Brautpaare zieht es ins historische Rathaus Jork
Das Standesamt Jork ist beliebt bei Hochzeitspaaren: Davon profitiert auch die Gastronomie. So hat das Hotel „Altes Land“ für freie Trauungen im Garten extra einen Hochzeitspavillon errichten lassen. Fotos: Torben Röhricht Wedding Photography/Vasel
Heiraten im historischen Rathaus von 1651 ist angesagt. 388 Trauungen vollzog die Standesbeamtin Marina von Holt mit ihren Kollegen im letzten Jahr. Das war ein Rekord – und hat das Team „an die Grenzen des Machbaren“ gebracht. Seit 2019 gilt der Richtwert: 300 Eheschließungen im Jahr.
Von den 388 Paaren stammten 272 aus Hamburg, sagt Standesbeamtin Marina von Holt. „Nur 42 Paare kamen 2018 aus der Gemeinde Jork“, rechnet sie vor. 2017 waren es 216 Hamburger, 340 Paare schlossen insgesamt den Bund fürs Leben im Rathaus. Das Interesse in Jork zu heiraten, sei ungebrochen. „Wir könnten sicherlich 450 bis 500 Trauungen im Jahr vollziehen, die Nachfrage ist groß“, sagt von Holt, „doch das wollen und können wir nicht“.
Schließlich stoße das Jorker Standesamt schon heute personell an seine Grenzen, aus Kostengründen wolle und könne die Kommune diesen Bereich nicht weiter ausbauen, sagt der Erste Gemeinderat Matthias Riel. Denn das Standesamt ist nicht nur für das Heiraten zuständig. „Die Trauungen sind das I-Tüpfelchen unserer Arbeit“, sagt die Standesbeamtin. Sie führt auch das Personenstandsregister, beurkundet Geburten, Namenserklärungen oder Sterbefälle.
Außerdem soll das Heiraten im Gräfenhof etwas Besonderes bleiben. Riel: „Wir wollen keine Massenabfertigung.“ Denn Anke Dankers, Uva Gundlack, Birgit Rolf, Anja Nagel, Elke Krebs und Marina von Holt wollen die Zeremonie weiterhin „individuell und persönlich“ gestalten – mit Gänsehautfeeling. Dafür nehmen sie sich Zeit, im Vorfeld eine Rede – aufbauend auf dem Gespräch mit dem zukünftigen Ehepaar – zu formulieren. Schließlich heiraten viele Paare nicht mehr kirchlich, das Standesamt ersetzt den feierlichen Akt vor dem Altar, geheiratet werde trotzdem häufig im weißen Brautkleid.
Deshalb finden Trauungen nicht nur im Trauzimmer (10 Personen) mit den Altländer Möbeln, sondern auch im großen Sitzungszimmer (30 Gäste) statt, damit auch die größeren Hochzeitsgesellschaften die Zeremonie hautnah verfolgen können und nicht alle in der Rathausdiele warten müssen. In der Regel gibt es einen Apfelsecco. Doch die Standesbeamtinnen müssen auch interkulturelles Fingerspitzengefühl haben, Kuss und Umarmungen sind ihn einigen Kulturen verpönt. Herzlich gehe es oftmals bei den Russlanddeutschen zu, dort werde kräftig gesungen. Die Trauungen in den beiden Örtlichkeiten (mittwochs bis sonnabends) finden nie zeitgleich statt, ergänzt Marina von Holt.
Dass Jork bei Liebenden so hoch im Kurs stehe, liege an der Mund-zu-Mund-Propaganda und vielen positiven Berichten in Hochzeits-Illustrierten und -foren im Internet. Davon profitiere auch die lokale Gastronomie – in den Restaurants, in den (Hof-) Cafés und auf den Obsthöfen, viele Gesellschaften gehen Essen oder feiern groß auf dem Saal oder in der Scheune. Das Hotel „Altes Land“ hat 2018 im Garten sogar extra einen Hochzeitspavillon errichten lassen – für die freien Trauungen.
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Auch viele Prominente wie beispielsweise der Blödelbarde Otto Waalkes („er machte sie öffentlich, über alle anderen müssen wir schweigen“) heiraten in Jork. Sie alle haben prominente Vorbilder. Kein Geringerer als der Dichter, Kritiker und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing hat bereits im Jahr 1776 unter Apfelbäumen die geschäftstüchtige Hamburger Fabrikantenwitwe Eva König geheiratet – auf dem Landsitz der befreundeten Altländer Familie Schuback. Seit 1980 erinnert ein Gedenkstein vor der Sparkasse in Westerjork 10 an die Heirat. Der Dichter hatte seinem Freund dem Seidenhändler Engelbert König versprochen, sich um Witwe und Kinder zu kümmern, sollte er sterben. Aus ihrer Freundschaft wurde letztlich Liebe. „Ich küsse sie tausendmal“, schrieb Lessing in einem seiner vielen Briefe.
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Der Kaufmann Johannes Schuback, Sohn des Hamburger Bürgermeisters Nicolaus Schuback, hatte König, seine Frau Anna Elisabeth war mit ihr befreundet, und Lessing seinen Sommersitz in Jork zur Verfügung gestellt. Beinahe wäre diese Hochzeit allerdings ins Wasser gefallen. Denn der Dichter Lessing ging bei einem Spaziergang buchstäblich baden: Er wollte über einen Graben springen und scheiterte. Weil Lessings verschmutzter, einziger Rock erst noch gereinigt werden musste, konnte er seine Eva erst zwei Tage später am 8. Oktober 1776 heiraten. Das wäre heute nicht so einfach möglich, denn der Terminkalender der Standesbeamtinnen ist voll.
Die 300 sei eine Richtschnur. „Wir schicken keine Jorker weg“, betont Marina von Holt.