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Der kurze Kampf um Horneburg

Als Hitlerjungen erlebten sie den Kampf um Horneburg vor 70 Jahren: Otto Duve, Wilfried Böhn und Helmut Schering (von links). Lohmann

Als Hitlerjungen erlebten sie den Kampf um Horneburg vor 70 Jahren: Otto Duve, Wilfried Böhn und Helmut Schering (von links). Lohmann

Wenn Wilfried Böhn anschaulich vom Kampf um Horneburg erzählt, klingt es wie ein großartiges Abenteuer. 

Von Sabine Lohmann Dienstag, 28.04.2015, 17:36 Uhr

Der Ernst der Lage war dem 15-jährigen Hitlerjungen nicht klar, als er in den letzten Apriltagen 1945 als Meldegänger dazu beitrug, den sinnlosen Widerstand gegen die britischen Panzer bei Nottensdorf zu verlängern. Die Kapitulation hat er nicht als Befreiung, sondern als Niederlage empfunden. Auch Helmut Schering und Otto Duve sind Zeitzeugen, deren Jugend durch den Krieg geprägt war. Vom Kriegsende am Marschdamm erzählen die beiden Horneburger, die damals 14 beziehungsweise 16 Jahre alt waren.

Alle drei waren wieder in Horneburg, als auf Horneburg gefeuert wurde. Otto Duve war zuvor noch, wie alle waffenfähigen Männer im Alter zwischen 16 und 60 Jahren, zum Kampfeinsatz und die Verteidigung der Heimat aufgerufen worden. Jugendliche der Jahrgänge 1928 bis 1930 wurden zum Bau von Laufgräben und Panzersperren in der Nähe von Cuxhaven eingesetzt. Er erhielt einen Einberufungsbefehl, sollte sich in Walsrode melden, doch die anrückenden Engländer waren schneller.

Nach Interviews mit Zeitzeugen hat Helmut Schering schon vor 15 Jahren die Ereignisse der Jahre 1939 bis 1949 aufgeschrieben. An vieles erinnert sich der 84-Jährigen heute noch genau. Zum Beispiel an das Ausbildungslager der Hitlerjugend in Stade, in dem Wilfried Böhm und er noch kurz vor Kriegsende eingesetzt waren. Die Hilfsschule hinter der Cosmaekirche diente als Unterkunft und Ausbildungsstätte. Wegen der Tieffliegerangriffe verbrachten die Jungen die Tage im Keller unter dem Stader Rathaus. Nachts marschierten sie zum Bahnhof, um Flüchtlingen aus Ostpreußen und Schlesien zu helfen, die in Güterwagen ankamen. Als der Geschützdonner der Front bereits in der Ferne zu hören war, sprang Helmut Schering über einen Zaun und kehrte mit dem letzten Zug, der in Richtung Hamburg fuhr, nach Horneburg zurück.

Im Flecken wurde der Volkssturm aufgerufen, Straßensperren zu bauen und Brücken zu sprengen – und die Spuren der Nazi-Verbrechen zu beseitigen. In einer Nacht- und Nebelaktion wurden am 21. April 1945 die Stacheldrahtzäune und die Wachttürme des Außenlagers des Konzentrationslagers Neuengamme abgebaut. Das weiß Helmut Schering von seinem Vater, der mit dabei war. In den Valvo-Röhrenwerken, einem aus Hamburg ausgelagerten Rüstungsbetrieb in der ehemaligen Lederfabrik, hatten jüdische und niederländische Frauen und Mädchen Zwangsarbeit leisten müssen. Schon im März waren sie in Güterwaggons zum Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht worden. Für eine kurze Zeit waren 50 männliche Häftlinge in gestreifter KZ-Kleidung in den leer stehenden Baracken des Arbeitslagers am Vordamm untergebracht.

