Chefvisite: Der Scheich, der die Menschen durchleuchtet
Foto: Stephan.
„Ich komme von Amrum, bin Nordfriese, in keiner Partei, unabhängig und sage, was ich denke“ – alleine dieser Satz kennzeichnet Dr. Wilhelm Ruempler. Seit 34 Jahren blickt der Radiologe in die Menschen der Region. Die kommen freiwillig zu ihm und vertrauen seiner Diagnose.
Meistens jedenfalls, denn Ruempler gehört zu den Erfahrensten seiner Zunft. Kein normaler Doktor. Ein Alt-Revoluzzer, der am liebsten seine Ruhe hat. Deshalb segelt er, wann immer es geht, sehr gerne alleine, weil er dann mit seinem Schiff reden kann. Mit dem Schiff reden? Es sollte nicht der einzige Satz sein, mit dem Dr. Wilhelm Ruempler sein Gegenüber verblüfft.
Jeder, der irgendein Zipperlein vor allem an den Bändern in Schultern und Fuß, in den Knien, letztlich aber in allen Körperteilen hat, begegnet dem schmächtigen Mann, dem sein Segler-Leben ins Gesicht geschrieben ist. Wilhelm Ruempler ist der leitende Radiologe der Kernspintomographie in der Klinik Dr. Hancken. Wie viele Patienten der 69-Jährige in seinem Leben durchleuchtet hat, ist nur zu schätzen, mehr als 100 000 sind es auf jeden Fall. Mit 69 noch in der Klinik? Wer dies als Frage formuliert, riskiert mehr als einen bösen Blick. Sein Arbeitsvertrag kann nämlich überhaupt nicht enden, denn er hat keinen. Noch nie gehabt. Seit 1982 verlängert sich sein Engagement in der Hancken-Klinik per Handschlag. Auch das gehört zu dem Nordfriesen, der sein Leben lang auf seine Unabhängigkeit besonderen Wert gelegt hat. Und das war in seiner medizinischen Karriere in Stade nicht immer mit Wohlwollen garniert.
Schon sein Beginn in Stade hatte etwas Einzigartiges, denn der junge Mediziner war bereits 1976 deutschlandweit einer der ersten Radiologen, die mit einer neuen Errungenschaft der Medizin umgehen konnten: Ultraschalluntersuchungen mit Sonographiegeräten, ein neues Verfahren, mit dem ohne die Röntgenstrahlung in den Körper geblickt werden konnte. Als auf seine Initiative hin im damaligen Stader Krankenhaus ein Sonographiegerät angeschafft wurde, war das der Hit, alle Chefärzte wollten damit glänzen und Ruempler sollte sie bei der Untersuchung unterstützen. Doch so etwas ist mit einem Nordfriesen schwer. „Ich oder Sie, aber nicht wir zusammen.“ Kompatibel war derlei Gebaren freilich nicht, also gab es mächtig Unruhe im Krankenhaus. Weitsicht oder einfach nur Mitleid mit einem Segler-Kollegen? Jedenfalls rettete Dr. Gerd Hancken den klinischen Frieden und den Friesen, denn Wilhelm Ruempler bekam eine Anstellung in der Klinik Hancken und durfte sich sogleich eine neue Abteilung mit neuestem Ultraschallgerät aufbauen. Es war die Geburtsstunde des heutigen Medizinischen Versorgungszentrums der Klinik Hancken.
Die neue bildgebende Diagnostik mit nicht ionisierenden Strahlen faszinierte und fasziniert den Nordfriesen bis heute. An der Weiterentwicklung der Technik feilte er mit den Herstellern, immer mit dem Ziel, diese Untersuchungsmethodik zu verfeinern – ob beim klassischen Ultraschall oder später bei der Magnetresonanztomographie (MRT), für die Ruempler zahlreiche neue Sequenzen mit Siemens entwickelte. Generationen von jungen Ärzten wurden seither von ihm ausgebildet, letztlich in einem von den Hanckens geschaffenen medizinischen Biotop des nordfriesischen Experten, der sich mit Einschränkungen arrangieren konnte. Die von Geschäftsführerin Lore Hancken gesetzten Mindeststandards hat er erfüllt, „aber nur weil sie so charmant sein konnte“, erinnert sich Ruempler. Immerhin hatte Lore Hancken ihm zu verstehen gegeben, dass seine Seefahrer-Hemden nicht so ganz passten und auch ein Friseur ihm nicht schaden könne. Vorsichtig ausgedrückt.
„Ich hatte immer die neuesten Kisten, also konnte ich mich nicht beschweren“, resümiert Ruempler. Mit Kisten bezeichnet er sein hochtechnisiertes Gerät, und ähnlich unorthodox lobt er sein Personal: „Auf meine Hausfrauentruppe lass’ ich nichts kommen.“ Solche Worte aus dem Munde eines Nordfriesen dürfen als größtmögliches Lob verstanden werden. Gemeint sind erfahrene medizinisch-technische Assistentinnen, die Familie und Job unter einen Hut bringen und nach seiner Einschätzung mit großem Engagement dem „Scheich“ das Leben erleichtern. „Scheich“ nennt sich Wilhelm Ruempler selbst, nicht im üblichen Gebrauch aus dem Arabischen, sondern aus der christlichen Seefahrt, da gilt „Scheich“ als Spitzname für den Bootsmann, und als solcher sieht sich Ruempler selbst. Ein Bootsmann mit einer Beschäftigung, die er noch nie als Arbeit gesehen habe. Eher als Passion, als Mission oder Leidenschaft. Seine Mitarbeiter habe er so instruiert, „dass sie den Kram selber machen“ und er sich nicht um Details kümmern muss.
