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Aus 204 Tonnen Stahl entsteht Harsefelds neue Brücke

Tiefbau-Experte Holger Bohling aus dem Harsefelder Rathaus besichtigt mit Ratsleuten die Hallen der Firma Schone und Bruns . Hier wird die Brücke gefertigt. Fotos: Beneke

Tiefbau-Experte Holger Bohling aus dem Harsefelder Rathaus besichtigt mit Ratsleuten die Hallen der Firma Schone und Bruns . Hier wird die Brücke gefertigt. Fotos: Beneke

Für Harsefelds neue 160 Meter lange Brücke müssen die Mitarbeiter der Firma Schone und Bruns in Meppen 204 Tonnen Rohmaterial verarbeiten. In ihren Hallen werden die Einzelteile gefertigt, die Ende Mai per Schwertransport auf die Geest kommen sollen. Ein Besuch im Werk.

Von Daniel Beneke Samstag, 16.02.2019, 12:00 Uhr

In einem Industriegebiet an der Bundesstraße 70 am Rand der Stadt Meppen im Emsland werden die Einzelteile der Brücke produziert, auf der schon im Herbst die Harsefelder zu Fuß oder mit dem Fahrrad die Bahnstrecke überqueren sollen. Die Firma Schone und Bruns hat die Ausschreibung für die Metallarbeiten gewonnen. Die hoch gebauten und in grau gehaltenen Produktionshallen ähneln denen einer Schiffswerft. Die Maschinen dröhnen, der Geruch von verschmortem Stahl wabert durch die leicht diesige Luft.

Überall rattern Förderanlagen. Sichtblenden, Geländer in leuchtendem Gelb, auf dem Betonboden markierte Laufwege – Sicherheit wird hier großgeschrieben. Mitarbeiter tragen Schutzanzüge, während um sie herum Funken sprühen. Die Herstellung der Stahlelemente für die Harsefelder Brücke läuft seit Anfang Februar, berichtet Geschäftsführer Carsten Bruns. Die ersten Bleche sind bereits zugeschnitten, die Pylonen als Halterung befinden sich gerade in der Fertigung. Dreieinhalb Monate lang werden die Arbeiter in Meppen mit dem Auftrag aus dem Landkreis Stade beschäftigt sein.

Jedes der rotbraunen Blechelemente – zwischen 10 und 20 Meter lang und viereinhalb Meter breit – besitzt eine Markierung, die Aufschluss über seine Herkunft gibt, erklärt Betriebsleiter Sven Seel. Hinzu kommt ein Zeugnis als Zertifikat mit einer detaillierten Aufschlüsselung der Stoffeigenschaften. Schone und Bruns lässt die Grobbleche nach eigenen Vorgaben in einem Walzwerk fertigen. Am Morgen ist Nachschub gekommen – aus der Dillinger Hütte im Saarland. In Europas größtem Walzwerk werden jährlich zwei Millionen Tonnen Stahl verarbeitet. Die frisch gelieferten Bleche bleiben einen Tag in der beheizten Halle in Meppen liegen, ehe sie weiterverarbeitet werden. Sie sollen die Raumtemperatur annehmen, sagt Sven Seel.

250 Mitarbeiter sind hier in einem Bürogebäude und mehreren Fertigungshallen tätig. Bei der Gründung 1988 waren es gerade einmal 30 Mitarbeiter. 12.000 Tonnen Stahl verarbeiten sie im Jahr, erstellen ganze Kraftwerksanlagen für Industriekonzerne. Von der Planung der Objekte über die Fertigung der Einzelteile bis hin zu Beschichtung und Montage bietet das Unternehmen das Komplettpaket an. „Die Auftragsbücher sind voll“, sagt Geschäftsführer Carsten Bruns, der den Betrieb von seinem Vater übernommen hat. Das Familienunternehmen setzt auf Wachstum, engagiert sich als Ausbildungsbetrieb. Die Auftraggeber sitzen auch in Südamerika oder Asien.

