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Auszug aus dem Stade Buch "Zeitreise"

Die Wikinger: für die Christen grausame Krieger, die von Raubzügen und Brandschatzungen lebten. Doch die Wikinger waren auch Händler, Entdecker und Staatengründer, sie veränderten und prägten das Mittelalter im Norden Europas.

Von Björn Vasel Donnerstag, 17.05.2018, 10:00 Uhr

Mit ihren überlegenen Booten konnten sie weit in die Flüsse hineinfahren - mal als Händler, mal als Räuber. An der Schwinge zeigten sie sich im Sommer 994 nicht von ihrer besten Seite, als sie die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten und ihre Opfer grausam verstümmelten.
Diesem Überfall verdankt Stade seine erste schriftliche Erwähnung. Im 9. Jahrhundert häuften sich die Wikinger-Überfälle. 845 überrannten die Krieger die Hammaburg (Hamburg), 994 überfielen sie auch Stade. Dieser Überfall, sagen Historiker, hatte seine Vorgeschichte in den dänischen Thronwirren: Sven Gabelbart kämpfte an der Spitze der heidnischen Opposition gegen seinen Vater König Harald Blauzahn, der dem Christentum verbunden war. Gabelbart blieb siegreich, musste sich aber vor den Truppen des schwedischen Königs Erik zurückziehen. Zeitweise seiner Machtbasis beraubt, musste Sven Gabelbart seinen Lebensunterhalt und den seiner Gefolgsleute als „pirati“ in der Fremde verdienen, um seine Kriegszüge weiter finanzieren zu können. Sein großes Ziel: das reiche London. Unterwegs wollte der Däne mit seinen Mannen das kleine Stade überfallen, um die Reisekasse aufzubessern. Der Hafen war damals ein wichtiger Elbübergang nach Nordelbien. Damit nahm das Unglück der Ur-Stader seinen Lauf.
Am 23. Juni 994, so berichtet es der zeitgenössische Chronist Thietmar von Merseburg, traten Graf Heinrich der Gute und seine Brüder Udo und Siegfried auf ihren Schiffen den Angreifern entgegen.
„Der Kampf war schwer, denkwürdig und sehr unglücklich“, schrieb der Chronist Adam von Bremen. Die Wikinger gewannen. Udo wurde getötet, die anderen schleppten die Wikinger als Gefangene auf ihre Schiffe. Herzog Bernhard Billung, Sieger in der Schlacht von Glinde, nahm Verhandlungen auf, um die Geiseln zu befreien und die Kampfhandlungen zu beenden. Ein saftiges Lösegeld musste aufgebracht werden, der Chronist Thietmar von Merseburg spricht von einer ungeheuren Summe („ineffabile pecuniam“).
Vielleicht war es so viel wie später in London: 16.000 Pfund Silber musste die Stadt als „Schutzgeld“ (Danegeld) berappen. Selbst König Otto III. soll sich beteiligt haben. Denn dieser war mit dem für Stades Geschichte bedeutenden Geschlecht der Udonen verwandt. Udonen und Billunger führten damals den Abwehrkampf. Die Beschaffung des Lösegeldes zog sich hin.
Schließlich wurde ein Großteil der Summe bezahlt. Um die Beschaffung der Restsumme zu erleichtern, wurden einige Geiseln ausgetauscht; Verwandte, unter ihnen auch Chronist Thietmar von Merseburg, sollten stattdessen zu Geiseln werden. Thietmar sollte Siegfried ersetzen.
Doch der Kanoniker, damals am Domstift Mauritius in Magdeburg tätig, kam zu spät: Siegfried war bereits die Flucht gelungen. Und was Thietmar dazu in seiner Chronik schreibt, ist filmreif: Siegfried hatte sich mit einem Boot „schweren Wein“ kommen lassen und seine Wächter abgefüllt. Vor der morgendlichen Messe gab der Graf vor, sich am Vorschiff erfrischen zu wollen. Doch dort sprang Siegfried plötzlich in ein Beiboot und machte sich aus dem Staub. Am Ufer warteten seine Mannen bereits mit einem Pferd, gemeinsam flohen sie nach Harsefeld und verschanzten sich in der Burg. Ihre Verfolger drangen in die nahe, am Ufer liegende Siedlung Stade ein („in urbem Stethu nomine incurrunt“). Das ist die erste schriftliche Erwähnung der Stadt Stade.
Wie sah der Handelsplatz um 1000 nach Christus aus? Es war eine frühstädtische Siedlung im Schutz einer Burg. Diese war eine bescheidene Ringwall-Anlage, 150 Meter vor dem Geestrand an einer Schleife der Schwinge gelegen, unterhalb des späteren, spätmittelalterlichen Burghügels Spiegelberg.
Die Rache der Wikinger war schrecklich. „Als sie ihn nicht fanden, raubten sie den Frauen gewaltsam die Ohrringe und kehrten niedergeschlagen um. In ihrer Wut schnitten sie am nächsten Tag dem Priester, meinem Vetter und allen übrigen Geiseln Nasen, Ohren und Hände ab und warfen die Verstümmelten in den Hafen. Dann machten sie sich davon. Die Geiseln wurden von den Ihren geborgen, und es erhob sich unendlicher Jammer“, heißt es bei Thietmar in seinem 1014 verfassten Werk.
Chronist Albert von Stade beschrieb
die Flucht im Jahr 1070 etwas nüchterner: „Der spätere Graf Siegfried war von Seeräubern gefangen genommen, konnte aber als Mönch verkleidet in einem Fischerboot fliehen. Daraufhin verstümmelten die Seeräuber ihre Geiseln.“ Sie waren für die Wi-kinger wertlos geworden.
Doch nicht nur alte Chroniken aus dem 11. Jahrhundert zeugen von dem Überfall, aus der Schwinge tauchten bei Baggerarbeiten sogar Schwerter auf – höchstwahrscheinlich aus der Schlacht. Und in der Stadt wurde ein Armreif entdeckt, wohl eine Grabbeigabe für einen verstorbenen Wikinger für seine letzte Kaperfahrt.
Jürgen Bohmbach, lange Zeit Archivar der Stadt Stade, geht davon aus, dass der Überfall den Entschluss mit auslöste, die Burg Harsefeld als Herrschaftszentrum aufzugeben und nach Stade überzusiedeln. Und: Die Udonen traf der Überfall schwer, der einzige Sohn des Grafen Heinrich des Guten, starb an den Folgen der Verstümmlungen wenig später. Udo war gefallen.
Aus dem Piraten („pirati“) wurde später ein König: Sven Gabelbart fiel nach 994 noch mehrfach in England ein. Und stellte einen Rekord auf: 1013 bestieg der „Schlächter von Stade“ de englischen Königsthron - mit einer Regierungszeit von 40 Tagen englischer König mit der kürzesten Regentschaft.

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