Der Karlstein und seine mystische Aura
Der Karlstein auf einer Anhöhe im hügeligen Rosengarten-Forst ist bis heute ein beliebtes Ziel für Wanderer und Ausflügler. Im Schatten der hohen alten Bäume lässt sich gut rasten und ausspannen. Luisa Krause (links) untersucht die tiefen R
Mitten im Rosengarten-Forst liegt ein Ort, der seit Jahrhunderten die Fantasie der Menschen beflügelt. Auf einer Anhöhe im Wald liegt der Karlstein. Um den 1,75 Meter hohen und zwei Meter breiten Findling ranken sich Legenden und Mythen.
Von Martin Sonnleitner
„Der Findling ist mit der Eiszeit aus Schweden oder Finnland hierher transportiert worden, wie alle Geschiebe“, berichtet Jochen Brandt, Kreisarchäologe vom Archäologischen Museum in Harburg. Es war die vorletzte Eiszeit vor rund 100 000 Jahren, die ihn wohl aus dem 1000 Kilometer entfernten Südschweden in diese Gegend spülte. Am Ende der Kaltzeit vor 10 000 Jahren blieben dann große Mengen Gestein zurück, die in den abschmelzenden Gletschern gebunden waren, darunter der riesige Findling.
Der Stein weckte wegen seiner Größe, seiner tiefen Rinnen und seiner eingemeißelten Hufeisen früh das Interesse der Menschen. „Die Scharte ist natürlichen Ursprungs“, weiß Brandt und erklärt, dass es sich dabei definitiv um geologische Spuren handele, entstanden durch Witterungsprozesse und Schmelzwasser. Die Hufeisen indes seien von Menschenhand eingeschlagen worden. Wann genau das geschah, sei unbekannt. Es gebe keine Datierungsmethode, sagt Brandt, man könne es „nur piktografisch“ erfassen. Seit der Steinzeit habe es immer wieder Rillen und Hufeisen auf Findlingen gegeben.
Und der Stein birgt noch weitere geologische Spuren. So wurden nach Grabungen in den frühen 1950er-Jahren am Fuße des Steins ein Flachbeil und zwei Feuersteingeräte gefunden. Anhand der Fundsituation ist anzunehmen, dass sie dort absichtlich niedergelegt wurden, „Artefakte, die zeigen, dass in der jüngeren Steinzeit hier Menschen zugegen waren“, erläutert der Archäologe. Wenige Meter neben dem Karlstein liegt ein Stein aus demselben Material, bei dem es sich um ein Absprengsel handelt.
Der rötlich-graue Granitbrocken beflügelte schon immer die Fantasie der Menschen. Die größte Legende rankt sich um Karl dem Großen. Der Frankenkaiser soll sich an einem großen Stein zum Schlafen gelegt haben. Er drohte mit der Todesstrafe, sollte ihn jemand wecken. Aber das Heer der aufständischen Sachsen kam näher. „So wie ich diesen Stein schlage, so werden wir auch die Sachsen schlagen“, soll der aufgebrachte König gerufen haben. Daraufhin schlug er mit dem Schwert einen tiefen Spalt in den Fels. Kampfbereit sprang er mit seinem Pferd über den Stein, wobei die Hufeisenabdrücke zustande gekommen sein sollen.
Auf alle Fälle hätten sich die Menschen in der Jungsteinzeit vor 4000 bis 5000 Jahren immer wieder der Wirkung und Ausstrahlung solcher Monolithe bemächtigt, so Brandt. Auch dass er auf einer Kuppe steht, habe dazu beigetragen. Hufeisensteine sollen auch eine Bedeutung als Grenzstein, Richt- und Opferplatz oder Kultstätte gehabt haben. Brandt: „Auch für Archäologen übt der Stein einen ungeheuren Reiz aus. Hier oben würde man ihn nicht erwarten.“
Der Rosengartenforst ist ein alter Wald, in dem im Mittelalter Siedlungen existiert haben, berichtet Brandt. Durch die hügelige Berg- und Tal-Landschaft habe sich die Gegend aber nie wirklich für menschliche Ansiedlungen geeignet. Der locker zehn Tonnen schwere Karlstein befindet sich mitten auf einer 112 Meter hohen Erhebung im Wald. Seinerzeit sprachen die Einheimischen von ihrem „Ümsehersbarg“, also „Umseher-Berg“, später vom „Kiekeberg“. Von dieser Anhöhe aus konnten Anwohner gut „kieken“, also „sehen“. Damals war die Fläche noch unbewaldet, der Ausblick entsprechend gut. Bis heute ist diese märchenhafte Gegend ein beliebtes Ausflugsziel.
Mit dem Auto führt der Weg zum Findling, der noch zur Gemarkung Schwiederstorf in der Gemeinde Neu Wulmstorf gehört, über die Rosengartenstraße, die südlich von Elstorf von der B 3 Richtung Sieversen abzweigt. Nach ein paar Kilometern weist ein Schild „Karlstein“ links auf einen Parkplatz. Von dort sind es noch 600 Meter bis zum Stein.
Schöne Plätze
Das TAGEBLATT stellt in lockerer Folge schöne Plätze im Süderelbe-Raum vor, die einen Ausflug lohnen. Heute zum Abschluss: Der Karlstein im Rosengarten-Forst.