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Der Wolf bewegt die Menschen

Der Wolf ist nach 150 Jahren wieder da und sorgt für Probleme und Debatten. Foto dpa

Der Wolf ist nach 150 Jahren wieder da und sorgt für Probleme und Debatten. Foto dpa

Der Wolf polarisiert. Das wurde schnell deutlich bei einer Podiumsdiskussion in Elmlohe. Mehr als 200 Bürgerinnen und Bürger aus dem gesamten Landkreis Cuxhaven, der Stadt Bremerhaven und der Wesermarsch lieferten sich unter der Moderation des Journalisten Christian Döscher zweieinhalb Stunden lang eine leidenschaftliche Debatte mit Fachleuten und Betroffenen. Ein Ergebnis vorweg: Vor allem bei Landwirten, Jägern und besorgten Eltern im Cuxland findet der Wolf keine Freunde.

Sonntag, 14.09.2014, 22:49 Uhr

Döscher stellte dem Publikum zu Beginn die Frage: Wer freut sich, dass der Wolf ins Cuxland zurückgekehrt ist? Nur knapp 20 Finger schnellten empor. Am Ende des Abends sollten es noch weniger sein.
Auch wenn sich Dr. Frank Krüger, Abgesandter aus dem niedersächsischen Umweltministerium, und Dr. Britta Habbe, Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, um eine sachliche Darstellung der Fakten und der Rechtslage bemühten, wonach der Wolf europaweit geschützt ist – beim Thema „Wolf und Landwirtschaft“ kam die Ablehnung zum Ausdruck. Jan Heusmann, Vorsitzender des Landvolk-Kreisverbandes, versuchte eine Differenzierung: „Im Gegensatz zu anderen Regionen haben wir bei uns eine ausgeprägte Viehhaltung. Das passt nicht mit dem Wolf zusammen.“ Lösungsansätze wie Schutzgitter und Herdenhunde hätten sich „als nicht tauglich“ erwiesen.
„Einige Kollegen haben aufgesteckt und schicken ihre Tiere nicht mehr auf die Weide.“ Sollte sich der Wolf dauerhaft im Cuxland niederlassen, werde sich Tierhaltung verändern, so Heusmann. Schafzüchter Heinz Blendermann, ebenfalls Teilnehmer auf dem Podium, wurde deutlicher: „Der Wolf hat meine Tiere schrecklich zugerichtet. 17 von ihnen waren sofort tot, 13 weitere mussten behandelt werden – auf meiner Weide herrschte das Chaos.“ Der 64-jährige Uthleder zeigte sich – auch vier Monate nach der Wolfs-Attacke – immer noch aufgewühlt. „Das geht nicht weg.“ Ein Stück weit fühle er sich hilflos, da er Zäune von 60 bis 70 Zentimetern Höhe gesetzt habe: „Was soll ich denn noch tun?“, fragte Blendermann. Und im Saal brandete kräftiger Applaus auf.
Den Hinweis von Frank Krüger, dass Zäune höher sein müssten, konterte Heusmann unter Hinweis auf die Größe der Weiden mit der Frage, wer das bezahlen solle. Krüger sprach von freiwilligen Zuschüssen des Landes und davon, dass finanzielle Schäden abgefedert werden könnten. Seelische seien damit nicht auszugleichen. „Der Wolf ist Bestandteil der Natur“, sagte Krüger, „er gehört niemandem.“
Dann sollte man ihn „am besten abschießen“, meldete sich daraufhin ein empörter Zwischenrufer. „Wenn Sie fünf Jahre ins Gefängnis wollen, dann tun sie das“, entgegnete der Ministeriumsvertreter und verwies auf das Verbot, den Wolf zu jagen. Abschuss sei nur eine Option, „wenn ein Wolfsrudel als Problemrudel auftritt und immer wieder in Ställe eindringt oder auf Weiden kommt.“ Das sei bislang in Niedersachsen nicht der Fall gewesen, betonte Krüger.
Weil es in Elmlohe immer wieder auch um die Kosten ging, die den Nutztierhaltern durch den Wolf entstehen, kündigte Krüger an, dass mit den Verbänden eine „Richtlinie Wolf“ erarbeitet werde, die auch finanziellen Schadensausgleich gesetzlich regeln soll. In Kraft treten werde sie Ende 2014/ Anfang 2015. Begeisterung löste dies nicht aus, da Betroffene bis dahin auf freiwillige Leistungen des Landes angewiesen seien. Ein Zwischenrufer sprach von „purer Willkür“.
Die Frage, wofür der Wolf eigentlich gebraucht werde, wollte Dr. Hans-Joachim Ropers, Kreisvorsitzender des Nabu, nicht beantworten. „Absurd“, meinte der Nordholzer Naturschützer, „dann müssten wir irgendwann auch fragen, ob die Natur den Menschen braucht.“ Dafür gab’s Applaus aus dem Publikum, jedoch nur spärlich. Ropers ließ keinen Zweifel daran, „dass die Frage der Entschädigung wichtig ist für die Akzeptanz des Wolfes“. Die Menschen müssten mit dem Wolf leben lernen, meinte der Nabu-Mann und verwies auf Brandenburg, wo Schäfer sich zum Aktionsbündnis Herdenschutz zusammengetan hätten. Dr. Habbe meinte: „Wir können den Wolf nicht wegdiskutieren.“ Die Gesellschaft sollte Informationen über den Umgang mit dem Wolf sammeln.
Viele Zuhörer waren nicht zufrieden mit dieser Argumentation. Sie haben Angst, dass der Wolf auch Menschen anfällt, vor allem Kinder. Krüger versuchte, diese Angst zu nehmen. Seine Kinder habe er seinerzeit auch im Wald spielen lassen, meinte der Mann aus dem Ministerium. „Ob Wolf oder nicht – auf Kinder muss man immer aufpassen.“ Heusmann berichtete davon, dass sich Familienleben durch den Einfluss des Wolfes drastisch verändern könne. So wisse er, dass Landwirt Andreas Müller aus Lamstedt – dort riss der Wolf im August zwei Jungrinder – seine dreijährige Tochter nicht mehr allein mit dem Fahrrad fahren lasse.
Ropers bat um Relativierung: „Wir leiden unter dem ,Rotkäppchen-Syndrom’ und verlieren die Maßstäbe.“ Die Gefahr, dass ein Kind durch einen Sittenstrolch geschädigt werde, sei viel größer als durch eine Wolfs-Attacke. Applaus wollte nach dieser Äußerung aber nicht aufbranden.

