Der Wolf und die wichtigsten Fakten
Der letzte Wolf in Niedersachsen wurde 1872 unweit der Ortschaft Becklingen bei Soltau erlegt.
Jetzt ist es amtlich: Seit Anfang der Woche gibt es nach vielen unbestätigten Sichtungen und Vermutungen drei sichere Nachweise, dass der Wolf den Landkreis Stade erreicht hat. Das TAGEBLATT beantwortet deshalb die wichtigsten Fragen rund um das zurückgekehrte Raubtier.
Laut Landesjägerschaft leben ungefähr 80 bis 90 Wölfe in Niedersachsen. Stand heute wurden neun Wolfsrudel nachgewiesen. Ein zehntes wird vermutet. Die Mehrzahl der Wölfe konnte im Norden, im Raum der Lüneburger Heide und des Wendlands, sowie im Süden, in der Region rund um den Harz, nachgewiesen werden. Bisher ist ein Rudel rund um den Landkreis Stade bekannt, welches 2014 im Landkreis Cuxhaven gesichtet wurde.
Mittlerweile erhielt das Wolfsrudel Zuwachs, jeweils in den Jahren 2015 und 2016. Die Größe des Rudels wird auf neun Tiere geschätzt. Andernorts, wie im Landkreis Harburg oder Landkreis Rotenburg, kam es zu Sichtungen und Nutztierrissen. Im Landkreis Harburg wurde eine ganze Wolfsfamilie gesichtet. In Rotenburg geht man bisher davon aus, dass die dort gesichteten Wölfe überwiegend aus den „Wolfsgebieten“ Cuxhaven und der Lüneburger Heide kommen, um sich auf Partner- oder Beutesuche zu begeben.
Im Normalfall besteht ein Rudel aus sieben bis acht Tieren, zu denen die beiden Elterntiere, die neuen Welpen und der Jahrgang davor gehören. In Niedersachsen haben die Wolfsterritorien eine Größe von 200 bis 300 Hektar. Das ansässige Rudel verteidigt dieses Territorium gegen Artgenossen. Die älteren Jungtiere werden vertrieben und stellen damit häufig die Wölfe, die in die Fotofallen tappen oder als Einzelgänger gefilmt werden.
Es gibt keinen Grund, warum im Landkreis Stade keine Wolfsrudel entstehen sollte. Spätestens seit der Ansiedlung des Lamstedter Rudels ist klar, dass es kaum ländlich geprägte Regionen gibt, in denen der Wolf nicht zurechtkommen kann, und die Stader Geest wäre für ein Rudel sogar geeigneter als der Raum Lamstedt. Aktuell gibt es aber keinen Hinweis auf eine anstehende Rudelbildung.
Das ist umstritten – das Bundesumweltministerium beschäftigt sich aktuell mit dieser Frage. Eine Population gilt als gesichert, wenn es 1000 reproduktionsfähige, erwachsene Tiere gibt. Die Frage ist: Wo liegen die Grenzen zwischen den Populationen? Aktuell werden die baltischen Staaten und Ostpolen als eine, und die westpolnischen und die deutschen Wölfe als eine andere Population gewertet. Die Grenze zwischen beiden ist die Weichsel. Alleine hat die westpolnisch-deutsche Population die kritische Größe von 1000 Tieren noch nicht erreicht. In Deutschland soll es rund 500 Wölfe geben, in ganz Polen zwischen 1200 und 1300. Die Experten gehen allerdings davon aus, dass beim jetzigen Wachstum die westliche Wolfspopulation schon in zwei Jahren so groß sein wird, dass sie die 1000-Tiere-Grenze überschreitet.
Aufgrund der hohen Reproduktionsfähigkeit und seiner Anpassungsfähigkeit ist die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Wolfs keine Überraschung. Die Zahl der Wölfe wächst nach jetzigen Erkenntnissen jedes Jahr um 30 Prozent. Das bedeutet, dass sich die Population rund alle drei Jahre verdoppelt. Die eigentliche Überraschung in den vergangenen Jahren war die Anpassungsfähigkeit des Raubtiers an die moderne Kulturlandschaft. So nutzt das Rudel im Raum Lamstedt zum Beispiel den Mais als Deckung und Jagdrevier.
