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Au Revoir: Die letzte Fahrt der Isabell Klein

Frisches Baguette zur Einstimmung für die Zeit in Frankreich .

Frisches Baguette zur Einstimmung für die Zeit in Frankreich .

Die Horrorvorstellung vieler Autofahrer im NDR-Hörfunk: 20 Kilometer Stau vor dem Elbtunnel – anderthalb Stunden Verspätung. Für Isabell Klein gehörte das seit zwei Jahren zum Alltag. 

Von Karsten von Borstel Freitag, 13.05.2016, 14:00 Uhr

Die BSV-Handballerin fährt fünf Mal pro Woche von Kiel nach Buxtehude – und wieder zurück. Das macht täglich 242 Kilometer und mindestens dreieinhalb Stunden Autofahrt. Auf der Rückbank immer mit dabei ihr zweijähriger Sohn Colin. Doch ab Freitag ist alles anders. Isabell Klein hat die letzte Fahrt jetzt hinter sich.

Eine Reportage von Karsten von Borstel.

Isabell Klein gabelt ihren Sohn am Dienstag zur Mittagsstunde in einer neumodischen Kita im Kieler Stadtteil Hasseldieksdamm auf. Mit den Worten „Los Colin, wir wollen nach Buxtehude fahren“ packt die Mutter ihren Sprössling unter den Armen. Nur kurze Zeit später ist die Stimmung buchstäblich ausgebremst: zäher Verkehr und 40 Kilometer Baustelle auf der Autobahn 7 in Richtung Süden. „Guck mal aus dem Fenster, da fährt ein Kipplaster“, ruft die Mutter, um ihren sichtlich gelangweilten Sohn dennoch bei Laune zu halten.

Besänftigt von Baggern und Baumaschinen wird Colin schnell schläfrig und aus dem Kindersitz im Rückraum ist bald nur noch leises Schnaufen zu vernehmen. „Dienstag ist bei uns Powertag“, kündigt die Handballerin an, während sie bei klimatisierten 18 Grad ihren Dienstwagen mit Sechsgangschaltung und genügend Platz für Sohnemann mitsamt Kinderwagen steuert. Powerdienstag? Dazu später mehr.

Fünf Mal pro Woche ist die Noch-Kapitänin von Kiel nach Buxtehude und wieder zurück gefahren. Anschaulich werden die Dimensionen erst durch Zahlen: Durchschnittlich dreieinhalb Stunden hat sie am Tag im Auto verbracht, das sind 17,5 Stunden wöchentlich, 70 Stunden im Monat und 840 Stunden auf das Jahr gerechnet, was 35 Tagen entspricht. „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das, was ich in den letzten zwei Jahren gemacht habe, nicht besonders effizient“, sagt die Sportlerin mit einem Lächeln auf den Lippen.

Mit dieser Fahrerei ist nun Schluss. Nach neun Jahren war es ihre letzte Trainingswoche für den BSV. Ende Juli geht es für sie und ihren Mann Dominik, der noch beim THW Kiel unter Vertrag steht und lange im Aufgebot der Nationalmannschaft stand, auf zu neuen Ufern. Genau genommen nach Nantes in Westfrankreich, wo beide eine neue sportliche Bleibe gefunden haben.

Wenig fortgeschritten sind die Planungen in Sachen Behausung, denn eine Wohnung haben sie in der bretonischen Stadt in Atlantiknähe noch nicht in Aussicht. Eine Laissez-faire-Haltung könnte der gemeine Franzose hier attestieren – ein Leben in den Tag hinein. Klein kontert: „In Frankreich wird man doof angeguckt, wenn man sich schon so früh um eine Wohnung bemüht.“

Pünktlich und putzmunter wacht Colin auf der B 73 in der Ortseinfahrt von Ovelgönne aus dem Mittagsschlaf auf. Einziger Haken an der Sache: „Manchmal schläft er im Auto so gut, dass er dann nachts wach wird“, berichtet seine Mutter. Hin und wieder ist der Junge ganztags in Kiel geblieben. Etwa, wenn seine Mutter wegen Arbeit oder Physiotherapie schon morgens in Buxtehude aufschlagen musste. Sein Vater hat ihn dann aus der Kita abgeholt.

Beim Training in der Halle Nord herrschen am Frühabend subtropische Bedingungen. Das Team übt zusammen mit der Jugend bei 30 Grad Zwei-gegen-zwei-Spiel und Raumbeherrschung in einem wahnwitzigen Tempo. In der stickigen Luft wird klar, was die Kapitänin eingangs mit „Powerdienstag“ gemeint hat. Dem Reporter laufen beim bloßen Zuschauen schon regelrecht Rinnsale den Rücken herunter.

Auch Colin ist am Nachmittag schweißnass über das Parkett gefegt. Dienstags ist für das Zweigespann Kinderturnen angesagt. Kleine Makulatur für die Handballerdynastie Klein: Ihr Nachwuchs steht neuerdings auch auf Fußball. Genau genommen, seitdem die Familie bei einem St.-Pauli-Spiel am Millerntor war.

Das Pensum der Sportlerin, Mutter und Geschäftsfrau wäre ohne Hilfe kaum zu leisten. Seit einigen Jahren bekommt die 31-Jährige Unterstützung von der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Damit werden Leistungssportler für Verdienste um ihr Land gefördert. 200 Euro monatlich streicht sie aus den Fördertöpfen ein. Damit kann sie immerhin einen Teil der Kosten decken. Noch wichtiger: Die Stiftung übernimmt bei Nationalmannschaftsreisen Verdienstausfälle und eröffnet Profis Perspektiven in der Arbeitswelt.

