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Der Commerzbank in Hamburg droht der Abriss

Der Altbau links soll abgerissen werden, der Anbau aus den Nachkriegsjahren rechts erhalten bleiben, weil nur er unter Denkmalschutz steht. Foto Lorenz

Der Altbau links soll abgerissen werden, der Anbau aus den Nachkriegsjahren rechts erhalten bleiben, weil nur er unter Denkmalschutz steht. Foto Lorenz

Es klingt nach Denkmalschutz absurd: In der Hamburger Altstadt droht dem historischen Altbau der Commerzbank-Zentrale der Abriss, während der eher unspektakuläre Anbau aus der Nachkriegszeit womöglich erhalten bleibt, weil nur er unter Schutz steht.

Mittwoch, 01.06.2016, 20:08 Uhr

Das Geldinstitut hat das Ensemble in Hamburgs historischer Mitte Anfang des Jahres für gut 70 Millionen Euro an die Investoren Procom und OFB verkauft. Geht es nach den neuen Eignern, werden beide Bestandsgebäude dem Erdboden gleichgemacht und durch einen riesigen Komplex für Wohnungen, Büros und ein Hotel ersetzt. Procom spricht von einem Projektvolumen in Höhe von 200 Millionen Euro. Das Grundstück an der Straße Neß ist ein Filtestück der City, gelegen unweit des Rathauses und direkt am Nikolaifleet, also mitten in der Keimzelle der Hansestadt.

Der leuchtend helle Altbau entstand 1874 nach einem Entwurf des Hamburger Rathausarchitekten Martin Haller, steht aber gleichwohl nicht in der Hamburger Denkmalliste. Begründung aus der Kulturbehörde: Durch zahlreiche Umbauten und Kriegsschäden sei das Gebäude derart verändert worden, dass sein architekturhistorischer Wert begrenzt sei. Anders beim 1964 errichteten 13-stöckigen Neubau daneben. Das Gebäude nach einem Entwurf des dänischen Architekten Godber Nissen repräsentiert laut Denkmalamt mit seiner Fassadenstruktur beispielhaft den Hochhausbau der 1960er. Freilich: Ob dieser Status Bestand hat, ist offen. Laut Procom-Geschäftsführer Dennis Barth lässt sein Unternehmen prüfen, was Erhalt, Umbau und neue Nutzung kosten würden. Kommen die Gutachter zu dem Schluss, dass eine solche Umnutzung unwirtschaftlich wäre, dürfte Procom abreißen. Laut Barth sprechen niedrige Decken und mangelhafter Brandschutz in dem Nachkriegsgebäude gegen eine Weiternutzung.

Kenner der Branche gehen davon aus, dass sich die Kaufsumme von mehr als 70 Millionen Euro vermutlich nur mit einer kompletten Neubebauung des Areals amortisieren ließe. Procom hat nach eigenen Angaben vom Büro der Hamburger Stararchitekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp) bereits „Bebauungsoptionen“ für den Fall eines Doppelabrisses erstellen lassen.

Allerdings regt sich politischer Widerstand gegen einen Kahlschlag am Neß. Die Grünen-Fraktion im Bezirk Mitte fordert die Kulturbehörde auf, eine Unterschutzstellung auch des Altbaus zu prüfen. Das Haller-Gebäude sei von „stadtbildprägendem Charakter“. Grünen-Fraktionschef Michael Osterburg: „Uns ist bewusst, dass es Gründe gibt, weshalb der Altbau noch nicht unter Denkmalschutz steht. Doch wir hoffen aufgrund der historischen Bedeutung auf ein Umdenken, denn an diesem Ort liegt die Keimzelle der späteren Hansestadt.“ Procom-Geschäftsführer Barth spricht von „konstruktiven Gesprächen mit dem Denkmalschutzamt“. Bislang habe die Behörde dem Eigentümer nicht signalisiert, dass auch der ältere Bau erhalten werden müsse.

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