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Das Handball-Märchen der Friederike Gubernatis

Die Mannschaft feiert die Rückkehrerin : Friederike Gubernatis wurde bei der Heim-WM bislang zwei Mal zur Spielerin des Spiels gewählt.

Die Mannschaft feiert die Rückkehrerin : Friederike Gubernatis wurde bei der Heim-WM bislang zwei Mal zur Spielerin des Spiels gewählt.

Die Handballerin Friederike Gubernatis vom Buxtehuder SV ist eine der Schlüsselspielerinnen der deutschen Nationalmannschaft bei der WM. Die 29-Jährige hat sich in Rekordzeit in die DHB-Auswahl integriert – und entzückt nun alle Experten.

Von Tim Scholz Donnerstag, 07.12.2017, 20:00 Uhr

Die Augen von Ursel Ferch strahlen, wenn sie vor dem Fernseher sitzt und die Frau Handball spielen sieht, die sie als junge Spielerin erlebt hat. „Das ist Gänsehaut pur“, sagt Ferch, „ich habe damals gewusst, dass sie es soweit bringt.“ In der Abwehr sei sie damals schon gut gewesen, im Angriff hätten noch ein paar Prozent gefehlt. Ein großes Talent jedenfalls, das Ferch damals wie heute begeistert.

Ursel Ferch ist die gute Seele der TSG Ketsch. Einem Verein, etwas kleiner als der BSV, aber genauso familiär, der durch seine Frauenmannschaft bekanntgeworden ist und viele Talente aus der Rhein-Neckar-Region anzieht. So auch Friederike Gubernatis. Die gebürtige Hamburgerin kam nach dem berufsbedingten Umzug ihrer Familie im Jahr 2000 in die D-Jugend des Vereins und trainierte die E-Mädchen später zusammen mit Ferch.

Heute ist Friederike Gubernatis 29 Jahre alt, eine gestandene Bundesligaspielerin und wieder Nationalspielerin. Die Rückraumspielerin, die von allen „Fredda“ genannt wird, ist erst vor zwei Monaten auf den WM-Zug gesprungen, um mit auf Medaillen-Jagd zu gehen. Zum Abschluss der Vorrunde treffen Gubernatis und Co am Freitag (18 Uhr) in der Leipziger Arena auf Vizeweltmeister Niederlande.

Friederike Gubernatis, diesen Namen haben Hunderttausende vor einer Woche bei der Übertragung des Eröffnungsspiels zum ersten Mal registriert. Deutschland traf auf Kamerun, und Gubernatis spielte sich ins Rampenlicht. Vier Tore, stark in der Abwehr, druckvoll und im Angriff mit dem Auge für die Mitspielerin. Zwei Tage später: sieben Tore gegen Südkorea und wieder ein herausragender Auftritt. Gubernatis wurde zweimal zur Spielerin des Spiels gewählt.

Die Nation erfuhr danach aus unzähligen Berichten, dass der frühere Frankfurter Trainer Dietmar Schmidt ihr den Spitzenamen „Kampfschwein“ verpasst habe. Gubernatis, und nicht ihre Mitspielerin Emily Bölk, rückte in den Fokus der Berichterstattung. Journalisten stürzten sich bei den Presseterminen im Mannschaftshotel auf Gubernatis, fragten Handball-Experten, was diese Spielerin auszeichnet. „Sie spielt geradlinig, drischt in der Abwehr ordentlich zu und hat einen wuchtigen Wurf“, sagt etwa die deutsche Rekordnationalspielerin Grit Jurack bei „Sport1“. Große Zeitungen und Nachrichtenseiten interessierten sich ebenfalls für die Rückkehrerin, schrieben Von-Null-auf-Hundert-Geschichten. Auch im dänischen Fernsehen gab Gubernatis ein Interview auf Englisch. Eine ungewohnte Situation. „Ich versuche, da ganz entspannt ranzugehen“, sagt sie.

Denn eigentlich hatte Gubernatis mit dem Kapitel Nationalmannschaft abgeschlossen. Ihr letztes Länderspiel absolvierte sie 2262 Tage vor der Heim-WM. Am 22. September 2011 feierten Gubernatis und Co. einen Sieg gegen Frankreich im dänischen Aarhus, zusammen mit einigen heutigen Mitspielerinnen wie Clara Woltering, Anna Loerper oder Isabell Klein. Dann aber – nach 15 Länderspielen – war kein Platz mehr für Gubernatis unter Bundestrainer Heine Jensen. „Da habe ich mir keinen großen Stress gemacht, es halt hingenommen.“

Erst mehr als sechs Jahre später, an einem dunklen Tag im Oktober 2017, kam der vielleicht wichtigste Anruf ihrer Karriere. „Ich kam freitags von der Arbeit nach Hause und sah eine unbekannte Nummer. Normalerweise sag ich mir: Geh nicht dran, ich will meine Ruhe haben“, erzählt Gubernatis. Diesmal aber ging sie ans Telefon, und eine knurrige Stimme am anderen Ende der Leitung ertönte. Bundestrainer Michael Biegler suchte für die verletzte Anne Hubinger einen Ersatz für die Heim-WM. Der Grundstein für dieses moderne Handball-Märchen war gelegt. „Ich wusste, dass Friederike uns mit Deckungsqualität und ihrem Zug zum Tor helfen kann“, sagt Biegler.