Ausgerechnet an diesem Nachmittag flattert eine Nachricht vom Handball-Bundestrainer Michael Biegler ins Haus. Klein ist für das letzte Qualifikationsspiel zur Frauen-Europameisterschaft nominiert. Die Vorbereitungen dafür starten Ende des Monats. Was auf den ersten Blick nach einer frohen Kunde klingt, hat jedoch eine Kehrseite, denn die Nachricht offenbart einen schon länger schwelenden Zwiespalt.

Die Sportlerin Isabell Klein freut sich über die Nominierung. Die Mutter Isabell Klein sieht sich der Frage ausgesetzt, wie Colin in ihrer Abwesenheit betreut wird. Womöglich von ihren Eltern aus Süddeutschland, die immer wieder in die Bresche springen, wenn es wichtig wird. Klein lässt dennoch keinen Zweifel an ihren Prioritäten aufkeimen: „Wegen Colin richte ich mein Leben zum ersten Mal nicht mehr komplett nach dem Handball aus.“

Bei ihrem beruflichen Wiedereinstieg nach dem Leistungssport erwarten die gebürtige Oberschleißheimerin (Bayern) wohl keine Schwierigkeiten. Denn der Beruf der BSV-Kapitänin hat den Grabensprung zwischen Kiel und Buxtehude perfekt gemacht. Bis Ende April war sie beim global tätigen Prothesenhersteller Implantcast angestellt.

Klein hat dort die Controlling-Abteilung von der Pike an mit aufgebaut. Eine Position, in der sie quasi mit Prokura über Firmengeschicke mitbestimmen durfte. „Eigentlich haben mich Zahlen nie besonders gereizt, aber die Möglichkeit, etwas zu gestalten, umso mehr“, resümiert sie. Nachdem sie ihren Sohn im Februar 2014 bekommen hat, trat die Betriebswirtin auf die Bremse und arbeitete noch zweimal sechs Stunden wöchentlich in dem Betrieb im Gewerbegebiet an der Lüneburger Schanze. Ihre Ambitionen sind deswegen nicht geschrumpft: „Ich könnte mir durchaus vorstellen, irgendwann zu promovieren“, sagt Klein.

Keine zehn Minuten nach Trainingsschluss ist „Isi“ abfahrbereit. Sie hat den dunklen Zopf nach hinten gebunden und trägt schlabberige Trainingsklamotten. Von Ermüdungserscheinungen aber keine Spur. Colin war in der Zwischenzeit zu Hause bei Dirk Leuns Ehefrau Claudia geparkt, nur wenige Hundert Meter von der Halle entfernt. Die Grundschullehrerin hat sich im Wechsel mit der Ehefrau des Vereinschefs Peter Prior um den Nachwuchs der Spielerin gekümmert. Keine Selbstverständlichkeit.

„Der Verein hat mir immer geholfen, alles unter einen Hut zu bekommen“, meint die 31-Jährige. Im selben Atemzug weist sie auf die hohen sozialen Standards in Deutschland hin, ohne die sie die Dreifachbelastung nicht hätte stemmen können. „Mutterschutz, Elternzeit und Kitaplatzgarantie“, zählt Klein exemplarisch auf. „Wir Deutschen jammern auf einem sehr hohen Niveau“, hält sie fest. In Frankreich gebe es seitens der Politik vergleichsweise wenig Unterstützung für Familien. Deshalb haben sich die Kleins entschieden, in Nantes erstmals einen Au-pair zu beschäftigen. Netter Begleiteffekt: Das Paar hätte endlich mehr Zeit für sich selbst.

Während Sie mit Tempo 35 durch die staubige Baustelle beim Hamburger Volkspark kriecht, wird Klein hellhörig. Im Radio ist zu hören, dass Mats Hummels für 35 Millionen von Borussia Dortmund zum FC Bayern wechselt. „Angebot und Nachfrage“, kommentiert sie als bekennender Fan der Münchner. Üblicherweise vertreibt sich die baldige Auswanderin die Fahrten mit Französischkursen auf CD. Sie übe, „weil die Franzosen eigenwillig sind, was ihre Sprache betrifft“, sagt Klein, während die Abendsonne in ihr Gesicht fällt.

Nach den zwei Jahren Pendelei kennt sie nach eigenem Empfinden jede Ampel und jeden Meter nach Kiel auswendig. Eines gibt sie unverhohlen zu: „Was die Blitzertickets angeht, führe ich das mannschaftsinterne Ranking locker an.“ Eine bessere Ampelschaltung auf der B 73 wünsche sie sich – obwohl sie selbst nicht mehr davon profitieren würde.

Punkt 22.30 Uhr parkt sie ihr Familienauto nahe des idyllischen Schrevenparks am Kieler Wilhelmsplatz. Colin hat durchgeschlafen. Keine Überraschung. Klein schleppt Trainingstasche, übriges Gepäck und Sohnemann das Treppenhaus hoch. Am nächsten Morgen muss sie um 11 Uhr wieder in Buxtehude sein.

Nach dem letzten Spiel am Sonnabend geht es wie üblich mit den anderen BSV-Spielerinnen zur Mannschaftsfahrt nach Mallorca. Ohne Dominik und Colin wohlgemerkt. Die Sportlerin freut sich darauf. Ihr Credo: Bloß keine Glucke sein, deren Welt sich irgendwann nur noch um den Sohn und Ehemann dreht.

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