Der Puck, die Kufen, der Schläger und ich
Kennt alle Tricks und Tipps beim Einkleiden: Kim Jesgarsch (links).
Hart, schnell, rabiat – Eishockey ist nichts für schwache Nerven. Redakteur Alexander Schulz ist Fan, stand aber noch nie selbst auf Kufen und mit Schläger auf dem Eis. Bei den Harsefeld Tigers hat er das gewagt und erfahren, ob Eishockey tatsächlich schlecht für die Zähne ist.
Ich schnaufe vor Anstrengung. Obwohl ich auf dem Eis stehe, schwitze ich. Penaltyschießen. Feldspieler gegen Torwart. Aus 30 Metern fixiere ich das 1,22 mal 1,38 Meter kleine Eishockeytor. Zwischen den Pfosten lauert Tom Volck, 16 Jahre alt. Und wenn er erst 7 wäre, es wäre mir egal. In diesem Moment will ich nur eins: treffen. Ich setze mich in Bewegung, quäle mich in der klobigen Schutzausrüstung über die spiegelglatte Eisfläche. Mit dem Schläger schiebe ich den Puck mit Mühe vor mir her. Volck erwartet mich mit seinen riesigen Beinschützern, dem Schläger in der rechten und dem Fanghandschuh in der linken Hand. Der Goalie wird immer größer, das Tor kleiner. Zwei Meter davor will ich den Puck unter die Latte schlenzen. Die Scheibe hebt tatsächlich ab, oben rechts schlägt’s ein. Tor! Mein erstes Tor! Beim Eishockey! Gejohle in der Halle. Ich weiß gar nicht, wie ich das geschafft habe, bin aber stolz wie Bolle. Die anderen Spieler klatschen mich mit ihren Schlägern ab. Ich überlege kurz, ob ich das Training hier beende. Kurz aber erfolgreich. Doch der Ehrgeiz hat mich gepackt. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es wird mein letztes Tor bleiben.
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Harte Checks, rasend schnelles Spiel und kein Gezeter. Darum bin ich seit über 15 Jahren Eishockey-Fan. Manchmal schlage ich mir Nächte um die Ohren, um die Stars der NHL, der amerikanischen Profiliga, live spielen zu sehen. Aber selbst auf Schlittschuhen übers Eis jagen? Habe ich noch nie gemacht. Ausgeschlagene Zähne, Prügeleien und gebrochene Knochen – ist das wirklich so? Ich will es wissen. Kim Jesgarsch ist Verteidiger beim Eishockey-Verbandsligisten Harsefeld Tigers und spielt auch zusammen mit mir Fußball beim SV Bliedersdorf. Einen besseren Kontakt für ein Probetraining kann es nicht geben. Also frage ich an. „Klar, komm vorbei“, schreibt er. „Und bring Bier mit.“
{picture1s} Die Kiste ist kaum abgestellt, da geht’s zum Einkleiden. Obwohl ich Eishockey verfolge, war mir nicht klar, in was für Rüstungen sich die Spieler zwängen. Helm, Schulter- und Brustschutz, Ellenbogenschutz, Hose, Beinschutz, Handschuhe, Schlittschuhe, Tiefschutz, Stutzen und zuletzt das Trikot. Gute acht Kilogramm wiegt das ganze Zeug, drei davon allein die Hose. Der Vorteil: Wenn ich hinfalle – und ich werde fallen – bin ich gut geschützt. Der Nachteil: So eingepackt, wird es nicht leicht mit dem Schlittschuhfahren. Schon beim Anziehen rinnen mir die Schweißperlen runter. Alleine komme ich nicht voran. Kim Jesgarsch schaut sich das Elend kurz an, dann greift er ein. Hier etwas festzurren, da fünf Lagen Panzertape drum – routinierte Handgriffe für ihn. Am Helm hat sich eine Schraube gelockert? Kein Problem! Ein Schraubendreher gehört offenbar zur Standardausrüstung in Eishockey-Kabinen. Nach 30 Minuten bin ich endlich bereit. Alle anderen Spieler sind da längst auf dem Eis.
Ob‘s jetzt schmerzhaft wird, frage ich. „Mach dir keine Sorgen, da passiert nichts“, sagt Kim Jesgarsch. Er hat gut reden. Er ist auf Kufen knappe zwei Meter groß und wiegt 106 Kilogramm. Was wohl passiert, wenn diese menschliche Abrissbirne mich auf dem Eis zu fassen bekommt? Kein schöner Gedanke. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Helm auf und ab geht’s.