Landesweit 20 Neugeborene
Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft spricht von fünf Wolfsrudeln

Der Wolf ist auf dem Vormarsch. Und mit ihm wächst die Angst der Bürger, dass diese Wildtier-Art nicht nur Kühe, Rinder und Schafe, sondern irgendwann auch Menschen anfällt. Bei einer Podiumsdiskussion in Elmlohe mit mehr als 200 Besuchern schlugen die Wellen hoch (siehe oben). Zu frisch ist die Erinnerung an die jüngsten Wolfs-Attacken im Cuxland. Derweil vermeldet die Landesjägerschaft, dass es in Niedersachsen mittlerweile ein fünftes Rudel gibt, beheimatet in Eschede (Kreis Celle).
Ein Wolfspaar habe in diesem Frühjahr in Eschede nachweislich zumindest ein Junges bekommen, erklärte die Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, Dr. Britta Habbe, die auch an der Podiumsdiskussion teilgenommen hatte. Sicher nachgewiesen seien in diesem Jahr landesweit 20 neugeborene Wölfe, sagte Habbe. Die bei Munster (Heidekreis) und bei Gartow im Wendland lebenden Rudel haben sechs beziehungsweise sieben Junge, die Rudel bei Bergen und Unterlüß (beide Landkreis Celle) jeweils drei. Im vergangenen Jahr sind nach Habbes Angaben in Niedersachsen insgesamt 13 Wolfswelpen zur Welt gekommen.
Insgesamt leben nach einer Zählung der Landesjägerschaft in Niedersachsen derzeit mindestens 32 Wölfe. Zu den fünf Rudeln, zu denen zumindest jeweils die Elterntiere und die in diesem Jahr geborenen Jungen gehören, komme noch ein Wolfspaar im Landkreis Cuxhaven, sagt Habbe. Und eben dieses Wolfspaar treibt die Menschen um. Die Gäste aus dem Landkreis Cuxhaven, aus der Seestadt Bremerhaven und aus der Wesermarsch diskutierten leidenschaftlich mit geladenen Experten über Sinn und Zweck des Wolfes. Kritik gab es dabei aus den Reihen der Landwirte, die ihre bisherige Nutztierhaltung durch den Wolf vor dramatischen Veränderungen sehen.
Über kurz oder lang sei mit wirtschaftlichen Einbußen zu rechnen, auch vor dem Hintergrund, dass Ausgleichszahlungen des Landes den Schaden bislang nicht komplett ersetzten.
Ängste von Eltern, wonach ihre Kinder eines Tages auch von einem Wolf angefallen werden könnten, konnten die geladenen Experten – unter anderem Dr. Frank Krüger vom niedersächsischen Umweltministerium - nicht gänzlich ausräumen.

Dem grauen Jäger ganz nah
Von Dennis Paasch

ELMLOHE. „Können meine Kinder noch alleine im Wald spielen?“ Bei dieser Frage kam selbst Dr. Frank Krüger während der Podiumsdiskussion zum Wolf ins Stocken. Dann gestand der Mitarbeiter des niedersächsischen Umweltministeriums: „Meine Kinder spielten damals im Wald. Bei meinem kleinen Enkel würde ich heute auch aufpassen.“ Andere im Saal sind noch deutlich beunruhigter. Aber ist diese Angst überhaupt gerechtfertigt?
