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Historie

Das schlimmste Schiffsunglück auf der Elbe

Auf der Werft in Waltershof: Blick auf das Wrack der „Primus“, der späteren „Buxtehude“.

Auf der Werft in Waltershof: Blick auf das Wrack der „Primus“, der späteren „Buxtehude“.

„Nach Hause, nach Hause geh’n wir nicht, bis daß der Tag anbricht“, spielt die Kapelle, als der Schlepper „Hansa“ sich am 21. Juli 1902 in die Steuerbordseite des Buxtehuder Dampfers „Primus“ bohrt und der Todeskampf der Menschen beginnt. Am Ende dieses Unglücks vor 115 Jahren wird es 103 Tote geben. 

Von Björn Vasel Samstag, 22.07.2017, 10:00 Uhr

„Liebe Schwestern! Es ist wirklich schade, dass keiner von Euch mitkonnte. Es ist hier sehr schön. Flott getanzt“, schreibt die Eilbekerin Magda am Sonntag, 20. Juli, auf eine Postkarte an ihre Lieben zu Hause, während die anderen Ausflügler in Cranz beim Gastwirt Schwarz im Lokal „Zur Schönen Aussicht“ ausgelassen feiern. Die Karte vom Sommerfest des Gesangvereins „Treue von 1887 zu Eilbek“ wird ihr letztes Lebenszeichen sein.

Buxtehude um 1900: Seit 1853 verband der Raddampfer „Primus“ (links) die Stadt Buxtehude mit Hamburg.

Um 23.30 Uhr legt der Dampfer „Primus“ in Cranz Richtung nördliche Elbseite ab. Gegen Mitternacht wird Kapitän Johannes Peters auf der Rückfahrt zum Geisterfahrer, er fährt auf der falschen Seite des Flusses. Um 0.30 Uhr wird der Vergnügungsdampfer vor dem Anleger Nienstedten vom Hapag-Schlepper „Hansa“ förmlich überrannt. Innerhalb von nur 15 Minuten sinkt der 1839 in England gebaute, eiserne, knapp 28 Meter lange Raddampfer. Die „Primus“ hat in dieser Nacht insgesamt 206 Männer, Frauen und Kinder an Bord – überwiegend Mitglieder des Gesangvereins – und war damit vollkommen überladen.

Die Katastrophe macht reichsweit Schlagzeilen. Auch in Buxtehude ist die Betroffenheit groß. „Großes Schiffsunglück. Buxtehuder Dampfer gesunken“, lässt Verleger und Redakteur Rudolf Vetterli am Montag, 21. Juli, in seiner Druckerei am nördlichen Ende der Langen Straße von seinem Metteur als Überschrift setzen. Das Buxtehuder Wochenblatt, der Vorläufer des heutigen TAGEBLATT, erscheint damals am Dienstag-, am Donnerstag- und am Sonnabendvormittag. Eigentlich war die erste Seite der großen Politik vorbehalten, am 22. Juli ist die Schlagzeile eine lokale. „Ein furchtbares Drama, wie es bis jetzt wohl noch nie an der Unterelbe lieblich gelegenen Gestaden Blankenese‘s und Nienstedten‘s gesehen haben, hat sich heute Nacht um halb ein Uhr auf der Elbe hier zugetragen“, schreibt Vetterli in seinem Aufmacher über das Unglück vom 21. Juli. Und weiter heißt es: „Heute Nachmittag steht der ganze Strand voll von Menschen, die mit fieberhafter Spannung dem Bergen der Verunglückten zusehen. Bis heute Nachmittag 6 Uhr waren erst 40 Leichen geborgen.“ In den Folgetagen rückt das Geschehen auf Seite 2, Todes- und Vermisstenlisten werden veröffentlicht.

„Großes Schiffs-Unglück“, so die Schlagzeile im Buxtehuder Wochenblatt (TAGEBLATT) am 22. Juli 1902.

