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Anja Reschke: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mir Sorgen um das Land machen würde“

Die Moderatorin Anja Reschke bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises in Hamburg. Foto: Georg Wendt/dpa

Die Moderatorin Anja Reschke bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises in Hamburg. Foto: Georg Wendt/dpa

Einen „Aufstand der Anständigen“ hatte Anja Reschke (46) in einem Kommentar der „Tagesthemen“ zur Flüchtlingsdebatte gefordert. Vor wenigen Tagen kam ihr neues Buch auf den Markt: „Haltung zeigen“. Ein Gespräch über Hetze, Hamburg und die Frage, was innere und äußere Haltung eigentlich sind.

Von Manfred Ertel Sonntag, 14.10.2018, 14:00 Uhr

TAGEBLATT: Frau Reschke, wie wichtig sind Ihnen Ehrungen und Preise?

Anja Reschke: Es wäre ja gelogen, wenn man sagen würde, das sei nicht wichtig, weil man sich natürlich freut. Man fühlt sich geehrt. Aber ganz grundsätzlich bin ich bei unserem ganzen „Preiswesen“ auch etwas zurückhaltend, denn manchmal weiß ich nicht, werden die eigentlich wirklich für den Preisträger vergeben oder auch für eine Jury, die sich freut, dass sie jemanden auszeichnen kann und sich auch gut fühlt. Man darf das nicht überbewerten.

Werden dadurch Kritiker nachdenklicher gestimmt oder zumindest Angriffe auf die angebliche „Lügenpresse“ leiser?

Nein, im Gegenteil. Meine fleißigsten Kritiker fühlen sich dadurch eher bestätigt − nach dem Motto: Die Elite kreist um sich und feiert sich selbst, die Party des Wiener Kongresses tanzt, während das Volk zuguckt. Das sind so klassische Reaktionen.

Heißt das, der Vorwurf „Lügenpresse“ ist mehr ein politischer Kampfbegriff?

Lügenpresse ist ein sehr perfider Begriff, weil er eine Absicht unterstellt, also Propaganda. Das ist Unsinn und zielt nur darauf ab, die Medien und ihre Rolle in der Demokratie zu diskreditieren. Trotzdem ist es wichtig und auch heilsam, dass wir Medien uns mit uns auseinandersetzen. Die Frage, was berichten wir und wie, haben wir den Fokus auf die richtigen Themen gelegt, finde ich enorm wichtig. Wir müssen selbstkritisch sein und dürfen niemals glauben, wir wären die Pächter der Wahrheit. Aber die Angriffe aus diesem Lager gegen die sogenannte Lügenpresse kann ich heutzutage nicht mehr ernst nehmen, weil sie nie auf etwas Konstruktives zielen, sondern immer nur darauf, die Grundordnung zu stören, und zwar die einer freien Presse. Die ist in unserem System essenziell.

Nach manchen Umfragen scheint aber auch eine politisch diffuse gesellschaftliche Mitte an der Glaubwürdigkeit der Presse zu zweifeln.

Das stimmt, aber manchmal habe ich auch das Gefühl, der sogenannte besorgte Bürger wird zu einer Art Scheinriese aufgebauscht und größer gemacht als er ist. Seriöse Umfragen unter ganz normalen Zuschauern, zum Beispiel für den NDR, zeigen, dass die überwiegende Mehrheit sehr zufrieden mit der Berichterstattung ist und die Glaubwürdigkeit extrem hoch ist. Nur weil einige Personen sehr laut und vor allem in den sozialen Netzwerken sehr lautstark sind, muss die Kritik an der Presse noch lange nicht stimmen. Wir müssen auch aufpassen, dass wir nicht immer nur diesem kleinen Bereich zuhören.

„Haltung zeigen“ ist Ihr Credo. Was bedeutet Haltung?