Auch die in Horneburg stationierte Hauptnachrichtentruppe der Luftwaffe West rückte ab. Große Holzstapel aus Telegrafenmasten, die rund um den Sportplatz am Tivoli lagerten, wurden für die Zivilbevölkerung als Brennholz freigegeben. Die Proviant-Lager der Wehrmacht wurden aufgelöst, wie Otto Duve berichtet. Lebensmittelvorräte wurden an die Bevölkerung verteilt: Fleischschmalz, Butterschmalz und Brotgetreide. NS-Embleme verschwanden über Nacht von den Hausfassaden der Nazi-Funktionäre.

Auf dem Schragenberg bei der Kieskuhle ging unterdessen eine 8,8-cm-Flakgeschütz in Stellung, um den Vormarsch der Gegner aufzuhalten. Denn kampflos sollte Horneburg nicht aufgegeben werden. Angehörige der Wehrmacht, Volkssturmmänner und Hitlerjungen wollten von dort aus die von Nottensdorf anrückenden Panzer unter Beschuss nehmen. Mitten drin: der Hitlerjunge Wilfried Böhn.

Nach seiner Rückkehr aus Stade hatte er sich dem Volkssturm angeschlossen und wurde, weil er sich in der Gegend gut auskannte, als Laufbursche eingesetzt. Der Gefechtsstand lag vor der Vordamm-Brücke (heute: Friedensbrücke). Anschaulich und spannend schildert der 85-Jährige, wie deutsche Soldaten Bomben legten und Engländer mit Panzergranaten schossen; wie er im Bunker am Schragenberg nächtigte und einen Oberfeldwebel schleichend und robbend bis zum Fischerhof führte und wie er aus der Ferne die Kapitulation miterlebte. Er wurde beauftragt, mit dem Rad nach Stade zu fahren und einen Brief zu übergeben. Dass ihm der Kommandeur dort sagte: „Mein Junge, geh du schön nach Hause, der Krieg ist für dich zu Ende“, habe ihn betrübt.

Mit Wasserbomben wurden die Eisenbahnbrücke über die Aue und zwei Straßenbrücken, darunter die Vordamm-Brücke, gesprengt. Die Marschdamm-Brücke blieb verschont, weil Anwohner die Zündschnüre durchtrennt hatten. Stattdessen hob der Volkssturm einen tiefen Panzergraben direkt hinter der Brücke aus. „In der Nacht klopfte jemand bei uns ans Fenster und rief meinen Vater und mich auf, uns sofort mit Schaufel und Spaten an der Lühebrücke einzufinden“, berichtet Helmut Schering. Zwei Nächte hindurch arbeiteten sie in mehreren Schichten.

Am 29. April 1945 verteilten die Soldaten Wasserbomben an den Straßenkreuzungen im Dorf. Gedroht wurde, sie in die Luft zu sprengen, falls die Horneburger nicht zur weiteren Verteidigung bereit seien. Zehn Bürger wurden als Geiseln festgenommen und nach Dollern verschleppt, erinnert sich Otto Duve. Ihnen wurde mit der Erschießung gedroht, falls sich Horneburg kampflos übergeben sollte. Eine Wasserbombe lag auch vor dem Elternhaus von Helmut Schering. Nachbarn luden den Sprengkörper in einem unbewachten Augenblick auf eine Schiebkarre und schafften sie in die Aue-Wiesen.

Wie Otto Duve berichtet, ließ die Gemeindeverwaltung bekannt machen, die Zivilbevölkerung sollte sofort den Ort verlassen, um nicht in die Kampfhandlungen verwickelt zu werfen. Mit Handwagen, Schubkarren und Fahrrädern, auf denen das Nötigste verstaut war, zogen die Einwohner den Marschdamm hinunter in Richtung Altes Land. Als Entwarnung gegeben wurde, kehrten sie zurück. Fast die ganze Nacht wurde geschossen.

