot. „Na, komm, mal her. Siehste“, brummt er vor sich hin. Der braune Bulle senkt seine Nase in den Eimer, die Kühe scharen sich um ihn, eine vorwitzige wühlt ihr Maul noch mit in den Eimer.

„So ruhig sind die“, sagt Detlef Ahlf und tätschelt dem Bullen die Flanke. Das geht, weil der Bulle Detlef Ahlf gut kennt - und er den Eimer samt Inhalt so schätzt. Ein friedliches Bild. Aber der Bulle oder eine der Mutterkühe in Panik? Nicht auszudenken, aber längst nicht mehr unwahrscheinlich.

Längst ist das grüne, flache Land zwischen Elbe und Oste Wolfsland. Einige Landwirte lassen ihre Tiere inzwischen nicht mehr auf die Weide. Nicht, nachdem sie bei der morgendlichen Weidekontrolle vollkommen panische Rinder gefunden haben. Andere warnen: Sollte ein Wolf nur durch die Herde laufen, sind die Tiere so traumatisiert, dass der Mensch sie nicht mehr händeln kann. „Dann werden sie scheu, und dann wird es auch gefährlich“, sagt Jens Hardekopf vom Beratungsring Drochtersen.

Wolf greift auch Rinder an

In seinem Beritt betreut er insgesamt 120 Betriebe, in Nordkehdingen sind es weitere 80. Insgesamt etwa 70 Betriebe halten ihre Tiere auf der Weide, schätzt Hardekopf. Für die Aufzucht des jungen Milchviehs, als Mutterkuh-Haltung, für die Rindermast oder auch die tragenden Kühe. „Das ist eine weitere Gefahr - tragende Kühe sind besonders sensibel, werden sie nachts getrieben, können sie verkalben“, schildert Hardekopf.

Die Sorgen sind begründet: Die Umweltkarte des Landes Niedersachsen zeigt die Nutztierschäden durch den Wolf an. Jeweils ein Rind wurde im Juli in Drochtersen, im April in Bülkau oder im Juni in Mittelstenahe und in Wanna durch einen oder mehrere Wölfe getötet oder so schwer verletzt, dass es eingeschläfert werden musste.

Hardekopf weiß von einem Landwirt in der Region, der in diesem Sommer das vierte tote Rind aufgefunden hat - namentlich genannt werden will er auf keinen Fall. Der Anblick der toten Tiere und eine verstörte Herde sind schon schwer zu verarbeiten, oft kommt noch die Hetze im Internet hinzu, was die Situation ganz und gar unerträglich macht. Wer ein Tier verliert, macht seinen Verlust nicht mehr öffentlich. Die Verunsicherung ist groß, weiß Hardekopf: „Es gibt viele, die sagen, dass das die letzte Weidesaison sein könnte.“

Angus-Kuhe sind sehr handsam. Foto: Klempow

Angus-Kuhe sind sehr handsam. Foto: Klempow

Wolfs-Attacken: Warum der Herdenschutz so schwierig ist 

Die Schere zwischen Theorie und Praxis klafft hier auseinander. „Für eine erfolgreiche Koexistenz ist die flächendeckende Umsetzung von effektiven Herdenschutzmaßnahmen von zentraler Bedeutung“, heißt es im Wolfsmanagement-Plan des Landes. In die gleiche Kerbe schlägt wie berichtet der „Freundeskreis freilebender Wölfe“. Der hatte sich nach dem Wolfsangriff, den 55 Schafe in Gräpel nicht überlebt hatten, den Zaun angesehen und fordert eine fachliche Abnahme und Qualitätskontrolle von geförderten Herdenschutzzäunen. Auch Pflege und Wartung spielten eine Rolle, so der Verein. Ohne intakten Herdenschutz würden Wölfe regelrecht auf Nutztiere konditioniert.

Wölfe finden Schwachstellen im Zaun. Das könne auch dazu führen, dass Wölfe lernten, intakte Zäune zu überwinden, zum Beispiel zu überspringen, heißt es im Wolfsmanagement-Plan. Im Klartext: Es muss flächendeckend wolfsabweisende Zäune um gefährdete Tiere geben - ohne Schwachstellen.

Die Weide ist eingezäunt. Foto: Klempow

Die Weide ist eingezäunt. Foto: Klempow

Doch wie das gehen soll, perfekte Schutzzäune zu bauen, ist fraglich. Kaum eine Fläche ist eben. „Wölfe finden jede kleine Kuhle. Es reicht doch ein Baumstumpf, ein Erdwall, ein Stein, irgendeine Erhöhung, die als Sprungschanze dient - dann ist er drüber“, meint Hardekopf.

Angst vor dem Wolf: Landwirt sorgt sich um seine 380 Rinder 

Zurück zu Detlef Ahlf auf seinen Hof im Bruch in Oederquart. Er ist hier Landwirt in der vierten Generation. Seine Weiden hat er dicht am Hof, 180 Hektar bewirtschaftet er. 380 Rinder hat er. Kühe, Jungvieh, Kälber und drei Bullen. Sie grasen in passenden Herden. Rotbunte und Fleckvieh. Ganz nah am Haus sind die Kühe mit den kleinsten Kälbern. Sie liegen unter alten Bäumen im Schatten.

Die Angus-Kühe hat er just samt Kälbchen auf der Auktion gekauft - nach seinen ganz eigenen Kriterien: Sie mussten sich anfassen lassen. Das Vertrauen in den Menschen - ohne das geht es auf dem Hof nicht. Er muss die Tiere berühren und versorgen können. Dass diese Nähe und das Vertrauen für ihn den Reiz ausmachen, ist ihm deutlich anzusehen.

