Chefvisite bei Dr. Stephan Brune
Diese Bescheidenheit hätten ihm viele nicht zugetraut. Der unter einem Vorwand ergatterte Termin zur Begutachtung seines Schreibtisches in seiner Praxis erweist sich als absoluter Glücksgriff. Jedenfalls für den Journalisten. Der Doktor dagegen fühlte sich ertappt.
Dabei muss sich Dr. Stephan Brune nun wirklich nicht schämen, dass er von Focus-Gesundheit als Kardiologe empfohlen wird – eine Auszeichnung, die vielen Ärzten etwas bedeuten würde. Aber Stephan Brune nicht.
Journalistenglück oder Ärztepech? Da liegt das Schreiben von der Focus-Reaktion auf einem Stapel der eingegangenen Post. Der Stader Mediziner wird von der Redaktion des Wochenmagazins als Kardiologe empfohlen, was ihm durch die Veröffentlichung im Heft eine bundesweite Bedeutung und Anerkennung beschert. „Ich will das eigentlich nicht“, sagt Brune. Fast widerwillig zeigt er die Urkunde.
Die Focus-Redaktion sorgt mit diesem Mediziner-Ranking seit Jahren für Gesprächsstoff. Wer als empfohlener Arzt auf der Liste steht, freut sich gemeinhin über die Reputation, insgesamt allerdings ist die Ärzteschaft nicht besonders erfreut über diese Bewertung.
„Es gibt viele gute Kardiologen in der Region“, sagt Brune. Er hält es für problematisch, von außen beurteilt zu werden. Das Ranking basiert auf Daten der Stiftung Gesundheit, die Informationen über 240 000 niedergelassene Ärzte gesammelt hat. In die Auswertung fließen unter anderem die Daten über Ausbildung, Gutachter- und Vortragstätigkeiten, Patientenzufriedenheit und Kollegen-Empfehlungen ein. Am Ende werden von Focus die Mediziner empfohlen, die in der Gesamtschau der Daten am besten abschneiden – ohne deren Zutun und ohne Kosten, so Focus.
„Das stimmt“, sagt Brune, „ich habe nicht einmal gewusst, dass die recherchieren.“ Die Urkunde kam mit der Post. Er sagt aber auch: „Ich glaube nicht, dass sich die Leistung eines Arztes so bewerten lässt.“ Er selbst bewertet die Focus-Empfehlung in seiner Gefühlswelt so: „Dass es mir unangenehm ist, wäre übertrieben, aber meine Freude hält sich in Grenzen.“ Dass das TAGEBLATT darüber schreiben wird, „kann ich eh nicht verhindern“. Aber bitte keine Lobeshymnen, schiebt er nach.
Das klingt auf den ersten Blick unglaubwürdig für den Mediziner, der ständig in der Öffentlichkeit steht, weil er einerseits als Vorsitzender des Bezirksausschusses der Kassenärztlichen Vereinigung letztlich Sprecher von gut 850 Ärzten in der Region ist und andererseits als Sportmediziner einen Namen hat, weil er in seinem Leben vieles gemacht hat, was andere nicht machen. Aber ein Selbstdarsteller war dieser Stephan Brune nie, was vor allem die beurteilen können, die ihn kennen.
Um das zu begreifen, ist ein Blick in seine Vita notwendig. Was viele nicht wissen: Dr. Stephan Brune ist Schwede. Das heißt, er war bis zu seinem 18. Lebensjahr Schwede, geboren 1959 als Sohn von deutschen Eltern in Schweden. Der Schulausbildung folgt das Medizinstudium. Das wäre gradlinig. Aber nicht bei Brune, denn der spielte während seines Studiums in der ersten schwedischen Liga Handball. Zweisprachig aufgewachsen lag der Wunsch nahe, auch in Deutschland ein paar Semester Medizin zu studieren, um dann in der Heimat als Mediziner zu arbeiten. Das Vorhaben misslang, denn beim Studium lernte der Schwede eine junge deutsche Medizinstudentin kennen und lieben. Nach einem Jahr als Arzt in Schweden ging es zurück nach Deutschland. In Göttingen startete er seine Karriere als Arzt – und im Handball. Beides darf als gelungen bezeichnet werden, denn auf der einen Seite steht der Facharzt für Kardiologie und Sportmedizin und auf der anderen beispielsweise der Job als Jugend-Bundestrainer beim Deutschen Handballbund – auch den VfL Fredenbeck hat er zeitweise trainiert. Mannschaftsarzt war er bei den Fredenbeckern schon in der Bundesliga, er ist es bis heute geblieben. So ganz nebenbei ist er auch noch Anti-Doping-Beauftragter des Deutschen Handballbundes. Das sind die verbliebenen direkten Verbindungen zum Handball, alles andere musste er kappen, weil Stephan Brune den Ball gegen den Schreibtisch eingetauscht hat und als Ärzte-Funktionär mindestens einen Tag in der Woche bei der Kassenärztlichen Vereinigung in der Glückstädter Straße arbeitet.
