BSV-Rasselbande überzeugt in der Halle Nord
Mit Leichtigkeit und Übermut spielte Lotta Heinrich. Der Ball war nicht immer, aber oft ihr Freund. Zum Saisonende wird sie den BSV verlassen. Fotos: Jürgens
Handball-Bundesligist Buxtehuder SV setzt im Heimspiel gegen den SVG Celle auf seine jungen Spielerinnen. Die Nachwuchs-Handballerinnen übertreffen alle Erwartungen und setzen Ausrufezeichen. Ganz ohne die Routiniers geht es dann aber auch nicht.
Selten war Trainer Dirk Leun vom Handball-Bundesligisten Buxtehuder SV vor einem Spiel so entspannt: Zu verlieren hatte sein Team an diesem Nachmittag nicht viel, denn ein kompletter Bundesliga-Kader saß zum Zuschauen verdammt nur am Rande des Spielfeldes. So sollten Lotta Heinrich, Lynn Schneider, Laura Schultze und Lea Rühter diesmal die Kastanien aus dem Feuer holen. Und sie taten es mit Leichtigkeit und Übermut eindrucksvoll beim 30:27-Sieg gegen den SVG Celle.
Lotta Heinrich? Klar, sie hatte immer wieder mal ein paar Minuten in der Bundesliga spielen dürfen, aber noch nie mit so vielen Spielanteilen und vor allem: Noch nie in so einer wichtigen Funktion, nämlich als Back-up für Kapitänin Isabell Klein im Rückraum. An guten Tagen geht so etwas gut und gute Tage sind solche, an denen gleich der erste Pass ankommt und der erste Torwurf sitzt. Wie in der 25. Minute, als Lotta Heinrich kam und traf.
„Das ist einfach überwältigend gewesen“, sagte die 20-Jährige, die am Ende mit vier Toren und überraschenden Anspielen einen wichtigen Anteil an dem verdienten Sieg hatte. „Genie und Wahnsinn“, urteilte Spielführerin Isabell Klein über den Auftritt der Spielerin aus der zweiten Mannschaft, die tatsächlich geniale Momente ins Spiel brachte, aber manchmal auch den Ernst des Handball-Lebens vergessen ließ. Das gilt bedingt auch für Lynn Schneider und Laura Schultze, die mit jeweils drei Toren und großen Spielanteilen aktiv waren. „Das war super heute“, sagte Schneider, die schon in den Anfangsminuten ihre Nervosität abgelegt hatte.
Zum Spiel:Der BSV ging durch Isabell Klein nach zwei Minuten in Führung, die der Tabellenvorletzte Celle schnell ausglich und Lynn Schneider sofort wieder herstellte. Schon in den ersten Minuten war der Charakter dieses Spiel zu erkennen – es war keines für Handball-Feinschmecker, was aus Buxtehuder Sicht auch nicht anders zu erwarten war. Die am Spielfeldrand verletzt und schwanger sitzenden BSV-Spielerinnen wären in dieser Formation in der Bundesliga konkurrenzfähig: Antje Lenz, Jana Podpolinski, Randy Bülau, Friederike Gubernatis, Lena Zelmel, Jessica Oldenburg und Paula Prior.
Der verbliebene Rest schlug sich wacker, hatte aber alle Mühe, das Spiel in den Griff zu bekommen. Celle führte bereits mit zwei Toren, ehe Emily Bölk dreimal mit Gewaltwürfen aus dem Rückraum zum 5:5 (14.) einnetzte. Lone Fischer traf wenig später per Siebenmeter zur Führung.
Mit Toren von Lynn Schneider, Laura Schulze, Isabell Klein hielt der BSV das Spiel offen, mehr war aber in Hälfte eins nicht drin, weil im Angriff gute Chancen versiebt wurden, darunter zwei Siebenmeter von Lone Fischer und Emily Bölk. Und in der Abwehr klappte die Feinabstimmung nicht immer.
