Beim HSV kämpfen sie um die Zukunft
Wenn Holger Hieronymus auf die gegenwärtige Lage bei seinem HSV blickt, kommt ihm nur ein Kommentar über die Lippen: „Mein Anspruch ist das nicht.“ Und weil sich der einstige Europapokalheld von 1983 nicht mit Mittelmaß zufrieden geben möchte, hat er gemeinsam mit dem ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Ernst-Otto Rieckhoff eine Aktion gestartet, die den HSV in seinen Grundfesten erschüttern soll.
„In der momentanen Vereinsstruktur kommen wir aus dem Quark nicht mehr heraus“, sagt Rieckhoff. Deswegen gibt es die Initiative „HSVPlus“-Aufstellen für die Zukunft“, die er gemeinsam mit den ehemals erfolgreichen HSV-Profis Holger Hieronymus, Thomas von Heesen und Ditmar Jakobs gestartet hat. „Der bisherige Erfolg ist sensationell“, sagt der 61-jährige Ex-Aufsichtsrat. Seit September wird das Modell in der Mitgliedschaft diskutiert, am 19. Januar fällt bei der Mitgliederversammlung eine erste Entscheidung.
Rieckhoff und seine Mitstreiter ziehen derzeit durch die Lande und erläutern bei den HSV-Fanclubs ihren Vorschlag, der im Kern einen Nerv trifft: Die Fußballabteilung soll ausgegliedert werden und Fremdkapital von „strategischen Partnern“ künftig zum Einsatz kommen. Danach könnten externe Geldgeber an der HSV-Fußball-AG mit bis zu 24,9 Prozent Anteile erwerben. Auch soll der Aufsichtsrat von elf auf sechs Mitglieder verkleinert werden und in Zukunft bei nicht gebilligten Äußerungen juristisch haftbar gemacht werden können.
Der Verkauf von HSV-Anteilen ist das umstrittene Thema in der Mitgliedschaft. Viele Fans fürchten eine Entwicklung wie in Frankreich und England mit kapitalkräftigen Scheichs, die Klubs wie Paris St.Germain oder Manchester City beherrschen. Rieckhoff: „Wenn unser armer Sportchef im Sommer einen Stürmer bräuchte und keinen kaufen kann, weil kein Geld da ist, dann verdeutlicht das unser Problem.“ Letztlich sei das eine „Bankrotterklärung.“ Mit der bisherigen Vereinsstruktur, ohne fremde Geldgeber und mit einem Aufsichtsrat, der zwar von den Mitgliedern gewählt werde, aber nicht mit Fußball-Fachleuten besetzt sei, habe der HSV keine Zukunft. „Wir waren einmal der Marktführer, doch mittlerweile sind Bayern, Dortmund und Leverkusen schon ganz weit weg von uns“, sagt Holger Hieronymus, der aus seiner Zeit als Geschäftsführer der Deutschen-Fußball-Liga (DFL) die Strukturen in den Vereinen kennt. „Mittelfristig wird es mit unserer veralteten Struktur nicht weitergehen“, sagt der Europacupheld des Jahres 1983. Strategische Partner, so Rieckhoff, seien „keine Gefahr“, da nach seinem Modell ihre Anteile unter 25 Prozent liegen müssen. Solle mehr verkauft werden, müssten das die Mitglieder entscheiden. Rieckhoff verweist auf das Modell Bayern München: „Die haben sich mit dem Verkauf von Anteilen an Adidas und Audi eine elegante Möglichkeit geschaffen, um an Geld zu kommen.“
Neben dem Fremdkapital ist die mögliche Einflussnahme der zweite große Knackpunkt in den bisherigen Debatten um das neue Modell: Die Mitglieder fürchten um ihren Einfluss, denn in der derzeitigen Vereinsstruktur wählen sie direkt den Aufsichtsrat. Rieckhoff: „Das führte dazu, dass wir meist keine Fußball-Experten in diesem wichtigsten Vereinsgremium hatten.“ Diese fehlende Fußball-Kompetenz im Führungsgremium sei ein Grund für die Misere. Holger Hieronymus: „Von uns 83-ern war bisher niemand bereit, in so einem Führungsgremium zu arbeiten.“
Nach Rieckhoffs-Modell verlieren die Mitglieder nur den Anspruch, den Aufsichtsrat direkt zu wählen. Stattdessen gibt es einen Beirat/Wahlausschuss, der die Kandidaten für die Führungsgremien bestimmt.
Am 19. Januar fällt bei der HSV-Mitgliederversammlung eine Vorentscheidung. Dann reicht eine einfache Mehrheit, um die Reform auf den Weg zu bringen, am Ende ist für eine Satzungsänderung dann eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig. Neben dem Rieckhoff-Konzept gibt es noch andere Vorschläge: Ernst genommen wird vor allem Jürgen Hunke, der Haupt-Ideengeber von „Zukunft mit Tradition“, ist. Hunke will mehr Eigenständigkeit einer Fußball-Profi-Führung im Verein, aber keine Ausgliederung. „Wenn wir eine andere Führung haben und Satzungs-Verbesserungen, dann können wir das alles aus eigener Kraft schaffen“, meint der Ex-HSV-Präsident.