Zähl Pixel
Archiv

Bakery Jatta: Übers Mittelmeer in die Bundesliga zum HSV

Durch die Wüste und übers Mittelmeer geflohen, nur mit einem Rucksack in Deutschland angekommen, nie in einem Verein Fußball gespielt und jetzt Bundesligaspieler: Bakery Jattas Geschichte ist ein kleines Fußball-Märchen, das am Ostersonntag im Nordderby wahr wurde.

Von Wolfgang Stephan Freitag, 21.04.2017, 15:36 Uhr

Ob er tatsächlich 18 Jahre alt ist, ist nicht gesichert, aber so steht es im Spielerpass des aus Gambia geflüchteten Jungen, der über seine Vergangenheit nie reden mochte. Angeblich, weil er seine Familie in dem westafrikanischen Land nicht gefährden will.
In Bremer Weserstadion redete der Debütant am Sonntagabend in gutem Deutsch nach dem vorläufigen Höhepunkt seiner noch jungen Fußball-Karriere über seine Gefühle. „Mein Traum ist wahr geworden. Schade, dass wir verloren haben.“

Fast wäre seine Bundesligapremiere zu einem richtigen Ostermärchen geworden, denn mit seinem dritten Ballkontakt bugsierte er im Nordderby das Spielgerät kurz vor Schluss ins Tor. Eine unfassbare Story – wäre es gewesen, aber die Regel 11 des Weltfußballs stand dieser Geschichte im Weg: Beim Abspiel stand Spielkamerad Lasogga im Abseits, der Treffer zum möglichen 2:2 zählte nicht. „Ich hoffe, nächstes Mal habe ich mehr Glück“, meinte Bakery Jatta nach dem Spiel.

Zwei Jahre nach seiner Flucht und gut einem Jahr nach seinem ersten Probetraining bekam der Gambier als einziger Spieler das Lob vom Trainer: „Er hat viel Schwung gebracht und war einer der positiven Aspekte. Ich hätte ihm gewünscht, dass sein Tor zählt“, sagte Markus Gisdol, der auch sagte: „Ich fand es bemerkenswert, wie Jatta aufgetreten ist.“
Bemerkenswert ist die kurze Karriere des Schwarzafrikaners ohnehin schon jetzt: Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling war er im Sommer 2014 mit nur wenigen Habseligkeiten im Rucksack in Deutschland angekommen. Gambia gehört den Vereinten Nationen zufolge zu den zwanzig ärmsten Ländern der Welt. Aus der früheren britischen Kolonie fliehen jedes Jahr Tausende Menschen ins Ausland. Gambia war 2015 das viertgrößte Herkunftsland afrikanischer Flüchtlinge in Deutschland.

Es war Zufall, dass in einem Bremer Erstaufnahmelager ein Betreuer auf den Jungen aufmerksam wurde, der ihn bei der Bremer Fußballschule Kannenberg empfohlen hatte, in der viele junge Flüchtlinge kickten. Aber kaum einer so gut, wie Bakery Jatta. Ein eingeschalteter Fußballberater fragte später erst bei Werder an und dann beim HSV. Der damalige Trainer Bruno Labbadia ließ den jungen Flüchtling vorspielen und befand: „Der kann kicken.“

Das bewies der mittlerweile mit einer Aufenthaltsgenehmigung und einem Profivertrag ausgestattete Gambier zunächst bei der HSV U21: Elf Tore in 16 Spielen waren für Labbadias Nachfolger Markus Gisdol schnell das Argument für ein Engagement bei den Profis, das mit dem Einsatz in Bremen seinen ersten Höhepunkt hatte. Dem werden weitere folgen.

„Ich hoffe, dass ich noch viele Chancen bekomme. Das ist erst der Anfang meines Traums“, sagte Jatta. Und Förderer Gisdol prophezeit: „Das war ein erster großer Schritt.“
Grundsätzlich sieht der Trainer seinen Youngster auch als Option für eine Startelf: „Ein eingewechselter Spieler bei uns ist immer auch eine Option.“ Für heute gegen den Tabellenletzten Darmstadt ist mit einem Starteinsatz von Jatta aber eher nicht zu rechnen, denn die Offensive ist mit Aaron Hunt, Flip Kostic und dem genesenen Bobby Wood prominent besetzt.

Experimente kann sich der HSV angesichts des Tabellenplatzes ohnehin noch nicht leisten. Angesichts der Auswärtsschwäche sollen die Punkte für den Klassenerhalt im heimischen Volkspark geholt werden. Seit neun Partien ist der in vergangenen Jahren heimschwache HSV zu Hause ungeschlagen, sieben davon gewannen die Hamburger. Mit einem gesicherten Klassenerhalt könnte auch die neue Zeitrechnung für Bakery Jatta beginnen, der entgegen der ursprünglichen Plänen nach der Saison nicht an einen Zweitligisten verliehen werden soll. Das Fußball-Märchen soll im Volkspark weiter geschrieben werden.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.