Wenige hundert Meter vom Stammsitz entfernt befinden sich weitere Hallen. Auf 90.000 Quadratmetern produziert Schone und Bruns Produkte aus Stahl – etwa Rohrleitungsanlagen. Eine Tochterfirma stellt schlüsselfertige Bauten wie Gewerbehallen oder Bürogebäude her. Hochtechnologie und Handarbeit gehören gleichermaßen zur Unternehmensphilosophie. Die Konstruktion der einzelnen Objekte erfolgt in 3D mit Hilfe spezieller Grafikprogramme am Computer. Gearbeitet wird in zwei bis drei Schichten von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachts. Dann stehen die Anlagen vier Stunden lang still.

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Harsefelds Bürgermeister Harald Koetzing und Gemeindedirektor Rainer Schlichtmann sind zusammen mit Vertretern von Rat und Verwaltung nach Meppen gekommen, um sich die Produktion aus der Nähe anzusehen. „So eine Brücke bauen wir in Harsefeld ja nicht alle Tage“, sagt der stellvertretende Bürgermeister Jürgen Deden. 4,1 Millionen Euro soll das Projekt kosten, rund die Hälfte kommt aus einem Fördertopf der Bundesregierung. 160 Meter lang soll die Brücke werden. Weil der Bahnhof einst in einem Trog errichtet worden ist, kann sie die Gleise fast waagerecht überspannen. Eine befahrbare Rampe zur Kreisstraße soll es auch geben.

Die Pläne sehen außerdem vor, eine Treppe und einen Fahrstuhl zum in Zukunft verlängerten Bahnsteig hinabzubauen. Als „filigran“ und „städtebaulich reizvoll“ beschreibt Bauamtsleiter Peter Walthart die Konstruktion, die an Stahlseilen hängen wird. Luftig, sicher, kein optisches Hindernis – vor allem aber eine Erleichterung für die Fußgänger und Radfahrer. So beschreiben die Planer und die Ratsleute das Konzept. Die neuen Quartiere im Süden des Fleckens werden an das Zentrum nördlich der Bahnlinie und an den Bahnhof selbst angebunden. Schulen, Geschäfte und Rathaus sind fortan bequemer zu erreichen. Damit sollen sich die Neubürger zum Umstieg aufs Fahrrad bewegen lassen.

Sven Seel zeigt den Harsefeldern einen mattbraunen Metallblock mit Zahlencodes, mit Kreide draufgeschrieben. Das Gekritzel erinnert an Formeln aus dem Mathematikunterricht. „Den haben wir für Schweißversuche angefertigt“, erklärt er. „Das hält was aus“, stellt Jürgen Deden fest. Die Brücke soll jahrzehntelang auch bei Sturm Stabilität bieten. Jeder einzelne Produktionsschritt wird dokumentiert. Das Ingenieurbüro WK Consult aus Hamburg begleitet die Arbeiten im Auftrag des Fleckens Harsefeld.

In eine andere Halle, in der ein Blech für die Brücke für die Oberflächenkonservierung vorbereitet wird, geht es über den Mitarbeiterparkplatz. Schone und Bruns hat expandiert und konnte die neuen Gebäude auch im selben Industriegebiet errichten, jedoch nicht direkt nebenan. Da hatten bereits andere Firmen ihre Zelte aufgeschlagen. Ein frischer Wind weht den Harsefeldern ins Gesicht. Am Horizont sind die Kräne des Ems-Hafens zu erkennen. Für die Mitarbeiter gibt es einen kameraüberwachten Zugang per Drehtür, für die Besucher öffnet sich das große Tor zur Zufahrt.

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Die Reisegruppe kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Die Gäste lassen ihre Blicke schweifen in alle Richtungen. Arbeiter mit Schutzanzügen präparieren das Blech in einer Sechs-Bar-Unterdruckkabine. Das Sandstrahl-Verfahren laufe „wie ein großer Hochdruckreiniger“, erklärt Betriebsleiter Sven Seel. Kommt das Blech aus der Kabine, fühlt es sich so rau an wie Schmirgelpapier. „Innerhalb von drei Stunden muss hier Farbe drauf“, sagt Firmenchef Carsten Bruns. Ansonsten korrodiert das Blech mit der Luft und die Farbe würde wieder abblättern.

