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Coworking Space: Ein Arbeitsplatz zum Mieten

Andreas Wegelin (links) und Waldemar Wegelin machten sich Anfang des Jahres mit der „Tastillery“ selbstständig, seitdem haben sie ihr Büro im „Alten Klöpperhaus“. Fotos Jonas Völpel

Andreas Wegelin (links) und Waldemar Wegelin machten sich Anfang des Jahres mit der „Tastillery“ selbstständig, seitdem haben sie ihr Büro im „Alten Klöpperhaus“. Fotos Jonas Völpel

Es ist eine Mischung aus Café, Uni, Wohnzimmer und hochmodernem Büro. Seit einem halben Jahr können sich Freiberufliche oder Firmen im „Alten Klöpperhaus“ einen Arbeitsplatz mieten. Mit den Coworking-Spaces will das israelische Unternehmen „Mindspace“ den europäischen Markt erobern. 

Von Mona Adams Mittwoch, 23.11.2016, 17:37 Uhr

Das Arbeiten, was wir jetzt kennen, wird sich gänzlich verändern: Arbeiten wird immer flexibler, hatte Mindspace-Gründer Dan Zakai den Cousins Andreas und Waldemar Wegelin prophezeit, und mit seiner Vision den Nerv der jungen Unternehmer getroffen. Für das Startup war klar: sie wollen anders arbeiten, frei von Strukturen und im Austausch mit anderen. Coworking nennt sich die neue Arbeitsform, die gerade mächtig angesagt ist. Freiberufler, Kreative, kleinere Start-ups oder digitale Nomaden arbeiten ungebunden in Einzel- oder Gemeinschaftsbüros. Seit April gibt es diese Form des Arbeitens auch in Hamburg, am Rödingsmarkt. Auf vier Etagen hat der internationale Anbieter von Coworking-Spaces aus Tel Aviv eine kreative Bürogemeinschaft mit 600 Arbeitsplätzen geschaffen. Andreas und Waldemar Wegelin von „Tastilly“ gehören zu den Mietern der ersten Stunde, zu den Dinosauriern. Am Anfang kannten sie noch jeden Kollegen, mit jedem Produkt oder Dienstleistung. Heute haben sie den Überblick verloren.

Im hippen Mindspace-Universum heißen die Mieter Mitglieder und die Community-Manager sprechen englisch. International angesagt halt. Die Mitglieder erhalten Dienstleistungen, die weit über ein normales Mietverhältnis hinausgehen. Neben den möblierten Räumlichkeiten inklusive Infrastruktur profitieren sie von hausinternen Networking-Events. Jeden Monat gibt es für die Community ein buntes Programm bestehend aus internen aber auch externen Events. Die Mindspace-Manager organisieren eine wöchentlich stattfindende Happy Hour. Auch Kaffee ist mit inbegriffen, genau wie die Nutzung von Fahrrädern und Vergünstigungen bei externen Dienstleistern und Restaurants. Die Hauptidee: den Nutzern beim Knüpfen neuer beruflicher Netzwerke zu helfen. „Wir sind ständig im Austausch mit anderen Mitgliedern“, erzählt Waldemar Wegelin (34). Gemeinsam mit seinem Cousin machte er sich Anfang des Jahres mit der „Tastillery“ selbstständig, ein Spirituosen-Set, das sich in der Box fürs Tasting zu Hause kaufen lässt. In ihrem kleinen Büro im zweiten Stock steht ein großes Regal mit Rum und Wodka. Zu sechst arbeiten sie hier an ihrem Erfolg. Erst kürzlich haben die beiden Gründer jemanden gefunden, der ihre PR ausführt, eine Agentur zwei Büros neben ihnen. Die Mitglieder sollen voneinander profitieren, sich gegenseitig helfen und austauschen, so die Idee des Gründers Dan Zakai aus Tel Aviv. „Wir wollen ihnen eine besondere Erfahrung bieten. Um das zu gewährleisten, legen wir sehr viel Wert auf Details“, so der Geschäftsmann.

Es gibt keine Ecke, Nische, kein Flur oder Büro, das nicht mit Industrial- oder Vintage-Möbeln ausgestattet ist. In dem über hundert Jahre alten, denkmalgeschützten Gebäude mit seinen bis zu 3,80 Meter hohen Decken und der imposanten Sandsteinfassade stimmt jedes Detail. Vom farblich passenden Buch im Regal über den liebevoll beschrifteten alten Apothekerschrank ist nichts dem Zufall überlassen. Der schwarz-weiße Kachelboden harmoniert im einen Stockwerk perfekt mit dem Vintageteppich, im anderen ist es der alte Orientteppich, der dem Ganzen den Charme eines Wohnzimmers verpasst, dazu Accessoires, die es normalerweise nicht in ein Büro schaffen: das Sportfahrrad an der Wand, eine Schallplattensammlung oder der Retrofernseher, den schon viele reparieren wollten. Internationale Künstler haben die Arbeitsräume im „Alten Klöpperhaus“ am Rödingsmarkt mit Malereien und künstlerischen Details verziert, die sich durch die Open Spaces wie den Kaffeebars, Küchen und Lounges ziehen. „Die meiste Zeit am Tag verbringen wir auf der Arbeit und somit im Büro. Wir bieten ein kreatives Umfeld, das inspiriert und unsere Community motiviert zur Arbeit zu kommen“, sagt Dan Zakai.

