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24-Stunden-Reportage

Auf Patrouille in der Finsternis der Nacht

Nico Narawitz hält sein Diensttelefon an den Kontakt. Der Auftraggeber weiß so, dass der Sicherheitsmann da war. Und WAKO kann seine Patrouille nachverfolgen.

Nico Narawitz hält sein Diensttelefon an den Kontakt. Der Auftraggeber weiß so, dass der Sicherheitsmann da war. Und WAKO kann seine Patrouille nachverfolgen.

Der Sicherheitsmann Nico Narawitz arbeitet seit zehn Jahren für den Wach- und Kontrolldienst (WAKO). Seine Schicht führt ihn durch die Stader Nacht. Der Mann hält den einsamen Alarm-Rekord. Nur in dieser Schicht bleibt alles ruhig zwischen Schäferstieg und Fischmarkt.

Von Daniel Berlin Freitag, 02.08.2019, 18:05 Uhr

Nico Narawitz steuert den 75 PS starken Opel Corsa auf das Gelände eines Bauunternehmens in Stade. Er parkt das Dienstauto vor dem Haupttor und stellt den Motor ab. Verschlusskontrolle heißt um 23.02 Uhr seine Aufgabe im WAKO-Jargon. Der Auftraggeber möchte, dass Narawitz testet, ob die Mitarbeiter nach der letzten Schicht die Türen verschlossen haben. Narawitz drückt die Klinken zweier Türen nach unten. Zu. Er hält sein Telefon an einen kreisrunden Kontakt neben der Tür. Es piept. Narawitz lässt seinen nächtlichen Kurzbesuch registrieren. So weiß der Auftraggeber, dass er da war. Und der WAKO kann die Patrouille verfolgen. Ein eher unspektakulärer Auftakt der langen Nacht.

Mit erst 28 Jahren gehört Nico Narawitz zu den erfahrenen Sicherheitsleuten der Firma. Der Mann ist mit zehn Jahren im Dienst längst ein alter Hase. Im August 2009 begann die dreijährige Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit. Narawitz qualifizierte sich weiter. Er belegte einen Feuerwehrlehrgang und lernte das Tragen der Atemschutzmaske. Auf dem Stundenplan in der Berufsschule standen Betriebswirtschaftslehre, Psychologie, situationsgerechtes Verhalten, Sport, Technisches und EDV.

Als Schichtführer ist Narawitz auf dem Weg zur Führungskraft. Er kennt die Vorurteile der Menschen. „Du bist doch gebildet. Warum gehst du zum Sicherheitsdienst?“ Das hört er oft. Die Leute denken an die Schränke von Männern, die des Nachts die Türen von Diskotheken bewachen.

Nur ein paar Minuten dauert die Fahrt in die Stader Altstadt. Narawitz steuert den Opel an Kaufland vorbei und parkt in einer Seitenstraße hinter dem Schwedenspeicher. Das Museum liegt auf seiner Tour. An der einen Giebelseite kontrolliert Narawitz den Eingang zum Fahrstuhl und eine Tür daneben. Sein Blick geht nach oben. Die Fenster sollten eigentlich geschlossen sein. Sind sie auch. An der Giebelseite, die zum Fischmarkt zeigt, sind alle Türen verriegelt. Narawitz zückt das Handy, hält es an den Kontakt. Das gibt den obligatorischen Laut von sich. Der Schwedenspeicher ist sicher.

So mitten in der Woche sind die Straßen der Altstadt leer gefegt. Die Kneipen sind dunkel. Die Bordsteine hochgeklappt. Narawitz erzählt. Auf der kurzen Strecke zwischen Schwedenspeicher und Kunsthaus habe sich ihm und seinem Dienstwagen mal eine ältere Dame in den Weg gestellt. Wild fuchtelte sie mit ihrem Gehstock und beschwerte sich, dass Narawitz im Schritttempo durch die Fußgängerzone fuhr. Erst nach langem Palaver ließ sie Narawitz passieren. Der musste höflich aber bestimmt seinen Job erklären. Er sei für die Sicherheit unterwegs. Das überzeugte die Frau.

Der WAKO Nord GmbH beschäftigt 200 Mitarbeiter. WAKO steht für Wach- und Kontrolldienst. Der Einzugsbereich erstreckt sich von Stade bis Finkenwerder. Im Portfolio des WAKO stehen der Werkschutz, der Werkfeuerwehrdienst und der Sanitätsdienst. WAKO hat die Alarmanlagen der Kundschaft im Blick. Serviceleistungen wie Winterdienst, Gartendienst, Postdienst, PC-Reinigung gehören dazu. Das Unternehmen übernimmt Kurier- und Shuttledienste. 15 Kollegen sind im sogenannten Revierdienst im Schichtwechsel unterwegs und fahren in der Nacht die Kundschaft ab: Privatleute, Banken, Unternehmer, städtische Gebäude.