Doch wie kam es zu dem Unglück? Volle Kraft voraus, befiehlt Kapitän Peters gegen Mitternacht auf der Elbe. Heizer Georg Steffens schaufelt kräftig Kohle nach. Mit sechs Seemeilen stampft die „Primus“ – mit ihr begann 1853 das Dampfschiffzeitalter in Buxtehude – in Richtung Hamburg. Peters steht bereits seit 1884 auf der Brücke, er kennt Este und Elbe wie seine Westentasche. Doch von Vorschriften hält der Kapitän wenig. Er fährt dicht am nördlichen Elbufer entlang, um die geringere Gegenströmung auszunutzen. Der Buxtehuder will schneller in Hamburg sein. Damit wird Peters zum Geisterfahrer. Am Steuer steht sein Decks- und Steuermann Hinrich Ritscher aus Cranz. Eigentlich hätte Peters sich im rechten Hauptfahrwasser halten müssen. Doch die Behörden dulden diese Praxis seit Jahren stillschweigend.

In der Dunkelheit kommt die „Hansa“ ihnen entgegen – fast 12 Knoten schnell, das entspricht 22 Kilometer pro Stunde. Die „Primus“ läuft dem Hochseeschlepper direkt vor den Bug. Die „Hansa“, zehnmal größer, rammt den deutlich kleineren Raddampfer hinter dem Steuerbord-Radkasten. Vergeblich versucht Hapag-Kapitän Sachs noch, die „Primus“ auf Grund zu setzen. Sie treibt weitere 50 Meter ab – und sinkt 150 Meter von der Nienstedter Landungsbrücke entfernt. Der Strand ist 80 Meter entfernt.

Auf dem Schiff beginnt der Kampf ums Überleben. Die vierköpfige Besatzung kann sich – bis auf den aus Buxtehude stammenden Heizer Steffens, der sich bei der Rettung der Passagiere hervortut – retten. Fahrgast Kellner Emil Eberhard, 19, wird durch sein selbstloses Handeln ebenfalls zum tragischen Helden dieser Nacht. „Es sind noch Kinder unten“, ruft der Hamburger seiner Braut zu, nachdem er sie und vier weitere Passagiere gerettet hat. Sie fleht ihn an, nun auch sich zu retten. Vergeblich. Der Strudel des sinkenden Schiffes reißt auch Eberhard mit in die Tiefe. Kassierer und Bordwirt Heinrich Drechsler, ein „Hüne von Gestalt und großer Körperkraft“, rettet seinen sieben Jahre alten Sohn und seine Frau aus dem bereits brusthoch stehenden Wasser, dann stößt er drei Frauen in ein Rettungsboot. Sie hatten sich in Panik an der Kommandobrücke festgeklammert. Eine Stichflamme schießt aus dem Kessel. Die Ausflügler fürchten: Jetzt explodiert das Schiff.

Viele können nicht schwimmen, sie halten sich an Freunden und Bekannten fest und ertrinken so jämmerlich. Selbst „tüchtige Schwimmer“ wie der Fischer Amandus Sietas aus Cranz können sich nicht retten, weil sich andere an ihm festhielten. Die starke Strömung bei Ebbe, der Alkohol und die Dunkelheit tun ihr Übriges. Im Wrack selbst werden später lediglich zwei Leichen gefunden. Die Hälfte der Passagiere überlebt das Unglück nicht. Dabei hatten die Dampfer „Delphin“ und „Hammonia“ sofort Kurs auf die Unglücksstelle genommen, und die beschädigte „Hansa“ hatte ihre Rettungsboote ausgesetzt. Das einzige Rettungsboot der „Primus“ ist schnell überfüllt und kentert. Viele Passagiere versuchen noch, über den Radkasten auf die „Hansa“ zu klettern. Dadurch bekommt die „Primus“ allerdings stark Schlagseite, so geht das Schiff letztlich noch schneller unter.