„Von Natur aus interessieren sich Wölfe nur wenig für Menschen“, erläutert Dr. Britta Habbe. Die Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft Niedersachsen, die sich hauptamtlich um die Beobachtung und Kontrolle der hier lebenden Wölfe kümmert, ergänzt: „Wölfe sind an sich neugierig, aber uns gegenüber nicht feindselig eingestellt.“ Es kann also durchaus sein, dass man einem Wolf mal näher kommt, als es einem lieb ist. Eine direkte Gefahr gehe von dem Raubtier in der Regel aber für Menschen nicht aus. Meistens verhielten sich Wölfe so, dass die Situation für Menschen nicht gefährlich sei. „Es kommt immer wieder vor, dass Wölfe bei Dunkelheit am Rande einer Ortschaft entlangwandern oder auch nachts die Straßen eines Ortes nutzen“, erklärt Habbe und ergänzt: „Wölfe meiden zwar den Menschen, nicht aber menschliche Strukturen.“ Auch im Hellen seien Sichtungen von Wölfen in der Nähe von Höfen oder Siedlungen nicht ungewöhnlich. Auch ist es für die Tiere normal, dass sie beim Anblick von Menschen oder Autos nicht gleich flüchten, sondern erstmal stehen bleiben und Interesse zeigen. „Dieses wölfische Verhalten ist in der Regel ungefährlich“, sagt Habbe.
Anders sieht es bei Tieren aus, die sich über einen längeren Zeitraum häufig in der Nähe eines Dorfes aufhalten. Denn das spricht dafür, dass das Tier dort eine Beziehung zu einem Hund aufgebaut oder eine Futterquelle hat. Das könne auch ein Mensch sein, der den Wolf füttert. Solche Tiere sollte man genau im Auge behalten, empfiehlt Britta Habbe. Denn: „Der Wolf bleibt ein Raubtier, auch wenn er sich an die Nähe zum Menschen gewöhnt hat.“
Es gibt keine Garantie, dass ein Wolf friedlich bleibt. In solchen Fällen empfiehlt die Wolfsbeauftragte, die Situation genau zu analysieren und mögliche Futterquellen zu entfernen. Eventuell kann es besser sein, das Tier zu betäuben, ihm einen Sender anzulegen und es zu vertreiben.
Kritisch ist es auch, wenn sich Wölfe mehrfach bewusst Menschen nähern. Das kann passieren, wenn das Tier mit Futter angelockt und belohnt wurde. Wölfe könnten dann in der Forderung nach weiteren Belohnungen „immer dreister“ und so zur Gefahr für Menschen werden. Diese Tiere sollte man schnellstmöglich mit einem Sender versehen und vergrämen. Wenn sich Wölfe, die eine ungewollte Nähe zum Menschen suchen, nicht vertreiben lassen, müssten sie „entnommen“ werden, was in letzter Konsequenz auch getötet heißen kann, sagt die Wolfsbeauftragte. Denn: „Die Sicherheit des Menschen steht an erster Stelle, auch wenn der Wolf eine streng geschützte Tierart ist.“
Am gefährlichsten sind Wölfe, die unprovoziert aggressiv auf Menschen reagieren. „Meistens sind diese Tiere sehr an Menschen gewöhnt oder haben die Tollwut“, erläutert Habbe. „In den letzten 60 Jahren hat es in Europa neun tödliche Attacken von Wölfen auf Menschen gegeben. Fünf hatten die Tollwut, vier waren an den Menschen gewöhnt.“

