Das Lustblatt der Weltstadt
Die Redaktion : Henryk M. Broder links, Stefan Aust Zweiter von rechts.
Günter Zint ist Hamburgs Kiez-Fotograf. Vor 50 Jahren, im April 1968, gründete er ein linkes Boulevardblatt: die St. Pauli Nachrichten. Zur Redaktion gehörten Stefan Aust und Henryk M. Broder.
Die Intellektuellen sorgten für Furore. Provokation um jeden Preis – gespickt mit viel Sex. „Wir haben die Zeitung mit mehr Rotwein als Druckerschwärze gedruckt“, erinnert sich der Gründer heute.
Günter Zint öffnet die mit Stickern beklebte Holztür. „Komm‘ rein, ist offen. Wenn hier einer etwas klaut, dann hat er einen guten Geschmack“, ist seine Begrüßung. Im Obergeschoss des Bauernhauses serviert der „Revoluzzer“ dünnen Cappuccino. Er fegt mit dem Handrücken ein paar Krümel vom Tisch, dann ist er mitten im Gespräch. Auf die Frage, ob ihm klar sei, dass die Gründung der St. Pauli Nachrichten wirklich schon 50 Jahre zurückliegt, sagt er: „Eigentlich habe ich das Jubiläum überhaupt nicht auf dem Zettel gehabt.“
Die St. Pauli Nachrichten waren das linke Boulevardblatt der 60er und 70er. Oder: „Das Lustblatt der Weltstadt“, wie auf dem Titel prangte. Dabei habe er anfangs nur die Bild-Zeitung persiflieren wollen. Wann Zint zuletzt in die Zeitung geschaut hat, weiß er nicht. Aber er erinnert, wie er dem jetzigen „Titten- und Arschblatt“ untersagen ließ, seinen Namen als Gründer zu nennen.
„Günter ist vorlaut“, hat es über den 1941 in Fulda geborenen Jungen geheißen. „Hyperaktiv“ hieße die Diagnose heute. Einer gewissen Rastlosigkeit ist auch die Geburt der St. Pauli Nachrichten geschuldet. „Ich hatte mir die Kniescheibe gebrochen und lag mit Gipsbett herum“, erinnert er sich. Das Konzept: eine Zeitung für St. Pauli mit „pseudoseriösem Anstrich“. Die Schriftart klaute er sich kurzerhand beim „Hamburger Abendblatt“.
Es fällt warmes Licht in die Wohnküche. Kinderspielzeug liegt auf den Dielen. „Wir haben die Zeitung mit mehr Rotwein als Druckerschwärze gedruckt“, frotzelt Zint. Damals schleiften ihn einige Leute vor Gericht. „Die haben sich ins Knie geschossen, wir haben alle Prozesse gewonnen“, sagt er hämisch. Den Behörden gefiel nicht, was die Linksintellektuellen zu Papier brachten. Die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ schaltete sich ein. Doch Günter Zint bekam den Tipp, dass Tageszeitungen nicht indizierbar seien.
Fortan erschienen die St. Pauli Nachrichten täglich, sonnabends deutschlandweit, sicher vor den „Sittenwächtern“. Die Redaktion brauchte tagesaktuelle Inhalte. Stefan Aust, den Zint von der „Konkret“ kannte, kam als Chefredakteur hinzu, ebenso Redakteur Henryk M. Broder. In anderthalb Jahren stieg die Wochenendausgabe auf eine Auflage von 1,2 Millionen an. „Das war Aufbruchsstimmung“, sagt der ehemalige Spiegel-Fotograf Zint.
Ding. Ding. Draußen ertönt Fahrradklingeln. Kinder spielen im Garten. Am Haus sei immer etwas zu machen, klagt der 76-Jährige. Bei einem Sturm war eine Eiche auf das Dach gestürzt. Fünf Pferde hat die Wohngemeinschaft, die im Stile einer „Kommune“ mitten im Grün im Norden des Landkreises Stade lebt. „Freie Republik Behrste“ nennt er die Gemeinschaft. Günter Zints Stimme wird leiser, wenn er von seiner Ex-Frau erzählt. „Eine bitterböse Scheidung“ sei das gewesen. Dass seine Ex „eine bekennende Lesbe“ sei, wusste er. Dass sie durchbrennt und ihn „um eine halbe Million erleichtert“, darauf war er jedoch nicht gefasst.
Günter Zint ist der „Rotlicht-Chronist“, hat sich fotografisch durch einen „dreckigen Sumpf gekämpft“. Das Volontariat machte er bei der Deutschen Presseagentur. Er fotografierte Kriminalität, Unfälle, Fußball. „Meine Kamera ist meine Waffe“, hat er mal gesagt. Der 76-Jährige geht dicht ran ans Motiv. Inhalt ist ihm wichtiger als Form. Ein Günter Zint will sich einmischen, kritisieren, kein Ästhetiker sein.