Auf dem Friedhof Ohlsdorf finden 78 Opfer des Unglücks ihre letzte Ruhe, etwa 100 000 Menschen säumen beim Trauerzug die Straße. Ganze Familien werden ausgelöscht, Kinder werden zu Vollwaisen und von „gut situierten“ Familien adoptiert. Noch heute erinnert ein Denkmal an dem Massengrab an den Untergang. Die Hilfsbereitschaft ist groß. 260 000 Mark kommen durch Spenden und Haftpflichtversicherung zusammen. Eine Primus-Stiftung wird gegründet, ihr Kapital wird später in der Weltwirtschaftskrise 1923 vernichtet werden. Heizer Steffens aus Buxtehude hinterlässt seine Frau und sieben Kinder im Alter von drei bis 22 Jahren. Sie erhält 120 Mark aus der Stiftung – im Jahr. Die fünf jüngsten Kinder bekommen je 150 Mark im Jahr. Zur Einordnung: Ein Pfund Kaffee kostete damals 90 Pfennig, ein Brot 25 Pfennige; ein Hafenarbeiter verdiente 60 Mark – im Monat. Die letzten Toten werden 1905 an Land gespült. Die Ertrunkenen an Bord waren Arbeiter, Angestellte und Handwerker.

Kaiser Wilhelm II. schickt – nach der Rückkehr von seiner Nordlandreise – am 26. Juli 1902 ein Telegramm an den Hamburger Senatspräsidenten und spendet sogar, trotz seiner Gegnerschaft zur Sozialdemokratie. Getrauert wird über Klassengrenzen hinweg. „An dieser Stätte des Todes schwindet aller Unterschied und Gegensatz, der sonst die Menschen trennt, der politische wie der religiöse und soziale“, sagte der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Frohme aus Altona. Der Text des Kausertelegramms wird auch im Buxtehuder Wochenblatt veröffentlicht: „Das beklagenswerthe Schicksal der zahlreichen Verunglückten hat mich tief erschüttert. Möge diese traurige Katastrophe erneuten Anlaß geben, damit alles gethan werde, um ähnlichem Unglück auf der Elbe für die Zukunft vorzubeugen.“

Auf der Werft in Waltershof: Blick auf das Wrack der „Primus“, der späteren „Buxtehude“.

Bereits zehn Tage später tagt das Seeamt. Der Gerichtssaal in Altona – Nienstedten gehört seinerzeit noch zu Preußen – ist am Donnerstag, 31. Juli, überfüllt. Um 10 Uhr beginnt die Verhandlung. Als Zeuge ist auch Primus-Reeder Heinrich Pickenpack geladen. Die Familie betreibt an der Moorender Straße in Buxtehude auch eine Holzhandlung. Nach fast sechs Stunden fällt der Vorsitzende Dr. Schön sein Urteil: Schuld war „in erster Linie“ der Kapitän der „Primus“, er sei im falschen Fahrwasser unterwegs gewesen. „Dieser Mißbrauch ist scharf zu verurtheilen“, so das Seeamt. Beide Schiffsbesatzungen hätten alles Mögliche zur Rettung getan. Das stößt bei den Überlebenden der Liedertafel sauer auf. Eine Teilschuld sprach das Seeamt seinem Kollegen zu. Er hätte seine Fahrt drosseln und Signal geben müssen, heißt es. Außerdem habe er das Ruder falsch gesetzt als er die „Primus“, viel zu spät, entdeckte. Auch strafrechtlich wird der Fall aufgerollt. Im November 1902 kommt es schließlich zu einem weiteren Verfahren, Peters soll entlastet werden. Doch am 28. März 1903 spricht die Strafkammer des Königlichen Gerichtes den „Hansa“-Kapitän Sachs und seinen Steuermann vom Vorwurf gegen die „vom Kaiser erlassenen zur Verhütung des Zusammenstoßes von Schiffen erlassenen Verordnungen“ sowie der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung frei.