Diese Forderungen haben sich in den vergangenen Monaten gehäuft. Aktuell ist der Wolf aber nicht im Jagdrecht und damit für die niedersächsischen Jäger tabu. Es gibt in der Landespolitik aber inzwischen von der CDU und der FDP die Forderung, eine Bestandsregulierung rechtlich möglich zu machen. Wann und ob das passiert, hängt auch von der Antwort auf die Frage ab, ob der Wolf noch eine bedrohte Art ist.
Für die Menschen besagen alle Untersuchungen, dass die tatsächliche Gefahr gering ist. Es gibt in Niedersachsen keinen bestätigten Fall, dass ein Wolf einen Menschen angegriffen hat. Es gibt allerdings den Fall eines Jägers, der sagt, dass ihn ein Wolf in die Hand gebissen habe. Eine unumstrittene Studie besagt, dass es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs neun tödliche Wolfsangriffe auf Menschen in Europa gab. Vier davon von Wölfen, die an Tollwut erkrankt waren. Deutschland gilt aber seit 2008 der Weltorganisation für Tiergesundheit zufolge als tollwutfrei.
Das Hauptproblem zwischen Menschen und Wolf könnte der Hund sein. Der Hund als Konkurrent und naher Verwandter des Wolfs könnte vom Wolf angegriffen werden. In Niedersachsen gab es bisher einen nachgewiesenen Fall. „Täter“ war der Problemwolf „Kurti“, der im vergangenen Jahr erschossen wurde oder wie es in Behördendeutsch heißt: „entnommen“ wurde.
Die größte Gefahr bei den Nutztieren gibt es für Schafe. Das zeigen alle Statistiken und nicht zuletzt der gerade aufgeklärte Fall in Oederquart. Es gab in Niedersachsen bestätigte Angriffe auf Kühe und Pferde. Besonders die Wölfe des Lamstedter Rudels treten dabei in Erscheinung. Sie haben laut Landesjägerschaft die Taktik entwickelt, die Rinder in die Bewässerungsgräben zu treiben und dann die bewegungsunfähigen Tiere anzugreifen. Außerdem gibt es in Niedersachsen einen bestätigten Fall, in dem Wölfe ein Fohlen gerissen haben.
Generell gelten Kühe und Rinder aber als so wehrhaft, dass sie selten Ziel der Angriffe von Wölfen werden. Das Land Niedersachsen unterstützt Nutztierhalter und zahlt bei Tieren, die nachweislich vom Wolf getötet worden sind, die Schäden. Außerdem werden Nutztierhalter finanziell beim Zaunbau unterstützt. Nähere Informationen dazu gibt es unter: www.nlwkn.niedersachsen.de
Der Wolf erkennt Fahrzeuge und Gebäude nicht als Bedrohung an. Deshalb kommt es vor, dass Wölfe Häusern und Autos sehr nahe kommen.
Ruhiges und besonnenes Verhalten sind das beste. Hat der Wolf einen Menschen nicht bemerkt, sollte dieser durch Klatschen und Rufen auf sich aufmerksam machen und dem Wolf die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen. Besonders junge Wölfe flüchten nicht immer sofort. Sie sind zwar scheu, doch zunächst eher neugierig.
Auf keinen Fall sollten Wölfe gefüttert werden, sie könnten ihre Scheu verlieren. Sollte sich der Wolf nähern, kann es sinnvoll sein, Lärm zu machen oder ihn mit Gegenständen zu bewerfen. Wenn Wölfe sich unwohl fühlen, ziehen sie sich langsam zurück. Hunde sollten in Wolfsgebieten an der kurzen Leine geführt werden, damit der Wolf die Zugehörigkeit zum Menschen wahrnehmen kann und den potenziellen Konkurrenten nicht attackiert.