Ich trete aufs Eis und plötzlich sind harte Checks meine geringste Sorge. Sofort ist klar: Hier geht’s zunächst nur darum, sich mit den zusätzlichen acht Kilo, der eingeschränkten Sicht und einem Schläger in der Hand auf der Eisfläche zu halten. Ich bin langsam unterwegs, aber immerhin halte ich mich auf den Kufen. Vorerst. Trainer Rolf Corleis erklärt die erste Übung. Ich höre zu, strenge mich an und verstehe nichts. Nach ein paar Runden Zuschauen versuche ich mein Glück. Tempo, Doppelpass, Puck aus vollem Lauf mitnehmen und dann Torschuss. Klingt einfach, endet für mich aber schon nach dem ersten Pass mit einem Sturz. Das Eis ist gebrochen. Metaphorisch. Die Anderen preschen über das Spielfeld und koordinieren dabei Schlittschuhe, Schläger und Puck. Beeindruckend. Mir fällt es schon im Stehen schwer, nur den Spielzügen zu folgen.
Zwischen den Übungen gibt mir Kim Jesgarsch Tipps. „Dreh dich nicht weg, wenn einer abzieht und du im Weg stehst“, sagt er. „Der hat sie doch nicht alle“, denke ich. Aber seine Begründung ist plausibel: „Vorne bist du gut geschützt, hinten sieht das anders aus.“ Beinschützer, Brustpanzer, Tiefschutz – da brennt tatsächlich nicht viel an. Trotzdem ist es eine absurde Vorstellung, sich nicht wegzudrehen, wenn eine Scheibe mit bis zu 160 km/h angerauscht kommt. So ein Puck ist hart, sehr hart. Er besteht aus Hartgummi, ist genau 2,54 cm hoch, hat einen Durchmesser von 7,62 cm und wiegt rund 170 Gramm. So einem Geschoss möchte ich nicht im Weg stehen. In diese Situation komme ich heute aber zum Glück nicht. Überhaupt waren meine Sorgen wegen harter Checks oder Stockschläge unbegründet. Im Training geht es zwar rund, aber im eigenen Team haut niemand den anderen von den Kufen. „Im Spiel geht es da schon mehr zur Sache“, sagt Trainer Rolf Corleis. Aber insgesamt sei der Sport technischer, die Härte weniger geworden. Die berüchtigten Prügeleien gebe es nur sehr selten. „Da wird gerangelt und geschubst, aber die Handschuhe lässt keiner mehr fallen“, sagt Corleis. Die Tigers hatten in diesem Jahr eine Prügelei auf dem Eis.
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Sobald die Saison der Harsefelder zu Ende ist, tauscht Verteidiger Jesgarsch die Schlittschuhe gegen Fußballschuhe. Auf dem Rasen bin ich flinker unterwegs als er. Kein Wunder, ich bin 20 Zentimeter kleiner und wiege gute 30 Kilo weniger. Auf dem Eis geht diese Rechnung nicht auf. Hier kann ich nicht ansatzweise mit seiner Geschwindigkeit mithalten. Bei schnellen Richtungswechseln bin ich froh, dass ich mich einigermaßen auf den Beinen halten kann. „Schlittschuhfahren ist das A und O“, erzählt mir Trainer Rolf Corleis. Wer Eishockey spielt, dürfe nicht übers Eislaufen nachdenken. „Das was du da machst, hat nicht viel mit dem zu tun, wie sich Eishockeyspieler bewegen“, sagt er, wirft aber hinterher, dass ich mich immerhin ganz gut auf den Beinen halte. Da genau das mein Ziel ist, werte ich seine Aussage als Kompliment. Obwohl ich lange nicht so gut unterwegs bin wie der Rest des Teams, macht das Training einen Riesenspaß. Rauf und runter, hin und her. In den Spielformen ist immer Action. Am Ende des Trainings bin ich völlig fertig. Bevor es vom Eis geht, bekomme ich noch einen Puck für mein erstes Tor in die Hand gedrückt – Eishockey-Tradition.
Erschöpft aber glücklich sitze ich auf meinem Platz in der Kabine. Ein Mix aus Schweiß und Gyrosdampf weht durch die Luft. Es gibt Suppe und Bier. Kim Jesgarsch kramt einen seiner alten Helme aus der Tasche. Das Gitter ist auf Nasenhöhe eingedrückt. „War ein harter Schuss“ sagt er trocken. In diesem Moment bin ich froh, dass meine Zähne heute alle heil geblieben sind. Aber auch froh darüber, zum ersten Mal Eishockey gespielt zu haben. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.
Die Harsefeld Tigers stehen in der Verbandsliga Nord, der fünfthöchsten Spielklasse im deutschen Eishockey, auf Platz drei der Tabelle. Die Saison läuft noch bis zum 16. März. Das nächste Heimspiel bestreiten die Tigers am 16. Februar um 19.30 Uhr in der Eishalle Harsefeld gegen die Weserstars Bremen 2.
Kindheitsträume gehen in Erfüllung, neue Herausforderungen stellen den eigenen Mut auf die Probe. In der neuen TAGEBLATT-Serie „Das erste Mal“stellen sich Redakteure dem Reiz des Unbekannten und begeben sich einmal im Monat auf für sie gänzlich neues Terrain.
Heute: Redakteur Alexander Schulz spielt zum ersten Mal Eishockey.
Schlittschuhlaufen und dabei mit dem Schläger den Puck treffen - Redakteur Alexander Schulz hat damit so seine Probleme. Foto: Berlin