Die Besuchergruppe darf es nur mit dem Handrücken berühren, an den Fingerkuppen ist die Haut zu fettig. Der rutschhemmende Fahrbahnbelag wird später ebenfalls mit Sand eingestreut. „Dazu muss die Spachtelmasse noch feucht sein“, sagt Sven Seel. Ganz zum Schluss kommt noch eine Versiegelung drauf. Nebenan liegen kleinere Teile aus Metall: gelöcherte Bleche und Winkelstützen, die zum Verbinden der Einzelteile benötigt werden. Auch eine Pylone, ein Trägerelement, ist fertig. Sie sieht aus wie ein überdimensioniertes Regal. Ein Materialprüfer wird die Objekte in den nächsten Tagen genau unter die Lupe nehmen. „Wir warten auf seine Freigabe, dann fangen wir sofort mit der Montage an.“

Im vergangenen Jahr hatte es im Rat und in der Bevölkerung hitzige Diskussionen über das Projekt gegeben – nicht nur wegen der hohen Kosten. Vom ersten Grundsatzbeschluss bis zum Ende der Ausschreibung stieg die Summe von 3,1 auf 4,1 Millionen Euro. Am Ende votierten Sozialdemokraten, Christdemokraten und Freie Wähler für den Bau. Die Grünen und die Liberal-Konservativen Reformer lehnten ihn ab. Sie hatten von Anfang an vor steigenden Kosten gewarnt. 2,1 Millionen Euro zahlt der Bund. Harsefeld hat sich beim Wettbewerb „Klimaschutz durch Radverkehr“ beworben und mit dem Konzept überzeugt.

Den Rest finanziert der Flecken aus Eigenmitteln – unter anderem aus Grundstücksverkäufen. Zusätzliche Kredite muss die Gemeinde nicht aufnehmen. Zunächst war auch die SPD-Fraktion gespalten, stand schließlich aber geschlossen zu der Investition. Mit der Entscheidung für den Bau der Brücke stimmten die Ratsleute auch für den Planungsauftrag für ein Radverkehrskonzept. Die ersten Workshops mit interessierten Bürgern sind zum Jahreswechsel angelaufen.

Ende Mai werden die Einzelteile mit Schwertransporten von Meppen nach Harsefeld geliefert – begleitet von einem Sicherheitsdienst und auf einigen Streckenabschnitten auch von der Polizei. Ein 500-Tonnen-Kran wird die Stahlplatten in ihre Verankerungen hieven. Innerhalb einer Woche sollen alle Elemente fixiert werden. „Wir werden die Elemente komplett fertig aus der Halle fahren“, sagt Carsten Bruns. Den Fahrbahnbelag haben seine Mitarbeiter dann bereits aufgebracht. Wenn die Brückenteile eingehängt und verschweißt sind, werden sie vor Ort Geländer, Aufzug, Treppenanlagen und Fahrradrampen montieren.

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Auch die Seile sollen schon an den Stahlteilen hängen, sie müssen in Harsefeld nur noch gespannt werden. Das größte der vier Teile ist 33 Meter lang und knapp viereinhalb Meter breit. „Wir haben schon weitaus größere Teile produziert“, sagt Carsten Bruns. Aus der Perspektive der künftigen Nutzer der Brücke ist es ein Koloss – und wird 46 Tonnen wiegen. Alleine die Beschichtung kommt auf 76 Kilogramm – pro Quadratmeter. Die Brücke bringt es am Ende auf insgesamt 204 Tonnen Stahl. „Für die Transporte werden wir unsere Auffahrt umbauen“, sagt der Firmenchef und lacht. „Sonst kommen wir hier nicht raus.“

Im Moment ist der Winkel noch zu eng. Die Arbeiter müssen Findlinge versetzen und die Pflasterung verbreitern, damit die Lastwagen auf ihrem Weg von der Halle zur Straße nicht im Boden versinken. In dreieinhalb Monaten, zur Auslieferung, muss die vergrößerte Ausfahrt befestigt sein. „Ich weiß unsere Brücke hier in guten Händen“, sagt Bauexperte Holger Bohling aus dem Harsefelder Rathaus.

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