Ich würde gar nicht sagen, dass das mein Credo ist. Aber ich werde ständig damit belegt. Entweder ich werde für meine „Haltung“ ausgezeichnet oder sie wird mir vorgeworfen. Und ich frage mich immer, was ist das denn, Haltung? Es ist ein inneres Gerüst, eine innere Verfasstheit, mit der man auf die Welt zugeht und sie betrachtet. Die ist natürlich individuell und unterschiedlich. Aber es gibt eine Art Grundhaltung in einer Gesellschaft, die sich in Deutschland sicher auch stark aus den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus ableitet. Diese Grundhaltung findet sich in den ersten 19 Artikeln unseres Grundgesetzes. Das ist sozusagen eine Art Katalog für innere Haltung.

Dürfen unabhängige und objektive Journalisten „Haltung zeigen“, oder müssen sie es sogar?

Wenn wir dahin kommen, dass wir uns als Journalist nicht mehr zum Grundgesetz bekennen dürfen, haben wir echt ein Problem. Auf irgendeinen Katalog muss man sich schon einigen, und dafür ist die Verfassung eine gute Grundlage. Interessant ist doch, dass allein diese Haltung heute schon als „links“ gilt und angegriffen wird. Deshalb kommen wir ja gerade ins Trudeln.

Wie meinen Sie das?

Wenn in Chemnitz die „Pro-Chemnitz“-Bewegung mit ihren Anhängern zusammen mit Neonazis aufmarschiert und es dagegen Demonstrationen gibt und es später in den Nachrichten heißt, da waren rechte und linke Demonstranten, dann frage ich mich, wieso werden denn die, die sich gegen Rassismus wehren, bereits politisch links einsortiert? Nach der Logik wäre ja das Grundgesetz eine linke Kampfschrift. Das ist eine Verschiebung der Maßstäbe, die ich bedenklich finde.

Dürfen Journalisten Pegida-Demonstranten als „Fremdenfeinde, Nationalisten und Zweifler“ bezeichnen?

Journalisten sollten genauso wenig wie andere Leute über Gruppen pauschal urteilen. Aber wenn Pegida-Demonstranten sich rassistisch äußern, sind sie eben Rassisten. Damit müssen die dann auch klar kommen. Und wenn Menschen bei einer Demonstration mitgehen, die von Menschen mit Verbindungen zu Rechtsextremen organisiert wird und auf der klar rechtsradikale Parolen skandiert werden, dann dürfen sie sich nachher nicht wundern oder gar beschweren, dass man mit Rechten in Verbindung gebracht wird.

Sie werden gern als „unbequem“ bezeichnet, sind Sie das?

Da müssten Sie jetzt meine Chefs oder Kollegen fragen (lacht). Vermutlich würden Menschen um mich herum sagen, ich sei kantig. Ich lasse mich echt gerne überzeugen und bin gegenüber Argumenten immer aufgeschlossen, aber mit: Das ist so! komme ich nicht so gut klar. Ich bin sicher kein Abnicker und niemand, der immer geschmeidig ist. Also bin ich wahrscheinlich unbequem.

Nach Ihrem inzwischen berühmten Kommentar in den „Tagesthemen“ hatten Sie gesagt: „Ich freue mich schon jetzt auf die Kommentare zu diesem Kommentar“. Gilt das rückblickend noch immer?

Ganz grundsätzlich finde ich die Diskussionen gut, weil wir diesen Diskurs als Land brauchen, auch wenn das zurzeit sehr ungemütlich ist. Nach meinem Gefühl war in den Jahren davor alles ein bisschen eingeschlafen, es herrschte so eine gewisse unbeteiligte Bräsigkeit. Ich freue mich nicht über die hasserfüllte Sprache. Aber es gibt auch Leute, die sehr kritisch schreiben, ohne sofort komplett beleidigend oder verletzend zu werden. Denen antworte ich auch, und daraus entwickelt sich manchmal ein Dialog. Ich empfinde das als sehr wichtiges Element, um meine eigenen Argumente zu überprüfen, zu verwerfen, zu schärfen. Es ist nicht gut, wenn Journalisten in einer gewissen Selbstherrlichkeit glauben, alles, was sie sagen, sei das Maß aller Dinge.