Gegen den Freispruch legt die Nebenklägerin Johanna Schultz aus Wandsbek noch Rechtsmittel ein, doch das Reichsgericht in Leipzig lehnt ein Revisionsverfahren ab. Das Ergebnis: Letztlich gibt es offiziell keinen – strafrechtlich betrachtet – Schuldigen. Peters arbeitete, so steht es im Hand- und Adressbuch des Kreises Jork von 1905, als Steuermann weiter; ab 1910 war er Nachtpolizist.

Bereits einige Tage nach dem Unglück erscheinen die ersten Postkarten. Urlaubsgrüße vom Unglücksort lassen die Kassen der Verleger klingeln, am Tag nach dem Unglück nehmen die ersten Ausflugsdampfer bereits Kurs auf Nienstedten. „Es zeugte von großer Rohheit, daß heute Nachmittag ein Vergnügungsdampfer mit voller Musik an der Unglücksstätte vorbeifuhr“, heißt es in einem Wochenblattartikel.

Unzählige Postkarten wie diese erinnerten an das schlimme Schiffsunglück auf der Elbe.

Noch im Juli wird die „Primus“ geborgen, Arbeiter entdecken zwei Kinderleichen in der Kajüte. Auf einer Werft in Waltershof wird das Wrack wieder flottgemacht. Der Kapitän Johannes Rüsch aus Cranz hatte es mit Jacob Suhr erworben. Sie reparierten es – und setzten es Anfang 1903 als „Buxtehude“ wieder in Fahrt. „Die Berichte, dass viele Fahrgäste mit einem Schauern an Bord gingen und die Fahrgastzahlen zurückgingen, sind eine Legende“, sagt Historiker Dr. Boy Friedrich, „die Rechnungsbücher meines Ur-Großvaters zeigen, dass die Linie gut lief.“ Es sei ein Märchen, dass das Unglücksschiff später von Passagieren gemieden worden sei. Dennoch setzten die Familien, die sich später zur „Hamburg-Blankenese-Este-Linie“ zusammenschlossen, auf modernere Schiffe. 1906 bauten sie die „Baurat Bolten“; der Dampfer bot Platz für 260 Personen und erreichte bis zu zehn Knoten. Sie verkauften die „Primus“ an den Buxtehuder Klempnermeister Carl Burgis, der betrieb ihn bis 1905/1906 und verschrottete ihn um 1910. Mit dem Bau der Eisenbahn 1881 war es mit der Schifffahrt auf der Este bereits bergab gegangen. Seine Töchter trugen die Schwimmwesten des Unglücksdampfers im Estebad, die Schiffslaternen sicherte sich der Architekt des Chilehauses, Fritz Höger. Im Juli 1943 werden sie bei einem Bombenangriff zerstört. Bei einem Feuer im Burgis-Haus in der Langen Straße wurden weitere Souvenirs vernichtet. Nur Flagge und Steuerrad, als Lampe bei seiner Tochter Else, blieben erhalten. Heute sind sie Teil der Sammlung des Buxtehude∙Museums und die letzten verbliebenen Zeugnisse dieses großen Unglücks auf der Elbe.

Buxtehudes Museumsleiterin Dr. Susanne Keller (links) und die Kunsthistorikerin Susanne Mayerhofer präsentieren das pünktlich zum Gedenktag von Petra Kruse und Christiane Rosenkranz restaurierte Diorama mit dem Modell des Raddampfers „Primus“ (links). Fotos: Vasel/ Stadtarchiv

Buxtehudes Museumsleiterin Dr. Susanne Keller (links) und die Kunsthistorikerin Susanne Mayerhofer präsentieren das pünktlich zum Gedenktag von Petra Kruse und Christiane Rosenkranz restaurierte Diorama mit dem Modell des Raddampfers „Primus“ (links). Fotos: Vasel/ Stadtarchiv

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