Wir verlagern das Gespräch ins Erdgeschoss. Der Eingangsbereich ist Werkstatt, Atelier und Lager. Großdrucke türmen sich. Zeitungsartikel hängen neben Fotografien von Musiklegenden aus dem Star-Club. Günter Zint kramt aus einer Schublade eine Kopie der ersten Ausgabe der St. Pauli Nachrichten. „30 Pfennig hat die gekostet“, schätzt er. Als wäre das nichts Besonderes, erinnert er sich zwischen Regalen daran, wie Jimmy Hendrix in einem Hotel vor die Tür gesetzt wurde und auf seiner Couch schlief.
Günter Zint drehte mehr als 30 Spielfilme, steuert auf die 100. Buchveröffentlichung zu. Sein „Baby“ ist das Sankt-Pauli-Museum, in dem er seit einem Vierteljahrhundert die Geschichte des Stadtteils festhält. „Hätte ich je Wert auf Geld gelegt, dann wäre ich Multimillionär“, sagt er. Bereut er irgendwas? Nichts. Heute sieht er sich als „kinderreich“. Vier Töchter und einen Sohn hat Günter Zint. „Alle gut geraten“, bis auf eine, die sei Richtern, witzelt er. Drei Frauen „hat er verschlissen“ – oder umgekehrt?
Wie sah der Alltag bei dem legendären Kiez-Blatt aus? „Chaos war Methode“, fasst der Gründer zusammen. Er, der Fotograf, zog auf die Straßen und trieb die Nackedeis auf. „Herumgestreunert“ sei er, hielt mit der Kamera auf prügelnde Polizisten und Atomkraft-Gegner. „Ein guter Fotograf muss ein Voyeur sein“, macht er deutlich. Als „Bilderdieb“ habe er die Fotos am Wegesrand gestohlen, die Menschen beobachtet und sie fotografiert – auch ungefragt, wenn es sein musste.
„Jeden Tag eine Nummer“, das war eine Rubrik, eine dieser „Zint’schen Doppeldeutigkeiten“. Die Journalisten porträtierten täglich ein Haus auf St. Pauli und seine Bewohner. „Seid nett aufeinander“, hieß eine Aktion des Freigeists, die den Anzeigenmarkt mit Sexannoncen „explodieren ließ“. Linker Schabernack? Wie politisch war das Ganze? Zints Antwort ist eindeutig: „Das war hochpolitisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen gefressen und sind nach Italien in den Urlaub gefahren. Wir waren die Leute, vor denen unsere Eltern gewarnt haben.“
Die Wege der Kiez-Reporter trennten sich. Stefan Aust, Herausgeber der „Welt“, hat es sich in der gesellschaftlichen Mitte eingerichtet. „Der war anderthalb Jahre bei mir Knecht“, stellt Zint klar, als hätte er den Satz viele Male ausgesprochen. Aust, in der Pferdezüchterszene ein Name, verkauft Hannoveraner für sechsstellige Beträge. Ein Kapitalist, hätten sie damals wohl gesagt. Oder: der Klassenfeind. Günter Zint sagt, seine Wegbegleiter hätten sich verändert: „Manche sind größenwahnsinnig geblieben.“
1971 verkaufte der Gründer seine Anteile an Helmut Rosenberg, einen „Kompagnon“. Rosenberg hat „das Ding in zwei Jahren an die Wand gefahren, weil er es zu einer Sexpostille machte“. Ein Verleger riss sich den Titel Jahre später für 10 000 Mark aus der Konkursmasse unter den Nagel. Günter Zint klagte dagegen – und verlor. Das Heft darf bis heute weiter erscheinen wegen des Gewohnheitsrechts.
Mit den Kollegen sei er im Guten auseinandergegangen. Der Reiz ist es gewesen, ein „politisches Kampfblatt mitten unter Nutten zu machen“, sagte Henryk M. Broder in einem Interview. Die Zeitung konnte nur in der Zeit mit der Besetzung entstehen.
„Statt marschieren, onanieren“, steht auf einem Foto, das Günter Zint aus einer Box in seinem Archiv kramt. Er muss grinsen. Der Reporter auch. Manchmal sieht der Kiez-Fotograf die St. Pauli Nachrichten am Kiosk liegen. Ganz unten, bei der „Bückware“. Bückware, weil Lehrer, Richter und alle feinen Herren sich bücken müssen, denn anstößige Zeitungen liegen unten im Regal. „Das ist für die ganz Frustrierten“, denkt Günter Zint dann.
Nur Jahre nach der Gründung der St. Pauli Nachrichten hatte es die Zeitung mit skurrilen Schlagzeilen und „nackten Tatsachen“ zum Kultstatus gebracht. Fotos Günter Zint/ von Borstel (1)
1,2 Millionen Zeitungen zählte die Auflage der "St. Pauli-Nachrichten".
Günter Zint mit der Erstausgabe der Zeitung.