Zähl Pixel
24-Stunden-Reportage

Benzin und Sixpacks bei Bernd in Völksens Tankstelle

Tankwart Bernd Steckel ist nicht auf den Mund gefallen – hat aber für jeden Kunden ein nettes Wort übrig. Fotos: Felsch

Tankwart Bernd Steckel ist nicht auf den Mund gefallen – hat aber für jeden Kunden ein nettes Wort übrig. Fotos: Felsch

Nachts wirkt die B 73 wie ausgestorben. Aber in Neukloster scheint noch das Licht der Leuchtreklame. Die Tankstelle Völksen schließt erst um Mitternacht. Ein Glücksfall – vor allem für die Autofahrer, die mit dem letzten Tropfen Sprit ankommen.

Von Franziska Felsch Donnerstag, 01.08.2019, 17:55 Uhr

Puh, bin ich froh, ich hatte nur noch einen halben Liter Benzin im Tank“, sagt der Mann sichtlich erleichtert, als er kurz nach 22 Uhr den Geschäftsraum betritt. „Sie sind mein Retter in der Not“, bedankt er sich bei Bernd Steckel, der heute hinter der Kasse steht – so wie seit 37 Jahren. Immer bei Völksen, dem alteingesessenen Familienunternehmen.

Der 56-Jährige lächelt. „Früher kam öfter einer mit dem Kanister in der Hand, weil er in der Pampa liegengeblieben ist.“ Vieles habe sich geändert, seit der Beendigung seiner Lehre. In den 80ern machte er seinem Ausbildungsberuf noch alle Ehre und betankte die vorgefahrenen Autos. Diesen Service muss ein Tankwart heutzutage nicht mehr machen. Wenn es draußen kalt ist, sei das auch kein so toller Job gewesen, erinnert er sich. Doch früher konnte er bei Problemen mit den Autos besser helfen, weil die mit weit weniger Elektronik bestückt waren. „Am Tage ist immer ein Kfz-Mechaniker in unserer Werkstatt, nachts bin ich allein. Aber irgendwas geht immer“, meint er zuversichtlich.

{picture1}

Das glaubt man ihm gern. Bernd ist die Ruhe selbst. Als ein Kunde Probleme mit seiner Kreditkarte hat, ein anderer gleichzeitig einen Latte macchiato bestellt, der dritte eine Auskunft braucht und sein Kompagnon über das Wetter palavert, macht ihn das keinesfalls nervös. „Manchmal wünsch’ ich mir vier Hände und vier Beine“, gibt er zu, als alle zufrieden abgezogen sind.

Zeit für eine Pause. Mitnichten. Stattdessen geht Bernd ins Lager, um für Getränkenachschub zu sorgen. Denn die Tankstelle ist beileibe nicht nur ein Ort, um Benzin zu tanken. Zwischen 22 und 23 Uhr gehen unzählige Sixpacks Bier, Red-Bull-Dosen und Brauseflaschen über den Tresen.

Und Zigaretten. Trotz der grauenvollen Bilder auf den Packungen. Bernd selber raucht nicht. Kennt sich aber auch hier gut aus. „Die Grünen, bitte“, ein junger Mann, offenbar in furchtbarer Eile oder auf Entzug, zückt die Brieftasche, während Bernd zielsicher und blitzschnell in das richtige Fach greift. „Abends wollen die meisten Kunden nicht groß reden, die wollen schnell nach Hause oder in die Disco“, weiß er aus Erfahrung. Das sei ihm recht.

Nett, freundlich, kurz angebunden, beschreibt er sich selbst. Dabei könne er ein Buch über seine Erlebnisse schreiben. Oder Bücher, fügt er augenzwinkernd hinzu. Nie vergessen werde er den bewaffneten Raubüberfall. Den vermummten Täter habe er mit Chipstüten und allem, was greifbar war, in die Flucht geschlagen.

Etwas weniger aufregend: Der Autofahrer, der gegen die Zapfsäule gedonnert sei. „Gott sei Dank ist nichts groß passiert, außer der Beule an seinem Fahrzeug“, sagt Bernd, den selbst brenzlige Situationen nicht erschüttern. Komme ja nicht so oft vor, sagt er, als eine freundliche Frau aus der Nachbarschaft sechs Nogger-Eis bezahlt. „Alle für mich, lecker“, sagt sie, als schon der nächste Stammkunde hereinstürmt: „Bernd, altes Haus, was ist los?“ Der Angesprochene antwortet: „Alles, was nicht fest ist.“

Schlagfertigkeit beweist er auch bei dem Autofahrer, der sich mit den Worten verabschiedet: „Das würde mir ja stinken, Freitagabend zu arbeiten, aber das hast du dir ja so ausgesucht.“ Bernds kurzer Kommentar: „Jo, ich hab’ dich auch lieb.“ Und leise: „Man sieht sich im Leben immer zweimal. Vielleicht ist er eines Tages froh, wenn wir aufhaben, weil er sonst nicht weiterfahren kann.“

{picture2}

Kaum ein Tag ohne dumme Sprüche, lacht Bernd. Viel schlimmer seien die Pöbeleien, wenn irgendwas nicht klappt und der Kunde seinen Frust am Personal ablasse. „Immer nicken, souverän bleiben, gehört halt zum Job, hab’ ich vom Chef gelernt“, meint er und spricht dann über nette Leute. Dazu zählen Promis wie Gunter Gabriel und einen Sänger, dessen Namen ihm nicht einfallen will. „Die waren beide super entspannt, obwohl wir ihre American-Express-Karte nicht annehmen konnten.“

Dann erzählt er von der jungen Frau, die eines Abends vor ihm stand und Hunger hatte, aber keinen Pfennig in der Tasche. Bernd schenkte ihr sein eigenes Butterbrot und dachte nicht weiter drüber nach. Ein Jahr später stand die Frau wieder da, überreichte ihm fünf Euro und eine Cola. Die Geschichte habe ihn nachhaltig berührt, für diese Frau war er der Retter in der Not und nicht nur der Tankwart, der hier steht, weil er keinen anderen Job bekommen hat. Aber für jeden eigne sich das nicht, glaubt er. Er sollte mal eine Aushilfe einarbeiten. Ohne Erfolg. „Wenn du keine Nerven wie Stahl hast, lass’ es lieber“, habe er der Kollegin geraten. 

„Ich mag meine Arbeit, selbst wenn es mal stressig zugeht.“ Abends besonders, da rede ihm keiner rein, aber er müsse eben auch alles allein entscheiden und dürfe keine Panik schieben. Egal, was passiert.

Heute Abend, in der Stunde von 22 bis 23 Uhr, blieb er von „besonderen Ereignissen“ verschont. „Ist auch mal nett“, sagt Bernd.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.