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(Ein-)Blick in die Ateliers

Der Künstler Jonas Kötz und seine dicken Jungs

Näher am Fluss leben geht nicht: Direkt vor seiner Künstler-Werkstatt erhebt sich in sattem Grün der Elbdeich. Jonas Kötz liebt die Momente, in denen er den weiten Ausblick neben seinem „Jungen“genießen kann.

Näher am Fluss leben geht nicht: Direkt vor seiner Künstler-Werkstatt erhebt sich in sattem Grün der Elbdeich. Jonas Kötz liebt die Momente, in denen er den weiten Ausblick neben seinem „Jungen“genießen kann.

Sein Markenzeichen sind kleine, dickbäuchige Männer mit Knollennase: So steht der Seemann im Vörder See. Sein Schöpfer: Jonas Kötz, Bildhauer und ehemaliger Kinderbuch-Illustrator von der Elbinsel Krautsand.

Montag, 22.01.2018, 11:00 Uhr

Völlig entspannt schwebt die Figur im weißen Hemd neben dem Altar in der St.-Petri-Kirche in Osten in der Samtgemeinde Hemmoor. Der Taufengel ist das neueste Werk des Künstlers, ist 55 Kilogramm schwer, 120 Zentimeter lang. Jonas Kötz hat ihn nach seinem Stil geschnitzt, eher nett und lustig.

„Das Holz, das ich dafür verarbeitet habe, ist 450 Jahre alt und stammt aus einer kroatischen Weinpresse“, erzählt er.

450 Jahre alt ist das Holz, aus dem Jonas Kötz den Taufengel für die St.-Petri-Kirche in Osten geschnitzt hat. Er ist eines der neuesten Werke des Holzbildhauers aus Krautsand.

Ein weiterer seiner „Jungs“, wie er seine Figuren liebevoll nennt, steht dickbäuchig mit roter Wollmütze auf dem Krautsander Deich, und es scheint, als bewache er die Elbe. Die Skulpturen von Bildhauer Jonas Kötz bleiben dem Betrachter in guter Erinnerung. Sein Markenzeichen: Typen mit Knollennase und rundlichem Bauch, die unendlich viel Gemütlichkeit ausstrahlen und mit sich und der Welt scheinbar im Einklang sind. Dabei tragen sie alle den Kugelbauch stolz vor sich her.

Der Holz-Künstler hat damit seine eigene Formensprache entwickelt. „Mein Motiv ist immer männlich“, sagt Jonas Kötz. Es gehe ihm nicht darum, ein Urbild des Mannes zu kreieren, sondern er wolle eine Gefühlswelt umsetzen. Kuriosen Kundenwünschen könne er nicht immer entsprechen, meint er. „Meine Figuren sind aufs Wenigste reduziert“, beschreibt der Bildhauer seine Arbeit. „Damit sind sie vielleicht nicht der perfekte Typ, aber ungemein beliebt“, so der Künstler über seine liebenswerten Holzfiguren.

In der Werkstatt mit Deichblick steht das Völkchen mit der Knollennase dicht an dicht auf massiven Eichenstämmen, in Regalen oder auf alten Kisten. „Sie warten entweder auf Abholung, Vollendung oder die nächste Präsentation“, meint Jonas Kötz. Dass seine populären Burschen den Besitzer wechselten, komme recht häufig vor, sagt er. Denn in der weitläufigen Einsamkeit der Elbinsel Krautsand schmiedet Kötz auch seine pfiffigen Geschäftsideen.

„Im vergangenen Jahr habe ich in der Adventszeit das Kümo Greundiek gechartert, etwa 60 meiner Jungs eingepackt und sie an Bord des Schiffes an drei verschiedenen Orten an der Elbe angeboten“, erzählt er. Seine Galerien in der Schweiz und in Hamburg habe er bereits vor Jahren gekündigt.

Der 52-Jährige verkörpert auf den ersten Blick alles andere als den verträumten Künstler, der sich den lieben langen Tag in sich versunken auf die Natur des Holzes einlässt. Auf seinem 300 Jahre alten Resthof ist Jonas Kötz flotten Schrittes zwischen der geräumigen Bauernküche und der Werkstatt in der Scheune unterwegs. Die Worte sprudeln nur so aus seinem Mund, ständig blitzen die Augen, während er beim Gehen aus seinem Leben plaudert.

Vor 22 Jahren zog er mit Ehefrau Annemarie und Baby Leonie von Blankenese, dem angesehenen Vorort Hamburgs, auf die Elbinsel Krautsand in die Gemeinde Drochtersen. Genauso lange schnitzt Jonas Kötz seine übergewichtig wirkenden Holzmännlein. Ursprünglich habe er Kommunikationsdesign studiert und sein Brot als Kinderbuch-Illustrator verdient. „Mehr als 50 Bücher habe ich gezeichnet. Meine Lieblingsfigur war immer der dickere, ältere Herr mit Hund“, erinnert er sich nur zu gut. Den Ausgleich zum Beruf habe er beim Schnitzen gefunden. Bis er irgendwann feststellte, „das Hobby ist ja viel lukrativer“.

Mittlerweile ist auch der weitere Nachwuchs, Paul und Jakob, erwachsen. Die beiden sind in dem paradiesischen Lebensraum mit der Elbe vor der Tür aufgewachsen. Der Bildhauer meint, er habe nie anders leben wollen als am Fluss, nah am Wetter und nah an der Natur. Jeder in der Familie besitze den Bootsführerschein. Angst vor dem Hochwasser des Elbstroms habe er nicht. „Denn die Natur kann der Mensch sowieso nicht beherrschen.“

(Ein-)Blick

Mit der Serie (Ein-)Blick verschafft das TAGEBLATT den Lesern Zugang zu den Ateliers der bildenden Künstler der Region. Wie sehen die Arbeitsstätten der Maler und Bildhauer aus? Welche Werkzeuge verwenden sie und wie sieht eigentlich der Arbeitsalltag der Kunstschaffenden aus? Und woher holen sie sich Inspiration? Diese und mehr Fragen beantwortet die Kulturredaktion mit einem Blick hinter die Kulissen.

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