Das Kind einer als Verbrechen bestraften Liebe berichtet
Michael Quelle und Uta Kretzler vom Rosa-Luxemburg-Club mit Katharina Saemann, die vom Schicksal ihrer Eltern erzählte. Foto Sophia Ahrens
„Du Russenkind!“ Diese Beleidigung musste sich Katharina Saemann aus Worpswede in Deutschland zu Zeiten des Kalten Krieges in ihrer Kindheit oft anhören. Ihre Mutter Anna verbrachte während des Zweiten Weltkriegs 18 Monate in einem Konzentrationslager.
Begründung: verbotener Umgang mit Kriegsgefangenen. Mit dem Film „Für eine Liebe so bestraft“ erinnerten das Kulturforum am Hafen in Buxtehude und der Rosa-Luxemburg-Club Niederelbe am Montag an alle Frauen, die ein ähnliches Schicksal wie Anna Saemann erleiden mussten – darunter beispielsweise, wie kürzlich berichtet, die Immenbeckerin Agnes Behr.
1943 arbeitete Katharina Saemanns Mutter Anna als junge Kontoristin in einer Molkerei in Worpswede. Ihr Vater, Visali Koslow, war ein russischer Kriegsgefangener, der täglich mit einem Pferdewagen die Milchkannen lieferte. „Das ging alles per Blick, denn außer über die Nummern der Milchkannen durften wir uns nicht unterhalten“, erinnert sich Anna Saemann in dem Dokumentarfilm von Erika Fehse. Für den Film brach sie nach 60 Jahren ihr Schweigen und erzählte die Geschichte ihrer großen Liebe. Das bewegt die Zuschauer des Kulturforums – besonders als Tochter Katharina anschließend zum Gespräch einlädt.
Die Kriegsgefangenen waren damals ein wichtiger Teil der Wirtschaft, denn die deutschen Männer kämpften an der Front. Mit Umgangsverboten sollte den ausländischen Arbeitern die Menschlichkeit aberkannt werden. Doch Anna ließ sich nicht abhalten – und sah den Menschen Visali. Regelmäßig schwang sie sich aufs Fahrrad, um ihn in seiner Unterbringung in Neu St. Jürgen zu besuchen. Eine verbotene Liebe entwickelte sich. Anna wurde schwanger.
„Im Dorf hat man immer gemunkelt, wer mein Vater ist“, sagt Tochter Katharina über ihre Kindheit. Doch sie selbst blieb lange im Ungewissen. Als sie durch Hänseleien schließlich doch den Mut aufbrachte, nachzufragen, begegnete ihr in der Familie nur betretenes Schweigen. Umso wichtiger findet sie es heute, in Umfeldern wie dem Kulturforum darüber zu reden: „Heute fragt man ganz anders – früher sollte man das bloß nicht machen.“
Zu Beginn erfand Anna noch Geschichten, die sie und ihre Tochter schützen sollten. Peter Struck, deutscher Soldat, an der Front gefallen – das sei Katharinas Vater gewesen. Am Ende erlitt sie doch das Schicksal, das viele Frauen tragen mussten. Sie wurde denunziert und zur Befragung nach Bremervörde bestellt. Sechs Russen standen in der Gegenüberstellung vor ihr. „Sagst du es oder sagst du es nicht“, ging ihr damals durch den Kopf. 60 Jahre später hätte sie sich vielleicht anders entschieden: „Ich hätte die Geschichte wohl einfach weiterführen sollen.“
„Als sie schon im Pflegeheim war und die Filmanfrage kam, hat sie nach langem Schweigen angefangen, zu erzählen – es musste wohl einfach raus“, erinnert sich Katharina an das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Der Filmdreh habe geholfen, die Beziehung zwischen ihnen zu klären. Anna verfolgte nach ihrem Geständnis die Gruppe der Russen, unter ihnen auch Visali, noch lange auf ihrem Weg ins Lager nach Sandbostel. Dort verliert sich Visalis Spur. Vergebens wartete sie auf seine Rückkehr. Wahrscheinlich sei daher, dass er für seine verbotene Liebe mit dem Leben bezahlen musste. Anna wurde anschließend in Bremen der Prozess gemacht. Das Gericht kam zu dem Urteil, die Mindeststrafe sei für sie nicht ausreichend. 18 Monate Zuchthaus und drei Jahre Ehrverlust, also Verlust des Wahlrechts, lautete das Urteil.
Der Film „Für eine Liebe so bestraft“ berichtet über weitere Schicksale von Frauen, die im Konzentrationslager bestraft wurden – teilweise nur für einen Flirt mit einem ausländischen Kriegsgefangenen. Blutige Schläge und ausgerissene Zähne standen auf der Tagesordnung. Alles nur, weil die Frauen den „Feind“ liebten.
Katharina Saemann sieht Parallelen zur heutigen Zeit. Frauen, Kinder und auch Männer aus geflüchteten Familien ereilen oft ähnliche Schicksale. Sie ist Mitglied des Projekts „Children born of war“ und will darauf aufmerksam machen, dass sich die Geschichte trotz Krisen nicht wiederholen darf. Nach Kriegsende kehrte Anna Saemann nach Worpswede zurück. Die Auswanderung war ihr aufgrund des Kindes vonseiten der USA untersagt worden. Ihre Tochter Katharina gewöhnte sich erst langsam an ihre Mutter, die für sie wie eine Fremde war. Um ihr Wahlrecht musste Anna Saemann auch nach Kriegsende noch lange kämpfen. Sie heiratete nie wieder: „Das war meine einzig große Liebe“, meint sie rückblickend.
„Das Schicksal der Frauen müssen wir aus dem Tabu herausholen“, appelliert auch Uta Kretzler vom Rosa-Luxemburg-Club Niederelbe. Mitinitiator Michael Quelle hat sich lange mit Schicksalen aus der Umgebung beschäftigt. Neben Agnes Behr aus Immenbeck hat er Fälle auch in Harsefeld und Kutenholz gefunden. Exemplarisch ist für ihn auch der Fall des Immenbecker Zwangsarbeiters Johann Puk aus Polen. Er wurde am 18. August 1943 in Buxtehude-Altkoster hingerichtet. „Stellvertretend wünsche ich mir für Johann Puk ein Wahrzeichen – damit eben solche Geschichten niemals in Vergessenheit geraten“, fordert Quelle.