TAuf ein letztes Gezapftes an den Tresen im Bier-Baum
Wirt Dennis Wetzel steht hinter dem Tresen des „Bier-Baum“ und zapft die beliebtesten Biersorten: Astra und Lübzer. Fotos: Frank
An einem regnerischen Abend unter der Woche in der Buxtehuder Altstadt sind die Straßen wie leergefegt. Doch hier ist Betrieb: im „Bier-Baum“ am Westfleth. Die Gäste kommen bei weitem nicht nur aus Buxtehude, und zwei Biersorten gehen hier besonders oft über den Tresen.
Das Licht der Straßenlaternen spiegelt sich auf dem regennassen Kopfsteinpflaster des Westfleths. Ein Mann auf der Straße zündet sich eine Zigarette an, das Feuerzeug klickt mehrmals laut durch die Stille. Nur leises Stimmengewirr ist zu hören – es kommt aus dem „Bier-Baum“. Die Straße ist menschenleer, hier drinnen ist noch lange nicht Feierabend. Es ist 22 Uhr.
Der Gang hinein beginnt wie in allen gastronomischen Betrieben zurzeit: QR-Code der Luca-App zur Kontaktnachverfolgung scannen, Hände desinfizieren. Hinter dem langen Tresen steht Dennis Wetzel und zapft die gerade aufgegebene Bestellung: ein Astra und zwei Lübzer, alle groß bitte. Gemeinsam mit seiner Frau Julia Simon-Wetzel, die die „Waschbar 60 Grad“ betreibt, hat er Anfang Juli den „Bier-Baum“ übernommen.
Außenansicht der Kneipe „ Bier-Baum “ bei Nacht.
Die bisherige Inhaberin Marina Gehrmann wollte die Kneipe nach gut 30 Berufsjahren nach Corona nicht wieder eröffnen. „Wir haben viele Stammgäste übernommen. Die sind glücklich, dass der ‚Bier-Baum‘ weiter existiert“, freut sich Wetzel. Es wird auch weiterhin Fußball gezeigt. „Wochenende gibt‘s Fußball auf die Augen. Hummel Hummel“, steht auf einer Tafel draußen an der Kneipe.
Bald gibt es wieder Essen
Den „Bier-Baum“ gibt es seit 1990, erzählt Wetzel. Vorher war es auch schon eine Kneipe, es wurde aber damals einiges umgebaut, zum Beispiel befand sich der Tresen auf der anderen Seite des Raumes. Öffnungszeiten? Die gibt es nicht so richtig. Unter der Woche, so wie an diesem Tag, ist in der Regel gegen 23 Uhr Schluss. Aber wer danach noch etwas bestellen möchte, bekommt natürlich noch etwas. „Offen ist, so lange es sich lohnt“, fasst Wetzel zusammen. Die letzte Bestellung zeigt es: Astra- und Lübzer-Bier sind hier am beliebtesten. Auf den Zapfhähnen stehen noch einige andere Namen, aber „da können die sich noch nicht so richtig mit anfreunden“, sagt Wetzel.
Endlich wieder am Abend andere Leute treffen: Dane McMillan (links) aus Schottland und Stefan Häußler .
Ab dem 1. September soll auch wieder Essen serviert werden. Wie viele andere Betriebe in der Gastronomie hatte auch der „Bier-Baum“ Schwierigkeiten, in der Corona-Zeit Personal zu finden. Auf der Karte steht dann Rustikales wie Bauernfrühstück, Currywurst und Backfisch – „schön im Bierteig“, fügt Wetzel letzterem noch hinzu.
Selbst zapfen am „Astra-Tower“
Das Publikum ist hier altersmäßig gemischt. „Von ‚Ich darf in die Kneipe gehen‘ bis 80 ist alles dabei“, sagt Wetzel. Gerade bei Jüngeren beliebt ist etwas, das etwas erhöht hinter dem Tresen thront: der „Astra-Tower“. In das Gefäß können drei Liter Bier eingefüllt werden, am Tisch kann dann selbst gezapft werden. Zwei Gäste wollen sich nun aber auf den Heimweg machen: „Können wir noch einen Sambuca haben und dann bezahlen?“ Es geht auch alles auf einen Bierdeckel – heißt, es wird zusammen und nicht getrennt bezahlt.
Serge Jacobs (links) und Marc Ugen aus Luxemburg sind geschäftlich in Buxtehude und verbringen den Abend im „Bier-Baum“.
In einer Sitzecke gegenüber dem Tresen haben es sich Serge Jacobs und Marc Ugen gemütlich gemacht. Die beiden kommen aus Luxemburg und haben geschäftlich in der Region zu tun. Den „Bier-Baum“ haben sie zufällig entdeckt. Sie übernachten im „Hotel zur Mühle“, da ist der Weg ja auch nicht weit. Sie sind seit zwei Tagen in Buxtehude, es gefällt ihnen gut. „Hier ist es ganz anders als bei uns, alles flach“, sagt Jacobs lachend, und Ugen fügt hinzu: „Die Leute sind ziemlich offen hier.“ Sie trinken Astra – das kennen sie aus Norddeutschland-Urlauben. In Luxemburg ist dieses Bier nicht gerade gängig.
Endlich wieder abends Leute treffen
Beliebt: der „ Astra-Tower “ zum Selberzapfen.
Das Schöne am „Bier-Baum“ sei, dass es eine alteingesessene Kneipe ist, sagt Häußler, „ich bin ja alter Buxtehuder“. Er sei öfter hier. McMillan stammt aus Schottland; am Tisch wird Deutsch und Englisch im wilden Wechsel gesprochen. Er sei sozusagen in Kneipen groß geworden, seine Familie habe fünf Pubs in Schottland betrieben, sagt McMillan. Und Häußler fügt etwas hinzu, das einigen aus der Seele sprechen dürfte: „Es ist schön, nach 22 Uhr in der Corona-Zeit mal wieder jemanden zu treffen.“ Die Ausgangssperre ist ja zum Glück passé.
Mittlerweile ist es kurz vor 23 Uhr, der „Bier-Baum“ hat sich etwas geleert. Wetzel spült so einige Gläser, bestellt wird immer noch. „Wollt ihr noch was trinken?“, fragt er einen Gast. „Vielen Dank, aber wir müssen leider schlafen“, antwortet der – nicht, ohne sich auf dem Weg zur Tür noch zu verabschieden: „Bis morgen!“
24 Stunden
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:
Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
Teil 2: In der Rettungsleitstelle
Teil 4: In der Intensivstation
Teil 7: Krafttraining beim BSV
Teil 8: Packen des Verkaufswagens
Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
Teil 11: 1000 Essen in der Küche
Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
Teil 23: Kneipen-Kehraus
Teil 24: Der letzte Zug