Warum? Die Frage stellt sich bei dem Mann praktisch immer. „Ich liebe meinen Beruf als Arzt, aber ich liebe auch die Abwechslung“, begründet er sein Engagement abseits des weißen Kittels in der Praxis, die er seit 1993 gemeinsam mit Kollegen in Stade führt. Der Ruf ist gut, die Praxis ist mit 140 Prozent mehr als ausgelastet. Die 140 sind in der heutigen Welt der Krankenhaus-Arithmetik ein wichtiger Wert, der besagt, dass es für die restlichen 40 Prozent keine Vergütung von den Krankenkassen gibt. Als Funktionär der Kassenärztlichen Vereinigung weiß Brune um die Klagen seiner Kollegen, er selbst findet das zwar auch ungerecht, aber mehr als erklären kann er es auch nicht. Das System des Gesundheitswesens sieht diese Ungerechtigkeiten vor. Wobei Brune nicht zu den Klagenden der medizinischen Zunft gehört: „Arzt zu sein, ist ein toller Beruf, der trotz aller Mängel immer noch gut bezahlt wird.“
Er muss es wissen: Seine Jugendliebe hat er geheiratet, Dr. Barbara Brune arbeitet als niedergelassene Medizinerin auch in Stade, die zwei erwachsenen Kinder sind beide nicht als Mediziner tätig, wenngleich die Tochter damit geliebäugelt hatte, es dann aber vorzog, als Sport-Wissenschaftlerin zu arbeiten.
Also, Stephan Brune als Ärztefunktionär und als niedergelassener Kardiologe und Sportmediziner. Das lässt sich mit zwei kleinen Dokumenten-Stapeln auf seinem – nach eigenen Angaben – immer penibel aufgeräumten Schreibtisch erkunden. Aber da liegt noch etwas: Ein fast antiquarisch anmutendes A-5-Büchlein. „Da stehen meine Herz-Katheter drin.“ Bitte? Und es folgt die Geschichte des dritten Engagements dieses Arztes, der just wegen der Herz-Katheter nach Stade gekommen ist. 1993 war diese Methode zur Untersuchung der Herz-Kranzgefäße eine neue Errungenschaft der Medizin, auch im Elbe Klinikum. Der damals junge Göttinger Kardiologe ging schon bei der Gründung seiner Praxis eine Kooperation mit dem Klinikum ein und setzt bis heute etwa 300 Herzkatheter im Jahr in den Kliniken in Stade und neuerdings auch in Buxtehude. Warum? Die Frage hatte er schon vorher beantwortet. Er liebe die Abwechslung. Dass er einmal im Monat sich eine Woche lang am Notdienst der Kardiologen am Elbe Klinikum beteiligt und nach Feierabend Herzinfarkt-Patienten verarztet, gehört aber auch zu seinem bewegten Leben. Warum? Die Antwort kennen wir.
Ach ja, er würde das nicht erwähnen, aber es steht regelmäßig auf den Sportseiten im TAGEBLATT. Da wird immer auch ein Tennisspieler namens Stephan Brune erwähnt, der mit der Herren-55-Mannschaft in der Regionalliga spielt, in der höchsten Spielklasse dieser Kategorie. Also auch noch Tennis? Dreimal die Woche wird trainiert, sagt Brune trocken. Das sei Spaß und eben Sport, irgendwie halt auch Abwechslung von der Abwechslung. Wie auch der Drei-Wochen-Sommerurlaub am Meer in Schweden, wie nebenbei zu erfahren ist. Mehr müsse nicht sein, allenfalls noch mal irgendwo im Laufe des Jahres eine Woche zusätzlich. Die zufriedene Ausstrahlung, das Funkeln in seinen Augen, das helle strahlende Lächeln deuten an: Dieser Mann ist mit sich im Reinen.
Ob er jemals in jüngster Zeit wirklich einmal nichts zu tun hatte ? So am Wochenende oder am Abend ? Dr. Stephan Brune überlegt lange. Ja, schon, das komme auch vor, ist er sich fast sicher. Dann greife er zum Buch und lese einen schwedischen Krimi auf Schwedisch. Zur Abwechslung.
Der Schreibtisch als Spiegel der eigenen Seele? Einmal im Monat besucht TAGEBLATT-Chefredakteur Wolfgang Stephan unangemeldet einen Chef in der Region – um einen Blick auf seinen Schreibtisch zu werfen. Daraus folgt ein Porträt des Protagonisten. Heute: Dr. Stephan Brune, Sportmediziner, Kardiologe und noch ganz viel mehr.