Der Stolz der Welfen in Stein gehauen
Bernd Lücking aus Langenrehm vor dem Pyramidendenkmal. Foto: Kall
Auf der Anhöhe Vogelhüttenberg mitten in der grünen Gemeinde Rosengarten steht ein Denkmal, das an das verflossene Königreich Hannover erinnert. Die Welfentreuen ließen sie in ihrer ewigen Fehde mit Bismarcks Preußen errichten.
Von Martin Sonnleitner
Berühmt ist Langenrehm, ein Ortsteil von Emsen, das wiederum in der Gemeinde Rosengarten im Landkreis Harburg liegt, nicht. Auch wenn der 300-Seelen-Ort das „höchstgelegene Dorf der norddeutschen Tiefebene ist“, wie Bernd Lücking, 70-jähriger Landwirt aus Langenrehm, berichtet. Dennoch bekommt der Besucher gleich um die Ecke von Lückings Hof etwas Besonderes zu betrachten: ein Fürstendenkmal.
Doch ist es kein stumpfes Monument, das ins Auge des Betrachters drängt, sondern eine Pyramide, aus behauenen Findlingen errichtet. Mitten in Norddeutschland also ägyptische Verhältnisse, könnte man meinen. So entstand 1911 ein acht Meter hoher Tetraeder, dreiseitig – normale Pyramiden haben vier – mit acht Metern Seitenlänge und aus Granitsteinen. Lücking erzählt, wie es dazu kam. Sein Urgroßvater Heinrich Seckerdiek hat in der als Denkmalstreit bekannt gewordenen Fehde zwischen Preußen- und Welfentreuen das Ehrenmal für den König von Hannover in Langenrehm errichtet. Vorausgegangen sei der „Deutsche Bruderkrieg 1866“, so Lücking, bei dem Preußen auf der einen und das Königreich Hannover auf der anderen Seite gestanden habe. Heinrich Seckerdiek selbst war Langensalza-Kämpfer im Bruderkrieg gewesen.
Das Königreich von Hannover war 1866 schließlich von Preußen annektiert worden. Der König Georg V. aus dem Geschlecht der Welfen musste ins Exil gehen. Das behagte nicht jedem. Doch die neue preußische Ordnung wurde von vielen Hannoveranern infrage gestellt. So auch von Lückings Urgroßvater, ein überzeugter Welfe. Der Bau fand auf Initiative des Hannoverschen Clubs Harburg von 1876 statt. So wurde auf der Anhöhe Vogelhüttenberg, zwischen den Kreisstraßen 26 und 52 gelegen, die imposante Pyramide realisiert.
Das größte Feindbild der Welfentreuen war hierbei Reichskanzler und Preußenoberhaupt Bismarck. 1906 hörte man in Kreisen des Hannoverschen Clubs von Plänen einer Gruppe preußisch gesonnener Bürger, eine „Bismarcksäule“ zu errichten. Die antipreußisch eingestellten „Welfen“ starteten eine Spendensammlung, um dem verflossenen Königreich und seinem letzten König Georg selber ein Denkmal zu errichten. Ein passender Ort war schnell gefunden, da der Vogelhüttenberg im Besitz des welfentreuen Landwirts Seckerdiek gewesen war.
Die Fehde spitzte sich derart zu, dass Seckerdiek den preußischen Landrat zurückwies, als dieser ihn von den Plänen, eine Welfenpyramide zu errichten, abhalten wollte. Der Urgroßvater Lückings entgegnete: „Hier auf diesem Berg kommt das Denkmal für unseren König zum Stehen.“ Zur feierlichen Einweihung des Denkmals kamen 4000 Menschen nach Langenrehm, kritisch beäugt von preußischen Gendarmen. Ein Bismarckdenkmal wurde 1912 auf dem Kiekeberg im Nachbarort Ehestorf zwar auch noch errichtet, doch überlebte dieses den Zweiten Weltkrieg nicht.
Die Welfenpyramide steht dafür noch immer. Nur die Bronzeplakette kam abhanden. Stattdessen wurde 1953 eine dreieckige Steinplatte eingefügt, eingraviert sind der Name des Königs, der letzte Monarch des untergegangenen Hannoveraner Reichs, sowie die Namen zweier Herzöge, und das Denkmal wurde neu geweiht. „Es gab genug Leute, die für die welfische Idee gebrannt haben“, so Lücking. „Die Dörfer Sieversen und Langenrehm prangten im Schmuck der gelb-weißen Fahnen“, heißt es in einer Festschrift zum 50-jährigen Bestehen des Denkmals. Heute ist das Denkmal im Grundbuch auf das Haus Hannover eingetragen.
2011, zum 100-jährigen Jubiläum, wurde das Denkmal auf Lückings Initiative aufwendig saniert. Er hatte eigens einen Verein gegründet, um das kulturhistorische Erbe der Welfen zu bewahren. Die Mitglieder sind im Herzen Bürger des untergegangenen Welfenstaates, zu dem auch die heutige Gemeinde Rosengarten gehörte. Lücking sagt, Bismarck habe sich durch Kriege unrechtmäßig die alten Königreiche einverleibt. „Die Welfen wollten aber selbstständig bleiben.“
Schon in der 50-Jahre-Festschrift wurde auch das Besondere der Gegend angesprochen. „Nicht von ungefähr ist in den Jahren nach dem Kriege die Landschaft rund um den Rosengarten und den Gannaberg zu einem so stark besuchten Ziele für Wanderer und Ferienreisende geworden“, steht dort geschrieben. Allerdings seien erst in den 1950er Jahren die Dörfer zwischen Kiekeberg und Stuvenwald erschlossen worden, weil gute Straßen gebaut wurden. Heute sei es vor allem auch die Autobahneckverbindung nach Bremen, die Touristen, manchmal auch nur zufällig, zur Pyramide locke, sagt Lücking.
Sein Verein „Fürstendenkmal Langenrehm und Umgebung“ hält immer noch die Stellung. Wer interessiert ist, kann sich von Lücking höchstselbst die Gegend samt Pyramide zeigen und erklären lassen. Auch wenn auf seinem Hof, dessen Bewirtschaftung er 1969 übernahm und der heute auf eine seiner beiden Töchter überschrieben ist, kaum mehr etwas an den alten Seckerdiek und das alte Königreich, dessen Teil er war, erinnert.
Schöne Plätze
Das TAGEBLATT stellt in lockerer Folge schöne Plätze im Süderelbe-Raum vor, die einen Ausflug lohnen. Heute: das Pyramidendenkmal in der Gemeinde Rosengarten.