„Wir sind hier nicht wegen der Möbel, aber ich weiß nicht, wie wir je in ein normales Büro ziehen können“, so Waldemar Wegelin. Vom ersten Stock mit drei Arbeitsplätzen zogen die Gründer vor Kurzem in den zweiten Stock. Auch ein Vorteil des Konzepts. Neben den flexiblen Mietverträgen mit kurzen Laufzeiten können Unternehmen und Start-ups je nach Bedarf ihre Büroräume vergrößern und verkleinern. Noch zumindest. Denn irgendwann wird es keinen Platz zum Tausch mehr geben.

„Vor allem Metropolen wie Berlin, Paris oder London zeigen, dass der Immobilienmarkt immer umkämpfter ist und die Mieten immer weiter ansteigen. Viele Unternehmen oder Freelancer können sich die Preise und langfristige Verträge nicht mehr leisten. Genau da kommen wir ins Spiel und bieten eine attraktive Alternative“, sagt Dan Zakai. Genaue Zahlen über Vermietungen will das Unternehmen nicht rausgeben. Nur so viel: Bei Mindspace in Hamburg gibt es einen interessanten Mix aus neuen Start-ups, wie „Tastillery“ oder Virtual Reality Unternehmen, bis hin zu etablierten Firmen, wie die Haspa Bank oder dem Hamburger Presseclub.

„Als wir Mindspace im Jahr 2013 gegründet haben, war der Großteil „Basic“-Coworking Spaces. Da es für diese Art von Coworking eine große Nachfrage gibt, ist es wichtig, dass diese Form weiterhin besteht. Unser Ansatz ist es jedoch etwas zu bieten, was über dieses „Basic“-Modul hinausgeht.“ Mindspace bietet einen Rund-um-Service mit einem eigenen lokalen Team von Community Managern, die den Mitgliedern jederzeit Hilfe bieten sollen.

In Tel Aviv ist das israelische Unternehmen Mindspace bereits erfolgreich. Das Unternehmen wurde 2013 von Dan Zakai und Yotam Alroy in Tel Aviv gegründet und unterhält dort zwei Standorte mit einer Fläche von 6000 Quadratmetern und einer Community von etwa 1000 Mitgliedern. Jetzt soll das Konzept auch in Berlin und Hamburg funktionieren. „Hamburg ist als Stadt sehr attraktiv für unser Produkt. Die lokale Start-up-Szene wächst kontinuierlich und ist sehr offen neuen Konzepten gegenüber“, so der Israeli. Um die Hamburger von ihrem Konzept zu überzeugen, musste das Team das globale Konzept adaptieren und dem Markt anpassen. „Wir mussten echte Hamburger werden. Wir haben uns eng mit der Hamburger Start-up-Szene verbunden. Zudem haben wir einen starken Fokus auf Events gelegt. Unser Event-Space ist zu einem Hotspot geworden, wo sowohl interne als auch externe Events stattfinden“, erzählt Zakai.

Israel ist weltweit für seine Gründerkultur bekannt. Im internationalen Vergleich der besten Gründerstandorte rangiert die israelische Großstadt Tel Aviv auf Platz zwei hinter dem Silicon Valley. In Israel gibt es mehr als 4000 Start-ups – womit Israel die höchste Dichte an Start-ups weltweit verzeichnen kann. „Die Start-up-Szene dort ist sehr lebendig und wächst extrem schnell. Israelische Gründer sind sehr überzeugt von ihren Ideen und geben für ihr Unternehmen alles“, so Dan Zakai. „Die Stimmung in der deutschen und israelischen Start-up-Szene ist sehr ähnlich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass beide Ecosysteme für Gründer sehr attraktiv sind. Unser Ziel ist es, eines der führenden Unternehmen im Coworking-Markt zu sein. Berlin und Hamburg sind erst der Anfang unserer globalen Expansion.“

„In einem Jahr werden hier alle Arbeitsplätze vermietet sein“, meint Pascal Kueper. Der Start-up-Berater ist seit vier Monaten Mitglied in der Mindspace-Community in Hamburg, hat sich für 250 Euro im Großraumbüro eingemietet. Als Freischaffender arbeitete er unter anderem im Silicon Valley, bevor er in seine Geburtsstadt Hamburg zurückkehrte. Schon lange beobachtet er den Wandel der Stadt. Im Gegensatz zu Berlin baue sich in der Hansestadt erst langsam eine Start-up-Szene auf. „Für junge Gründer ist Mindspace ideal, sie müssen sich um nichts kümmern“, so der Hamburger. Coworking heißt für ihn sich helfen und austauschen. Doch „nicht für jede kleine Firma, die sich im Wachstum befindet, ist die Büro-Wohngemeinschaft finanzierbar“. Ein privates Büro für zwei kostet 960 Euro, für fünf Personen schon 2000 Euro. „Ganz am Anfang kann sich das keiner leisten.“ Dan Zakai sieht das anders. Sein Konzept sei die bezahlbare Zukunft.

www.mindspace.me/hamburg

Wenn nicht jeder mithören darf, zieht man sich in die Glaskabine zurück.

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