Im Märchen wird der Wolf meist als Menschenfresser und Bösewicht dargestellt. Die Märchen der Gebrüder Grimm „Das Rotkäppchen“ oder „Der Wolf und die sieben Geißlein“ haben dieses Bild für Generationen von Kindern geprägt. In der Überlieferung wird der Wolf nicht nur als Plage für Wild- und Haustiere, sondern auch als Bedrohung für den Menschen dargestellt. Dies steht im Gegensatz zu den Erfahrungen aus der Neuzeit, so dass am Wahrheitsgehalt dieser Überlieferungen gezweifelt wird.
Die Berichte aus dem Mittelalter bis in die Renaissance sind jedoch so zahlreich, dass sie kaum alle erfunden sein können. Man nimmt an, dass menschenfressende Wölfe im Zusammenhang mit Kriegen oder Seuchen – zum Beispiel der Pest – vorgekommen sind. Die Tollwut soll der wichtigste Grund für den Angriff auf Menschen in der Vergangenheit gewesen sein. Vom Wolf gebissene und mit Tollwut infizierte Menschen sind auch Grundlage der Wehrwolf-Legenden.
Früher war der Wolf mit Angriffen auf Schafherden oder durch die Verringerung des Wildbestands auch tatsächlich ein Konkurrent des Menschen bei der Nahrungsbeschaffung. Der Verlust einiger Tiere konnte die Existenz von Familien zerstören.
Die Evolution des Wolfes lässt sich auf Millionen Jahre zurückverfolgen und beginnt mit dem ersten Vorfahren des Wolfes und des Hundes. Der „Miacis“ war zwar nicht als ein solcher Vorfahre zu erkennen, doch aus dem kleinen Raubtier mit langem Schwanz und kurzen Beinen sollte sich schlussendlich der „Tomarctus“ entwickeln.
In einem 45 Millionen Jahre andauernden Prozess entstand der wolfsähnliche Vorgänger, der den Ursprung für alle 36 Arten der heutigen Hundefamilie bilden sollte. Rund 20 000 bis 15 000 Jahre vor Christus nahm der Mensch einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Hundearten, der zudem die Evolution der heutigen Wölfe und Haushunde voneinander trennen sollte.
Man kam damals auf die Idee, Wölfe zu zähmen. Aus diesem Vorgang ziehen Wissenschaftler die Theorie, dass sich einige Eigenschaften von Hunden im Laufe der Jahre mit dem Kontakt zu Menschen zurückentwickelt haben, während die Art der uns bekannten Wölfe sich langsam herauskristallisierte. Der Wolf gilt somit als Stammesvater der sogenannten „Echten Hunde“, zu denen auch Dingos in Australien und Kojoten in der Prärie gelten.
Der Wolf ist weder das grundböse Raubtier der Märchen oder Legenden, noch ist er ein harmloser Zeitgenosse. Der Wolf ist ein Raubtier und deshalb ist im Umgang mit ihm immer Vorsicht geboten. Alles andere wäre dumm und fahrlässig.
Die Frage, die die Politik beantworten muss, ist die, wie sie in dem Moment mit dem Rückkehrer umgehen will, wenn die Art nicht mehr als bedroht eingestuft wird. Das ist ein Zustand, der je nach Lesart inzwischen bereits erreicht ist oder bald erreicht sein wird. Wie bei anderen Wildtierarten darf es nach der Sicherstellung der Arterhaltung kein unbegrenztes und unkontrolliertes Wachstum geben. Damit muss der Wolf, unter strengen Auflagen und einer fachlichen Aufsicht der Naturschutzbehörden, irgendwann wieder ins Jagdrecht gehören.
Das heißt, Jäger werden unter bestimmten Bedingungen auf ihn schießen dürfen. Bestandsregulierung oder Entnahme werden aktuell in der Debatte dafür als Begriffe genutzt, sie laufen auf das Gleiche hinaus. Es geht darum, die Zahl der Wölfe in einer Größenordnung zu halten, die sicherstellt, dass der Bestand nicht gefährdet ist, Mensch und Natur nicht zu Schaden kommen. Es geht bei einer erneuten Bejagung nicht wie in vergangenen Zeiten um eine Ausrottung des Wolfes. Der Wolf ist wieder da und wird in Zukunft fester Bestandteil des ökologischen Systems bleiben.