Nico Narawitz hält firmenintern den Alarm-Rekord. 15 Alarme in einer Nacht sind unerreicht. Die meisten davon sind Fehlalarme. Aber zum vermeintlichen Einsatzort muss er trotzdem. „Schiss habe ich nicht“, sagt Narawitz. Aber Respekt. „Ich weiß, wozu Menschen fähig sind.“ Wie dieser Typ, der in seinem Rücken am Haupteingang des Solemios in Stade plötzlich auf ihn zu rannte. Im Spiegel der Tür konnte Narawitz seinen Angreifer erahnen, drehte sich im letzten Moment und rammte ihn um. Die Polizei war schnell da. Mehrere Beamte fixierten den Mann. Die Taschen hatte er noch vollgestopft mit dem Diebesgut aus einem Drogeriemarkt.

Sein letzter echter Alarm datiert aus dem Dezember 2017. Ein Mann räumte einen Einzelhändler in Horneburg aus. Narawitz sah ihn noch weglaufen, nachdem er mit Fernlicht aufs Gelände fuhr. Er sah der Polizei bei der Spurensicherung zu. „Das finde ich faszinierend“, sagt er.

Narawitz trägt eine kleine Taschenlampe bei sich. Die Dienstkleidung ist obligatorisch. Die Schuhe besitzen Stahlkappen, die Sohle ist extra verstärkt. Gegen Säure sind die Schuhe geschützt. Wenn Narawitz im Objektschutz eines Chemieunternehmens unterwegs ist, trägt er eine Vollschutzbrille. Sein Handy sieht aus wie aus der Zeit gefallen. Ein vermeintlich alter Knochen. Aber vollgestopft mit moderner Technik. Das Teil hat einen SOS-Knopf, der Hilfe ordert, wenn Narawitz in Gefahr ist. Am Solemio hat er ihn benutzt. Wenn das Telefon runterfällt, sendet es eine Nachricht in die Zentrale. Ein Kontrollanruf klärt, ob es Narawitz gut geht. Die Software des Handys erfasst seine Tour. Die ändert er übrigens jede Nacht. „Nichts darf zur Routine werden“, sagt Narawitz.

Narawitz verlässt den Fischmarkt in Schrittgeschwindigkeit. Er fährt zu einem Haus am Schäferstieg. Sein Auftrag: „Schauen, ob da Leute sitzen, die da nicht hingehören.“ Nachdem er aufs Gelände fährt, leuchtet Narawitz eine Nische aus. Dort sollen die ungebetenen Gäste häufiger die Nacht verbringen. Der Platz ist verwaist. Noch schnell die Kontrollpunkte scannen, und der Kurzeinsatz ist beendet. In einem Büro im zweiten Stock hat ein Mitarbeiter offenbar den Rechner angelassen.

Narawitz fährt zurück in die Innenstadt. Die Temperaturen sind angenehm so kurz vor Mitternacht. Im Winter findet der Sicherheitsmann Obdachlose in den Foyers der Banken. Es gibt dort tote Winkel, die die Bewegungsmelder nicht erfassen. Die Obdachlosen kennen sie. Rucksack, Isomatte und Schlafsack liegen außerhalb der Sensoren. Das System schlägt Alarm, wenn sich Menschen zu lange in der Automatenhalle aufhalten. Narawitz schreitet die Automaten ab und sucht nach augenscheinlichen Schäden. „Manipulationen sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen“, sagt er.

Die Nacht bleibt ruhig. So gar kein Alarm ist unüblich für eine Zwölf-Stunden-Schicht von Narawitz. Der Sicherheitsmann ist entspannt. Er erzählt von Menschen in Schlafanzügen, die vor der Außenstelle eines Hotels nur eine Zigarette rauchen wollten und dann feststellten, dass sie ihre Karte im Zimmer vergessen hatten. Er fuhr sie im Corsa zum Haupthaus und wünschte ihnen eine gute Nacht. Oder die Leute, die nachts vor verschlossenen Schranken eines Parkhauses im Auto saßen und nicht wegkamen. Kfz-Befreiung heißt das im WAKO-Sprech. Kostet 16 Euro.

Nico Narawitz geht oft nachts auf Patrouille. Seit Jahren. Die Schichten haben seine Organe sensibel gemacht. Dass Narawitz tagsüber leichte Probleme mit den Augen hat, weiß nicht mal sein Chef. Sein Augenarzt riet ihm, am Tag keine Sonnenbrille zu tragen und häufig raus zu gehen, damit die Augen was zu tun haben. Wenn Narawitz in den Supermarkt geht, stört ihn die Geräuschkulisse. Die nächtliche Ruhe hat seinen Hörsinn geschärft.

Um kurz vor Mitternacht parkt Narawitz vor der WAKO-Zentrale an der Brinkstraße. Aus dem Kühlschrank holt er sich eine Cola. Gleich klingelt das Telefon. Die Notruf- und Serviceleitstelle ruft an. Wie immer zur Kontrolle pünktlich um 0 Uhr. Bis zu drei Mal versuchen die es digital, den vierten Versuch unternimmt ein echter Mitarbeiter. Wenn er da nicht rangeht, fährt jemand los, um Narawitz zu suchen. Sie orten einfach das Handy über GPS. Aber in dieser Nacht bleibt alles ruhig. Narawitz bestätigt den Anruf beim ersten Versuch, trinkt seine Cola aus und fährt wieder raus in die Nacht.

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