Atze Schröder: Der Philosoph im Clownspelz
Atze Schröder war am Donnerstagabend im ausverkauften Stadeum zu Gast. Foto: Andrae
Man könnte denken, Roland Kaiser wäre der Star des Abends: weiße Rosen in der Garderobe, dazu Kaisers Song „Manchmal möchte ich schon mit dir...“. Doch der Mann, der in der Stadeum-Garderobe entspannt auf seinen Auftritt wartet, ist Comedian Atze Schröder.
Noch fünfzehn Minuten, bis die Show namens „Turbo“ im ausverkauften Stadeum beginnt, und die Perücke steckt noch immer auf dem Styroporschädel. „Keine Panik, meine Maske dauert nur zwei Minuten“, sagt Schröder gut gelaunt und gießt sich einen Kaffee ein. Noch zehn Minuten. Jetzt die Perücke. Nach kürzester Zeit sitzt das brünette Haarteil fest auf dem Künstlerkopf. Allein die Locken werden noch mit einer Gabel aufgefrischt. „So, fertig“, verkündet Schröder und macht sich in Cowboystiefeln, Jeans und Aufdruck-Shirt („Love, Peace, Atze Schröder“) auf zur Bühne.
„Manchmal möchte ich schon mit dir...“, erklingt dort bereits. Zu wummerndem Live-Schlagzeug, Kunstnebelfontänen und Lasershow reißt Schröder die Arme in die Höhe und begrüßt seine – bereits jetzt – jubelnden Fans. Ein paar Komplimente zum Warmwerden: „Das Publikum sieht echt gut aus. Und riecht gut. Aber Stade ist ja auch nicht irgendeine Stadt, Stade ist das Kitzbühel des Alten Landes.“
Dann geht’s zur Sache. Prostata-Vorsorgeuntersuchung. Schröder, mittlerweile 52 Jahre alt, berichtet detailliert und von Lachern begleitet von seinem Termin bei einem befreundeten Urologen. Nächstes Thema: die Verdauung und die damit verbundene Erkenntnis, dass diese sich früher viel unkomplizierter gestaltet hat: „Es reichten ein Kaffee und eine Ernte 23.“
Nach modernen Essgewohnheiten und der These, dass Delfine vor allem wegen der „Flipper“-Filme und Pferde wegen ihres „besseren Images“ nicht auf deutschen Speisekarten stehen, kommt Schröder zum Kern seines Programms („Turbo“) und dass heutzutage bedauerlicherweise alles schneller, höher, weiter sein müsse. Und politisch korrekt. Passend dazu erzählt er die Geschichte vom Freibadbesuch einer Duisburger Prollfamilie, deren Mutter – rauchend, übergewichtig, mit Bud-Spencer-Haarschnitt, Extensions, jeder Menge Tätowierungen und „Hello Kitty“-Fußkettchen – ihre Tochter brüllenderweise bittet: „Charlene, komm raus aus dem Schatten!“
In der Pause Kostümwechsel durch Austausch des T-Shirts. „Anderer Tag, selbes Shirt“ steht jetzt auf Atzes Brust. Schröder widmet sich nach Themen rund um Gesundheit und Vorsorgeroutine auch der Haarwuchsproblematik auf Männerkörpern. Inspirierend wirkte offensichtlich der letzte Sauna-Besuch: „Ich dachte, der Typ schmuggelt einen Biber, und sein Rücken sah aus wie die Lüneburger Heide.“
Der Abend geht zu Ende, und es steht außer Frage: Atze Schröder steht für derben, bodennahen Witz, der besonders zündet, wenn er seinen Unterschichtsfantasien freien Lauf lässt. Dass er bereits seit Jahrzehnten einen festen Platz in den Herzen deutscher Comedy-Fans hat, könnte aber noch an einem weiteren Phänomen liegen: Manchmal blitzt im altbekannten Proll-Szenario so etwas wie eine Mission auf: „Kommt runter“ und „Macht euch nicht verrückt“ lauten die Botschaften, die Schröder dem Publikum mit auf den Weg gibt. Und obwohl er immer in der Atze-Sprache bleibt, scheint sein Anliegen echt – und Atze Schröder ein bisschen wie ein freundlicher Gebrauchsphilosoph im Clownspelz. Und so beendet der bejubelte Comedian den Abend, der zwei Stunden plus zwei Zugaben lang bestens unterhalten hat, mit einem schönen Rat: „Wartet nicht, bis ihr mit 80 Jahren San Francisco mit dem Rollator durchstreifen müsst – lebt jetzt!“
Am Freitagabend tritt mit Ralf Ruthe der nächste Star im Stadeum auf. Wie es war, lesen Sie am Sonnabend bei TAGEBLATT online.