Das Filialsterben geht weiter
Ex-Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen. Foto: Stephan
Der Ex-Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen spricht bei den Rotariern im Alten Land zur Lage der Banken. Seine düstere Prognose: Filialen aller Finanzinstitute werden weiterhin geschlossen.
Zumindest seine Eingangsworte überraschten die 160 Zuhörer, die gestern Abend ins Hotel Altes Land gekommen waren, um sich über die Lage der Finanzwirtschaft zu informieren: „Den Banken geht es nicht gut“, sagte Jürgen Fitschen, Ex-Vorstandschef der Deutschen Bank, als Gast des Rotary Club Altes Land. Seine düstere Prognose: Filialen aller Finanzinstitute werden weiterhin geschlossen, in Zukunft werde sich auch die Zahl der 1600 Banken und Sparkassen im Lande verringern. Möglicherweise sogar drastisch.
Rotary hatte geladen und nicht nur Gäste aus der Finanzwirtschaft konnte Präsident Sven Kruse begrüßen. Jürgen Fitschen, bis vor zwei Jahren der mächtigste Banker im Lande, sagte: „Wir sind alle besser dran, wenn es uns gut geht und den Banken geht es nicht gut.“ In Deutschland würden 70 Prozent der Kredite über die Bilanzen der Banken gewährt. Wenn die Banken aber nicht mehr in der Lage seien, ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu finden, sei diese Fähigkeit der Banken zur Gewährung von Krediten in Gefahr. Dabei seien die Zugänge zu Kredite existenziell für eine Volkswirtschaft.
Zu den Ursachen der Probleme: Der Umbruch auf dem Finanzsektor habe schon vor der Finanzkrise begonnen, die die Lage drastisch verschärft habe. Die Menschen hätten das Vertrauen gegenüber den Banken verloren. Die Politik habe viele Banken gerettet, mit der Folge, dass eine Regulierung verordnet wurde, die es heute vielen Instituten erschwere, ihre Geschäfte zur Zufriedenheit der Kunden zu machen. Fitschen: „Der administrative Aufwand trifft insbesondere die Sparkassen und Volksbanken.“
Das zweite Problem der Finanzwirtschaft sei 2012 mit der Staatsschuldenkrise entstanden. Einige Staaten seien so hoch verschuldet gewesen, dass es zum Problem für Banken wurde, die zuvor ihre Überschüsse in Staatsanleihen angelegt hätten. Beispielsweise in Griechenland. Auch einige andere Staaten – Irland, Portugal, Italien – seien nahe am Kollaps gewesen. Deshalb habe die Europäische Zentralbank die Leit-Zinsen gesenkt. Dadurch sei das Unmögliche eingetreten. Fitschen: „Man bekommt kein Geld mehr für seine Ersparnisse.“
Diese Geldpolitik, mit dem Ziel, ganze Volkswirtschaften vor dem Kollaps zu retten, habe vielen Banken eine Hauptertragsquelle genommen, unter der sie heute erheblich leiden würden. Während die Folgen der Finanzkrise und die Geldpolitik der EZB endlich seien, drohe der Finanzwirtschaft durch die Digitalisierung das größte Problem. Fitschen: „Die digitale Revolution wird sich zu einer tatsächlichen Revolution entwickeln, vergleichsweise mit den großen industriellen Revolutionen in unserer Geschichte.“ Immer mehr Bankgeschäfte würden online abgewickelt, gleichzeitig aber die Präsenz vor Ort gefordert. Die Frage werde sein: Welche Dienstleistungen werden die Kunden fordern? Fitschen: „Alles, was die Banken machen, können die Kunden heute schon mit dem Smartphone machen.“
Die Kostenmodelle würden sich verändern, wie das Beispiel Mediamarkt zeige: 40 Prozent des Onlinegeschäfts würden stationär abgeholt. Deshalb habe Amazon bereits erste Läden eröffnet. Wer in beiden Vertriebswegen unterwegs ist, werde Vorteile haben, so der Banker. Die Filialstruktur werde sich weiter verändern. Wer nicht ins Online-Geschäft investiere, gebe einen wichtigen Geschäftsbereich auf, wer stationär nicht präsent ist, verzichte andererseits auf eine wichtige Einnahmequelle. Allerdings sei die Ausgangsposition eine andere: Einen klassischen lokalen Markt gebe es nicht mehr. Die Kunden würden vor Ort nach Krediten fragen, gleichzeitig aber die große Transparenz auf dem nationalen und internationalen Markt nutzen. Fitschen: „Lokale Differenzierungen über Preise funktionieren nicht mehr.“
Klar sei: Junge Leute würden kaum noch in die Filialen gehen, stattdessen ihre Finanzgeschäfte online abwickeln. Mittlerweile würden aber auch viele ältere Kunden das Smartphone nutzen. Insofern gebe es eine Konsequenz: Der Druck auf die Kosten im stationären Bereich werde weiter zunehmen, die Ausdünnung des Filialnetzes und letztlich auch des Bankennetzes sei eine unvermeidbare Konsequenz. Es gebe wilde Spekulationen, wonach von 1600 Kreditinstituten in Deutschland nur noch 350 übrig bleiben. Fitschen glaubt das in dieser Dramatik nicht, sieht auch nicht den Untergang des Landes durch die Ausdünnung des Filialnetzes. Sein Beispiel: „In meinem kleinen Heimatort gab es vor 20 Jahren drei Kneipen und zwei Läden, heute sind sie alle verschwunden und trotzdem ist keiner verhungert und verdurstet.“
Sein Rat an seine Kollegen der Branche: Wer nicht in der Lage ist, eine besondere Bindung zum Kunden herzustellen, werde auf Dauer die Kunden nicht halten können. Diejenigen werden überleben, die eine richtige Kombination hinbekommen. Salopp gesagt: „Nicht der Koch, sondern der Kellner entscheidet, wo der Kunde hingeht.“
Der als Sohn eines Landwirts in Hollenbeck geborene Jürgen Fitschen war bis Mai 2016 Vorstand der Deutschen Bank und damit der einflussreichste Banker in Deutschland. Fitschen hatte den Job im Jahr 2011 gemeinsam mit dem Investbanker Anshu Jain übernommen. Seit September 2017 ist Jürgen Fitschen Vorsitzender der Deutsche Bank Stiftung, außerdem arbeitet er weiterhin als Berater der Bank im Auslandsgeschäft. Der 69-Jährige lebt in Frankfurt, hat aber immer auch schon gute Kontakte in den Landkreis Stade.