Noch bis Ende letzten Jahres haben Ahlfs gemolken, dann war die Umstellungsphase von Milchvieh- auf Mutterkuhhaltung beendet. Die rotbunten Milchkühe und das Fleckvieh sind auf dem Hof geblieben. Hochleistungsmilchkühe waren sie nie. Aber: „Ich liebe Rotbunte, die haben mehr Masse.“ Und der Hof war immer rentabel.

Nicht weit entfernt liegt die riesige Weide, auf der ein zweiter Bulle samt großer Herde grast. Detlef Ahlf nimmt den Eimer, betritt die Weide und pfeift. Die ersten Kühe heben 300 Meter entfernt die Köpfe. Sie trotten, traben, rennen heran und plötzlich drängen sich alle um ihn. So schön das Zutrauen ist, so Respekt einflößend ist die Herde. Zig Tiere mit einer halben Tonne Lebendgewicht.

Wölfe streifen durch Kehdingen: Verstörte Kühe und Pferde im Graben

Ahlf erzählt, dass er schon vor fünf Jahren eines Morgens von der Weide ausgebrochene Rinder wieder einfangen musste. „Die waren in ganz Kehdingen verstreut. Wir haben sie wiedergeholt. Die waren fix und fertig, völlig erschöpft und verstört.“ Ahlf hat auch schon Nachbarn geholfen, sieben Pferde aus dem Graben zu ziehen. Zwei Vorfälle, in denen die Tiere in Panik gewesen sein müssen.

Ahlfs Zaun um die Kuh-Weide steht unter Strom, die Kühe halten respektvoll Abstand. Wolfssicher ist der Zaun nicht. Ein Hobbyhalter baut zwei Kilometer weiter just einen als wolfssicher geltenden Zaun um seine Rinderweide. Straff gespannte Stromzaunlitzen, 1,20 Meter hoch. Der unterste Draht nur wenige Zentimeter über dem Boden fehlt noch. Er soll verhindern, dass die findigen Wölfe darunter kriechen. Damit der Zaun sicher ist, muss ordentlich Strom auf den Draht - hohes Gras oder auch Büsche beinträchtigen die Leistung.

Wie sicher sind Zäune gegen den Wolf?

Detlef Ahlf hat nachgerechnet. 100 Hektar sind derzeit eingezäunt. Er müsste zig Kilometer Zaun bauen, vor allem aber auch pflegen. Alle 14 Tage, schätzt er, müsste er unter und am Stromzaun mähen, müsste Brombeersträucher stutzen - er könnte zur Weidezeit kaum noch etwas anderes tun.

„Das ist ein Problem. Der Bau wird finanziell unterstützt, aber die Arbeit muss eben auch gemacht werden“, sagt Jens Hardekopf. Der Verein Weidezone Deutschland fordert deshalb, dass die Kosten für Herdenschutzzäune inklusive Pflege- und Erhaltungsmaßnahmen staatlich finanziert werden sollen. „Und wie würde die Landschaft aussehen? Was würde aus den Wildwechseln, dem Rehwild? “, fragt Detlef Ahlf, der irgendwie selbst mit dem Landstrich, dem Bruch, verwachsen scheint.

Andere Betriebe haben das Problem, dass sie kaum einen sicheren Zaun bauen können. Nicht im Außendeich, wo Rinder auf den extensiv genutzten Flächen grasen, über die im Herbst und Winter die Flut rollt. Der Kraft des Wassers hält kein Zaun stand.

Das geschieht in der Viehhaltung im Winter

Im Winter holen Ahlfs die Kühe zum Hof. Sie können in den Boxenlaufstall, zum ehemaligen Melkstand haben nur die Kälber Zugang, fast ein hofeigener „Kindergarten“. Kälber und auch Fohlen gelten als gefährdet und ohne Herdenschutz als leichte Wolfsbeute. „Ausgewachsene Pferde und Rinder sind durch ihre Wehrhaftigkeit weniger gefährdet“, heißt es im Wolfsmanagement-Plan. Herdenschutzzäune werden auch für Pferde und Rinder gefördert, vorgeschrieben sind sie nicht.

Detlef Ahlf blickt auf die Rotbunten und sein Fleckvieh, irgendwo dahinten grast der dritte Bulle, der nicht ganz so friedlich ist wie der am Haus. Dass diese Herde keine leichte Beute für Wölfe ist, ist klar. Aber sollten diese Kaliber in Panik geraten und das Vertrauen zerstört werden, ist die Weidehaltung trotzdem hinüber. Ahlf sieht über das weite Land. Der Pragmatiker schüttelt fast ein bisschen ratlos den Kopf.

Detlef Ahlf hat die Angus-Kuh just gekauft. Dass die Tiere sich anfassen lassen, ist eines seiner Kriterien.

Detlef Ahlf hat die Angus-Kuh just gekauft. Dass die Tiere sich anfassen lassen, ist eines seiner Kriterien.

Angst vor dem Wolf: Was ein Landwirt aus Oederquart alles erlebte

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Ein Herdenschutzzaun im Bau. Die untere Litze wird knapp über dem Boden angebracht - den Draht frei von Bewuchs zu halten, ist eine Herausforderung.

Ein Herdenschutzzaun im Bau. Die untere Litze wird knapp über dem Boden angebracht - den Draht frei von Bewuchs zu halten, ist eine Herausforderung.

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