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Das Imperial-Theater zwischen Rotlicht und Plüschsesseln

Es sind genau diese kulturellen Nischen, die den Kiez auch auszeichnen. Das Imperial-Theater, in einem schattigen Winkel am Ende der Reeperbahn Richtung Millerntor gelegen, ist so eine.

Von Martin Sonnleitner Sonntag, 10.06.2018, 18:11 Uhr

Tagsüber ein unscheinbarer Nachkriegs-Betonbau, fügt es sich bei Dunkelheit unprätentiös zwischen Sex-Kinos und Kneipen ein.

„Der Zinker“ oder „Der Hexer“ leuchten dann bedrohliche Leuchtreklamen in die Nacht. Das Imperial ist eine der größten Krimibühnen Deutschlands. Das Portfolio ist breit und reicht von spannenden Klassikern über humorvolle Krimikomödien bis hin zu ergreifenden Psychothrillern.

Florian Lienkamp ist der kaufmännische Leiter im Imperial. Dass hier die Strukturen im Vergleich zu großen Häusern überschaubar sind und das Team untereinander eng kooperiert, ist auch gewollt. „Wenn Not am Mann ist, mache ich auch mal Kasse oder helfe beim Bühnenbild aus“, sagt er. Das Imperial bietet Platz für 270 Zuschauer.

Inhaber, Intendant und auch Teilzeit-Schauspieler ist Frank Thannhäuser. Er machte das einstige Musicaltheater zum Krimi-Hotspot. Fester Bestandteil des Programms sind Stücke von Edgar Wallace und Agatha Christie. Neben den Hausproduktionen, die meist mittwochs bis sonnabends gespielt werden, stehen Gastproduktionen und ein Improvisationstheater auf der Agenda.

Tausende von kleinen Mosaiksteinchen in sämtlichen Rottönen lotsen den Besucher in die verschachtelten Räume. Auch die gemütlichen Sessel im Theaterraum sind rubinrot und plüschig. Es ist heimelig und ein wenig verwunschen zugleich. Das Imperial war zunächst ein Programmkino, später dann ein Pornokino, „angeblich das größte Deutschlands“, sagt Lienkamp schmunzelnd. Anfang der Neunziger dann die Wende. 1992 führte Thannhäuser am gegenüberliegenden Spielbudenplatz in einer mittlerweile abgerissenen Bowlingbahn die deutsche Erstaufführung von „Grease“ auf, 1994 wurde das heutige Imperial gegründet und etablierte sich zunächst mit Musicals.

Der zu einem Musiktheater umgebaute Kulturladen boomte. Als die Musicalszene dann kränkelte, entwickelte sich das Imperial zunächst zum Revue-Theater. „Hossa – die Schlagerrevue der 70er-Jahre“ war ein Renner. „Eine Nische, mit der wir ein größeres Publikum erreichen konnten“, sagt Lienkamp, der seit 2000 im Imperial arbeitet und stolz drauf ist, dass sich das Theater ohne Subventionen der Kulturbehörde trägt. Im Jahre 2002 experimentierte man das erste Mal mit dem Genre Krimi, und es funktionierte auf Anhieb.

„Eine sehr gute Entscheidung“, resümiert Lienkamp, auch die Kosten seien überschaubarer geworden, da die Live-Band wegfiel. Das Motto laute seitdem, „Klassiker frisch zu inszenieren, ohne den alten Charme zu verlieren“. Schon im engen Foyer locken Dutzende von Edgar-Wallace-Krimibänden in einer Glasvitrine den Krimifreund. „Bühnenbild, Sprache, Kostüme müssen aus einem Guss sein“, ergänzt er. Wallace böte mit seinem 300 Romane fassendem Werk ein „schönes Füllhorn“. Doch auch Patrick Hamiltons „Bei Anruf Mord“, bekannt geworden durch Alfred Hitchcocks Verfilmung, war schon dabei oder „Jerry Cotton jagt den New York Ripper“. In neuer Dramaturgie wird ein liebevoll-ironischer Blick auf die Kultklassiker geworfen.

Momentan läuft Wallaces „Der Frosch mit der Maske“, gleichzeitig auch Jubiläumsstück zum 25-jährigen Bestehen des Imperial. „Wir sind organisiert wie ein großes Theater, nur auf wenigen Schultern verteilt“, blickt Lienkamp zufrieden zurück. Auch Musik findet hier manchmal noch statt. So wird an spielfreien Tagen eine Rockin’ Burlesque aufgeführt, die kleine feine Bühne ist auch äußerst beliebt bei Bands des Reeperbahn-Festivals. Ein wenig führe man die „Tradition von früher“ weiter, so Lienkamp, als es auf dem gegenüberliegenden Spielbudenplatz jede Menge Lustspielhäuser und Theater gegeben habe.

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