Am 30. April 1945 marschierten die britischen Kampftruppen in Horneburg ein. Mit vorgehaltenen Gewehren oder Maschinenpistolen gingen die Soldaten von Haus zu Haus. „Wir standen vor dem Eingang des Röhrenbunkers, als wir die ersten Engländer vom Vordamm her kommen sahen“, so Schering. Aus den Telegrafenstangen vom Sportplatz hatten die Briten eine Notbrücke über die Aue gebaut. Die ersten Fahrzeuge erschienen, offene Jeeps mit vier Mann Besatzung. Auch Wilfried Böhn, der Im Kleinen Sande wohnte, weiß davon zu berichten, wie die Soldaten Horneburg einnahmen: wie er es aus Filmen kannte. Sie beschlagnahmten in seinem Elternhaus das Wohnzimmer für einige Wochen, waren aber freundlich und freigiebig mit Tee und Brot.

Eine Ausgangssperre wurde für die Zivilbevölkerung verhängt, Waffen mussten abgegeben werden; Zuwiderhandlungen würden mit dem Tode bestraft. Die Panzersperren mussten beseitigt werden, der Graben hinter der Lühebrücke wurde wieder zuzuschütten. Die eingesammeltenen und auf der Straße zerschlagenen Waffen – „zwei Ackerwagen kamen zusammen“, so Duve – wurden mit in die Grube geworfen.

Etwa eine Woche nach dem Durchzug der britischen Kampftruppen in Richtung Altes Land und Dollern wurde Horneburg zum Hauptquartier der schottischen Hochlanddivision 154. Infantry Brigade. Häuser wurden beschlagnahmt, darunter auch das von Düring’sche Gutshaus am Marschdamm (heute Schloss genannt). Die Bewohner mussten ihre Häuser verlassen. Den Horneburgern bot sich bald ein ungewohntes Bild: Einige Soldaten der schottischen Hochlanddivision trugen Röcke – Kilts, Dudelsackpfeifer zogen durch die Lange Straße.

Mitte Mai verhaftete die englische Militärpolizei zwei 16-jährige Jungen vom Marschdamm wegen Waffenbesitz. Bei der Hausdurchsuchung wurde eine Pistole gefunden. Ein Militärgericht in Stade verhängte die Todesstrafe. Nachdem sich viele Menschen und Behörden für sie eingesetzt und um eine Revision des Urteils gebeten hatten, wurden sie von der englischen Militärregierung zu zwölf Jahren Haft begnadigt. Nach eineinhalb Jahren wurden sie aus der Strafanstalt in Herford entlassen. Wilfried Böhn kann sich noch gut daran erinnern, denn eine der gefundenen Pistolen gehörte vorher ihm. Er hatte sie dem Freund gegeben, als alle Waffen eingesammelt wurden. Der Freund wollte sie verstecken, wurde aber verraten.

Zu sechs Wochen Gefängnis wurde auch Wilfried Böhn, in den 90er Jahren Bürgermeister des Flecken, verurteilt, weil er trotz der Ausgangssperre draußen angetroffen wurde. Drei Tage saß im Gefängnis, kam dann ins Internierungslager. Weil er ein wenig Englisch sprach und sich in der Gegend gut auskannte, setzten ihn die Engländer als Dolmetscher und Führer ein. So hat der 85-Jährige auch aus der Besatzungszeit noch spannende Geschichten zu erzählen.

Das von Düring’sche Gutshaus war Hauptquartier einer schottischen Hochlanddivison: die 154. Infantry Brigade vor dem Horneburger Schloss.

Das von Düring’sche Gutshaus war Hauptquartier einer schottischen Hochlanddivison: die 154. Infantry Brigade vor dem Horneburger Schloss.

Historisches Foto von den Baracken am Markplatz. Das Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme wurde vor Kriegsende aufgelöst.

Historisches Foto von den Baracken am Markplatz. Das Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme wurde vor Kriegsende aufgelöst.

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