BSV-Trainer Dirk Leun hat Spaß an den Auftritten seiner Abwehrspezialistin, die nun auch als Vorlagengeberin glänzt. Gubernatis ist selber vom Vorhandensein dieser Fähigkeit überrascht, beweist damit aber, dass man mit 29 eine bessere Handballerin sein kann als mit 24. Leun vermutet, dass der Weggang ihrer Nationalmannschaftskollegin Isabell Klein aus Buxtehude damit zusammenhängen könnte. Seitdem ist die Linkshänderin die Nummer 1 im rechten Rückraum. Spielt befreit auf.

Leun war mit Gubernatis U 20-Weltmeister 2008 geworden und holte sie fünf Jahre später nach abgeschlossenem Studium aus Frankfurt/Oder an die Este. Dort fühlt sich die Sportwissenschaftlerin gut aufgehoben – nicht nur sportlich. Gubernatis hat einen Job in der Geschäftsstelle des BSV, über den Verein ihren heutigen Ehemann kennengelernt und mit ihm ein Haus in Buxtehude gekauft. Gubernatis kann sich vorstellen, ihre Karriere beim BSV zu beenden.

Noch aber möchte sich Gubernatis mit diesem Thema nicht auseinandersetzen. Es geht um die WM. Nach dem blassen, aber erfolgreichen Auftritt gegen den Handball-Zwerg China hofft Gubernatis im letzten Vorrundenspiel gegen die Niederlande trotz der hohen Belastung – fünf Spiele in einer Woche – auf eine Leistungssteigerung. „Ich sehe beide Mannschaften auf Augenhöhe“, sagt sie. Deutschland als Gruppenerster und die Niederlande als Vierter wollen sich eine gute Ausgangsposition für das Achtelfinale erspielen. Das DHB-Team bestreitet sein erstes K.o.-Spiel am Sonntag (20.30 Uhr) in Magdeburg.

Die Augen und Kameras werden dann wieder auf Friederike Gubernatis gerichtet sein.

Der Buxtehuder SV und das TAGEBLATT laden am Freitag, 8. Dezember, wieder zum Public Viewing und TAGEBLATT-WM-Talk ins Kulturforum am Hafen ein. Zum letzten Vorrundenspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden stehen Diane Lamein, ehemalige BSV- und niederländische Nationalspielerin, sowie Vertreterinnen des Buxtehuder Bundesligateams Rede und Antwort. Der TAGEBLATT-WM-Talk beginnt um 17.30 Uhr, Anwurf ist um 18 Uhr.

So geht es danach weiter:

So., 10. Dezember (20.30 Uhr): Achtelfinale mit deutscher Beteiligung: TAGEBLATT WM-Talk mit Stefanie Melbeck und Randy Bülau ab 20 Uhr.

Di., 12. Dezember (17.30 Uhr): Viertelfinale (nur mit deutscher Beteiligung): TAGEBLATT WM-Talk ab 17 Uhr.

Die niederländische Handballerin Lynn Knippenborg vom Buxtehuder SV bekam einen kleinen Schock, als sie am Donnerstagmorgen die Zimmertür geöffnet hat.

Als ich heute Morgen die Zimmertür geöffnet habe, bekam ich einen kleinen Schock. Meine Schuhe samt Einlagen waren weg. Und ich war nicht die einzige Betroffene aus meiner Mannschaft. Auch einige Serbinnen, die im gleichen Hotel wohnen, vermissten ihre Schuhe. Wahrscheinlich waren das die deutschen Spielerinnen, die sich vor dem letzten Gruppenspiel so einen Vorteil verschaffen wollten, haben wir gescherzt. Ansonsten ist die Stimmung gut in der Mannschaft. Zuletzt haben wir gewichtelt. Meine Mitspielerin Lois Abbingh hat fünf kleine Geschenke bekommen, ohne zu wissen, dass sie von mir kommen. Wir sind auf jeden Fall schon in Weihnachtsstimmung. Mit meiner Zimmerpartnerin Martine Smeets, die ich viele Jahre kenne, habe ich zwei Weihnachtsfilme geschaut, die total schlecht waren. Andere Pausen nutzen wir, um mal die Leipziger Innenstadt zu erkunden, einen Kaffee im benachbarten Einkaufszentrum zu trinken oder meinen Vater und meine Schwester zu treffen. Meine Mutter und mein Freund sind zu Hause geblieben. Sie kommen nach Deutschland, wenn wir es in die Finalrunde in Hamburg schaffen sollten.

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