Umgekehrt heißt das: Der Chef kümmert sich um das Wesentliche, und das sind die Dinge, die sich auf seinem aufgeräumten Schreibtisch spiegeln. Drei Bildschirme, einer fürs Internet und zwei für die Betrachtung der Körper-Aufnahmen, daneben die Ausdrucke, ein paar Fachzeitschriften und als einzigen persönlichen Gegenstand eine Kaffeetasse mit Goldrand, die ihm seine Mitarbeiterinnen irgendwann geschenkt haben.
Eigentlich müsste auch irgendetwas von der „Johanna von Amrum“ auftauchen, seiner großen Liebe. Ein Segelschiff, das er im Sommer drei Monate lang durch die See schippert. Drei Monate, die er sich bei den Hanckens erbeten hat. Doch Ruempler schwärmt nicht von der Seefahrt; wie es seinem Naturell entspricht, muss viel Energie aufgewendet werden, um ihn zum Erzählen zu bringen, was aber nur bedingt gelingt, denn schließlich hat der NDR mit Ruempler und seiner Johanna diverse Filme produziert. „Land im Gezeitenstrom“. Warum soll ein Nordfriese reden, wenn Unkundige das alles im TV sehen können?
Kauzig ist er, das weiß Wilhelm Ruempler, der sich als Alt-68er sieht, nach seiner Meinung ungerechtfertigterweise ein „Berufsverbot“ auferlegt bekam, weil er Anfang der 70er Jahre irgendwie mit der Hausbesetzerszene in Verbindung war, aber sich nie irgendeiner kommunistischen Gruppe angeschlossen hatte. Weil er ja unabhängig ist. Und Nordfriese.
Um Wilhelm Ruempler zu begreifen, taugt auch diese Geschichte: Irgendwann hatte es ihn erwischt: Herzinfarkt. Zum Glück nicht auf dem Boot, aber auf dem Fahrrad (ein Auto hat er nicht) beim täglichen Arbeitsweg zwischen Bützfleth und der Klinik Hancken. Er wusste gleich, was los war, ein Handy hatte er natürlich auch nicht, also schleppte er sich in eine Tankstelle und diktierte der Kassiererin: Erst den Notarzt und dann im Elbe Klinikum Dr. Sowieso anrufen und ihm sagen, dass in wenigen Minuten ein Patient eingeliefert wird, der einen Stent gesetzt bekommen muss. Was dann auch geschehen ist. Überflüssigerweise hatten ihm die Kollegen anschließend eine Reha verordnet. Die hat Wilhelm Ruempler dann auch angetreten, nicht ganz so wie von den Ärzten vorgesehen, aber auch mit Seeluft. Auf der „Johanna“ in der Nordsee. Seine Ehefrau schippert bei offenem Wetter und gutem Wind selbst bei Regatta-Stress mit, die drei erwachsenen Kinder dagegen auch gerne länger, sagt der erklärte Familienmensch, der aber auch gerne alleine auf See unterwegs ist und das nächtliche Segeln unter dem Sternenhimmel als besondere Herausforderung sieht, auch wenn es ungemütlich wird. „Das Schiff alleine fahren lassen“, nennt er diese spezielle Situation, in der der Mensch zwangsläufig Demut erfahre. Das Gefühl zu wissen, dass niemand einem helfen könne, sei wunderbar. Das sind die Momente, in denen Ruempler dann gerne redet – mit seinem Schiff.
Diesen Moment des Schwärmens gönnt er sich, mehr nicht. Dann erzählt er wieder über die Medizin, seinen Umgang mit den Patienten, die ihm am Herzen liegen. Wenn einer mit Schmerzen kommt und er auf dem Monitor nichts feststellen kann, dann nagt es im Gemüt des Dr. Wilhelm Ruempler. So lange, bis er eine Diagnose hat. Dass er medizinische Koryphäen im Freundeskreis in der ganzen Republik hat, versteht sich von selbst. Dass er Patienten auch mehrmals durchleuchtet, um ein Ergebnis zu bekommen, auch. Dass das betriebswirtschaftlich nicht zu vertreten ist, interessiert den Nordfriesen nicht. Übrigens ein Grund, warum er noch bei den Hanckens arbeitet, weil er hier schon immer die Möglichkeit hatte, so zu arbeiten, wie es ihm beliebe und er sich so wenig wie möglich mit Unsinn beschäftigen müsse, denn: „Ich bin der Scheich“.
Eigentlich war unser Gespräch sehr angenehm. Bis auf das Ende. Dabei hatte ich doch nur wissen wollen, wie lang er noch in der Klinik arbeiten werde. Die Antwort war bitter: „Wer mich so etwas fragt, hat nichts begriffen.“
Der Schreibtisch als Spiegel der eigenen Seele? Einmal im Monat besucht TAGEBLATT-Chefredakteur Wolfgang Stephan unangemeldet einen Chef in der Region – um einen Blick auf seinen Schreibtisch zu werfen. Daraus folgt ein Porträt des Protagonisten.