Gibt oder gab es Momente, in denen Sie Angst haben?

Na ja, die Momente gibt es bis heute. Aber gar nicht so sehr um mich persönlich. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich mir mal Sorgen um dieses Land machen würde. Ich bin mit der Gewissheit aufgewachsen, dass Demokratie und Rechtsstaat einfach da sind, und dass gewisse Grundeinstellungen in dieser Gesellschaft verhandelt sind. Wenn ich mir anschaue, was in Chemnitz und manchen anderen Regionen als Normalnull gilt, frage ich mich aber schon, haben wir eigentlich alle das gleiche Maß?

Wer Sie nicht kennt, vermutet in Ihnen ein typisches Nordlicht...

Ja, die klare protestantische freudlose Norddeutsche (lacht).

Sie sind aber geboren, aufgewachsen und haben studiert in München. Vermissen Sie München manchmal?

Ich bin mit Herz und Seele und großer Liebe Münchnerin und mag die opulente Lebenslust dieser Stadt sehr. Sie ist anders als dieses manchmal sehr nüchterne Norddeutschland. Wenn ich über den Begriff Heimat nachdenke, werde ich wohl mein Leben lang Münchnerin sein. Aber Hamburg ist die viel politischere Stadt, viel liberaler, es werden viel mehr Subkulturen zugelassen und toleriert. Das gefällt mir. Aber manchmal braucht man auch die reine Lebensfreude. Gerade als Journalist muss man aufpassen, dass man bei all dem Übel dieser Welt nicht die Freude am Leben verliert und zynisch wird.

Sie sind Abteilungsleiterin Innenpolitik beim NDR, omnipräsent auf dem Bildschirm und auf Veranstaltungen, schreiben Bücher. Sind Sie ein Workaholic?

Nein, ich habe tatsächlich das immense Glück, einen Beruf zu haben, der mir so viel Spaß macht, dass ich ihn nicht nur als Arbeit ansehe: zu moderieren, einen Filmbeitrag zu machen, ein Buch zu schreiben. Auch wenn ich dann lange Abende daran sitze, fluche und denke, warum kannst du jetzt nicht einfach nur auf der Couch sitzen oder in diesem herrlichen Sommer ausgehen. Aber ein Workaholic? Nein, aber ich bin sehr pflichtbewusst.

Bitte ergänzen Sie...

An Hamburg liebe ich... tatsächlich das Politische, das Tolerante, das Liberale, und ich mag es, am Elbstrand zu sitzen. Es ist für mich als geborene Münchnerin immer wieder faszinierend, diese riesigen Containerschiffe zu beobachten.

In Hamburg vermisse ich... die Berge, sehr sogar.

Die Frauenquote ist für mich... das einzige Instrument, um eine Gleichberechtigung der Geschlechter im Beruf herzustellen.

Abschalten vom Beruf kann ich am besten... wenn ich koche oder wandere.

Haushalt ist für mich... eigentlich ganz entspannend.

Meine Kinder finden mich... noch großartig und toll.

Anja Reschke wurde am 7. Oktober 1972 in München geboren und war später neben ihrem Studium der Politikwissenschaften, Geschichte und Sozialpsychologie als Reporterin für Antenne Bayern tätig. 1998 verschlug es sie für ein Volontariat beim NDR nach Hamburg. Im Jahr 2001 wurde sie dort mit nur 28 Jahren Moderatorin. Heute moderiert sie „Panorama“,„Zapp“ und „Wissen vor Acht – Zukunft“. Sie hat einen Sohn und eine Tochter und ist verheiratet mit NDR-Sportreporter Henning Rütten.

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