Fünf Fakten, die man über den Wolf wissen sollte

Fakt 1
Wolfspärchen oder Wo die Liebe hinfällt

Im Landkreis Cuxhaven gibt es nachgewiesen ein Wolfspärchen. Zu der Fähe, die seit 2012 zwischen Bad Bederkesa und Lamstedt beobachtet wurde, hat sich offenbar ein reviertreuer männlicher Wolf gesellt.

Fakt 2
Ausrottung – Deutschland 1850 weitgehend wolffrei

Ursprünglich zählte der Wolf laut Wildtiermanagement Niedersachsen weltweit zu den am weitesten verbreiteten Säugetieren und kam in ganz Europa flächendeckend vor. Aufgrund starker Konflikte zwischen Mensch und Wolf wurden die Populationen stark dezimiert. Deutschland war um 1850 weitestgehend wolfsfrei. Einzelne, einwandernde Tiere wurden erlegt. Seit 1980 gilt der Wolf in Deutschland als streng geschützte Art, seit der Wiedervereinigung 1990 gilt dieser Status auch in Ostdeutschland.

Fakt 3
Rückkehr – Erste Welpen in Sachsen geboren

1998 siedelte sich das erste Wolfspaar wieder in Deutschland, in Sachsen im Bereich der Muskauer Heide, an. 2000 wurden dort die ersten Welpen nachgewiesen. Aktuell sind in Deutschland 38 Wolfsterritorien bekannt. Davon werden 33 von Wolfsrudeln oder -paaren besetzt sowie fünf von einem residenten Einzelwolf.

Fakt 4
Familie - Acht Tiere im Verbund

Eine Wolfsfamilie (Foto Pleul) beläuft ein Territorium von 200 bis 300 Quadratkilometern (Samtgemeinde Bederkesa gleich 234 km²). Zu einer Wolfsfamilie gehören das Elternpaar, Jährlinge und Welpen. Durchschnittlich sind es acht Tiere in der Familie.

Fakt 5 
Hunger – Wolf frisst ein Reh in der Woche

Ein Wolf frisst rund 1 bis 1,5 Tonnen Fleisch im Jahr. Das wäre ein Reh oder Hirschkalb pro Woche. Zur Beute gehört vor allem Schalenwild (Rehwild, Schwarzwild, Rotwild) mit einem Anteil von 94 Prozent. Auf Haustiere entfällt ein Anteil von 0,6 Prozent.

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