Das Harburger Schloss und seine wechselvolle Historie
Jens Brauer vor dem Harburger Schloss in seiner heutigen Gestalt. Im Vorgarten steht ein Modell von früher. Fotos: Felsch und Stadtmuseum Harburg
Das Harburger Schloss oder das, was davon noch übrig ist, blickt auf eine beeindruckende, wechselvolle Vergangenheit zurück. Die Reste des einst schmucken Anwesens sind heute noch auf der Schlossinsel im Harburger Binnenhafen zu sehen.
Auch eine Lovestory und das erste Harburger Vogelschießen sind mit der Geschichte des Schlosses verknüpft: Otto von Braunschweig und Lüneburg verzichtete für seine große Liebe auf die Regierung des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg und wurde 1527 erster Herzog von Harburg. Wie es dazu kam: Otto heiratete 1527 ganz unstandesgemäß die nicht ebenbürtige Meta von Campe, statt wie vom Herrn Papa gewünscht, die 40-jährige Hofdame der Königin von Frankreich.
So entging seinem Vater die beträchtliche Mitgift, mit der die Schulden der Familie getilgt werden sollten. Zur Strafe versetzte Heinrich der I. seinen ältesten Sohn an die Elbe. Dort gefiel es ihm wohl recht gut, denn er gründete ein Jahr später das Harburger Vogelschießen und wurde auch gleich Schützenkönig. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn, Otto II. die Herrschaft in Harburg.
Harburger Binnenhafen aus Festungsgräben entstanden
Bis 1642 hatten die welfischen Herzöge dort ihren Sitz und bauten die Burg zu einem repräsentativen dreiflügeligen Renaissance-Schloss aus, ließen Kachelöfen und Glasfenster einsetzen. „Zwischen 1640 bis 1660 wurde das Schloss zu einer gewaltigen Zitadelle erweitert. Aus den Festungsgräben entstand 200 Jahre später der Harburger Binnenhafen. Ein Teil der Häuser der Altstadt musste dafür weichen. Harburg verlagerte sich so weiter nach Süden, von der Elbmarsch hinauf auf die Geest,“ erklärt der Leiter der Abteilung Stadtgeschichte im Helms-Museum, Jens Brauer.
Nicht nur im 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) und auch im siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) wurde immer wieder um die Anlage gekämpft, die erstmalig um 1135 Erwähnung fand. Als Horeburg. „Das heißt Burg im Sumpf, wurde namensgebend für die spätere Stadt Harburg“, sagt Brauer. Scherbenfunde lassen auf eine noch frühere Existenz schließen. Vermutlich errichtete der Graf von Stade damals eine Burg als Grenzfestung auf einer Sandinsel an der heutigen Süderelbe. Keller und Teile der Außenmauern stammen wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert.
Das Harburger Schloss in seiner alten Pracht .
Heute ist nur noch ein baulich stark veränderter Seitenflügel erhalten, in dem sich mehrere Mietwohnungen befinden. Im gepflegten Vorgarten der Adresse „An der Horeburg 8“ steht ein kleines Modell des alten Schlosses, das sich aber im Laufe der Zeit immer wieder verändert hat. Je nachdem, wer gerade das Sagen hatte.
Nach Mitte des 17. Jahrhunderts passierte nicht mehr all zu viel mit dem Gebäude. Erst wieder 1813. Dann bezog das Amt Harburg die Räumlichkeiten, richtete auch ein Gefängnis ein. Als Amtsgebäude diente das hochherrschaftliche Gebäude bis Ende des 19. Jahrhunderts.
Schlossflügel zu Wohnhaus umgebaut
In der Zwischenzeit entwickelte sich Harburg zu einem boomenden Industriestandort, durch den Ausbau der Hafenbecken unter teilweiser Einbeziehung der Schlossgräben. Der Hafen galt für seine Zeit als hochmodern, da er seit 1842 über einen Eisenbahnanschluss verfügte und durch die neuen Schleusen, die für Tideunabhängigkeit sorgten.
Nach verschiedenen Nutzungen durch Militär und Verwaltung entstand hier ab 1884 die Schlosswerft. Dessen Besitzer, Reinhold Holtz, baute um 1900 einen Flügel des Schlosses zu einem ansehnlichen Wohnhaus um. Vermutlich für seine Ingenieure.
Ein schmiedeeisernes Tor führt in den Garten des ehemaligen imposanten Anwesens.
Weit über 1000 Männer fanden auf der Werft Arbeit. Das erfolgreiche Geschäft, besonders mit den zerlegbaren Booten, die Holtz nach Südamerika lieferte, brach mit Beginn des Ersten Weltkriegs ein. 1929/1930 musste die Werft Konkurs anmelden.
1972/73 wurde der Ostflügel gegen den Protest von Harburger Bürgern abgerissen. „Der Denkmalschutz steckte damals ja noch in den Kinderschuhen“, bedauert Brauer. Der Westflügel, der im Kern aus dem 15. Jahrhundert stammt, steht noch und steht unter Denkmalschutz.
Ab 2000, als der Binnenhafen wieder stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung rückte, gewann auch das ehemalige Schloss wieder mehr an Bedeutung. Noch sind die Restaurierungsarbeiten im etwa 600 Jahre alten Keller im vollen Gange. Auf etwa 120 Quadratmetern soll hier die alte Geschichte oder zumindest ein Teil davon, wieder aufleben und der Bevölkerung näher gebracht werden. „Geplant ist Ende 2021 im renovierten Gewölbe eine Museumsfiliale zu eröffnen, mit Exponaten aus dem ehemaligen Schloss“, so Brauer.
Freigelegtes Gewölbe im Kellergeschoss: Hier soll eine Museumsfiliale entstehen.
Die Serie
In loser Folge stellt das TAGEBLATT Gebäude vor, die besondere und meistens unbekannte Geschichten erzählen. Heute: das Harburger Schloss.