Bezeichnend für die Not und die Tugend des BSV war dann der Einsatz der Nachwuchskraft Lotta Heinrich, die in der 25. Minute für Isabell Klein kam und sofort traf, auch Lynn Schneider war wenig später wieder erfolgreich. Lotta Heinrich sorgte dann für die 15:14-Halbzeitführung. Beste Spielerin bis dahin war Torhüterin Julia Gronemann.
Nach der Pause änderte sich wenig: Die „alten“ BSV-Akteurinnen übernahmen den Torauftrag, Lone Fischer (am Ende mit acht Toren erfolgreich), Isabell Klein und die junge „alte“ Emily Bölk trafen, aber weil Celle bis zur 40. Minute Buxtehudes Abwehrschwächen gnadenlos ausnutzte, stand es 18:20, ehe Heinrich wieder Erfolg hatte.
Dass ausgerechnet Lone Fischer einen Alleingang nicht erfolgreich abschloss, gehörte auch zu den Wahrheiten dieses Nachmittags, ebenso wie die Tatsache, dass die Nachwuchs-Torhüterin Lea Rühter Mitte der zweiten Halbzeit für Julia Gronemann kam und sofort im Spiel war. „Mein Einsatz kam völlig überraschend, der Trainer hatte mir das vorher nicht gesagt.“ Aber als Plan B im Kopf gehabt. Ein Plan, der funktionierte.
Mit dem Treffer von Lotta Heinrich zum 25:22 ging der BSV in die letzten zehn Minuten dieses umkämpften Spiels. Lone Fischer traf zunächst per Siebenmeter zur Vier-Tore-Führung, die durch Unachtsamkeiten aber schnell verspielt war. Doch bevor Celle den Anschlusstreffer erzielte, war die fast durchweg in Manndeckung genommene Emily Bölk zur Stelle: 27:24 nach 55 Minuten. Danach waren Fischer und zweimal Schultze erfolgreich, sodass drei Minuten vor Schluss der Sieg perfekt war, was der jungen Nathalie Axmann noch das Bundesliga-Debüt bescherte: „Ich bin total glücklich, davon habe ich immer geträumt“, sagte die Tochter der BSV-Weltmeisterin Heike Axmann. Das 30:27 am Ende war angesichts der Leistung in der zweiten Halbzeit verdient, was Celles Ersatz-Coach Eckard Loest auch benannte: „Die Qualität hat gesiegt.“
Und Dirk Leun? Der blieb über weite Strecken des Spiels ruhig und regte sich nur über die mitunter zweifelhaften Entscheidungen der Schiedsrichter auf. Leun: „Ich muss den Hut ziehen, dass die jungen Mädels das absolut durchgezogen haben.“ Sein poetisches Lamento am Ende: „Für den Trainer ist das sehr schmerzhaft, die hervorragenden Handballerinnen am Spielfeldrand zu sehen, wenn die nur durch Klatschen helfen können.“
Spielführerin Isabell Klein hatte vor dem Spiel in der Kabine ihre Mädels mit diesen Worten aufgemuntert: „Ich wünsche mir am Montag im TAGEBLATT die Schlagzeile: Junge Bande begeistert 1500 Zuschauer.“
Routine und die Jugend
Positiv: Julia Gronemann. Auch Dirk Leuns notgedrungen spielende Jugendbande übertraf alle Erwartungen und spielte gut mit. Insbesondere Lotta Heinrich und Lynn Schneider setzten manches Ausrufezeichen. Mit zunehmender Spielzeit dominierten die Routiniers. Isabell Klein, Emily Bölk und Lone Fischer waren die Eckpfeiler des Sieges.
Negativ: Die fehlende Abstimmung in d0er Abwehr war besonders in der ersten Halbzeit groß, danach wurde es etwas besser.
Diese zum Zusehen verdammte Truppe wäre bundesligareif (von links): Jana Podpolinski, Jessica Oldenburg, Antje Lenz, Lena Zelmel, Friederike Gubernatis, Paula Prior und Randy Bülau.