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Buxtehuder Kneipen

Der schönste Platz ist an der Theke

Annette Klar-Kern träumte schon als Kind davon, in einer Kneipe zu arbeiten. 2012 erfüllte sie sich ihren Traum. Fotos: Felsch

Annette Klar-Kern träumte schon als Kind davon, in einer Kneipe zu arbeiten. 2012 erfüllte sie sich ihren Traum. Fotos: Felsch

Die Stammgäste in diesen Kneipen sind treu. Sie kommen auf ein zweites Frühstück, auf einen Cocktail, um eine Zigarette zu schmöken oder einfach nur, um sich zu Hause zu fühlen. Ein Streifzug.

Von Franziska Felsch Dienstag, 11.06.2019, 18:14 Uhr

„Ende des Monats, wenn’s Geld gibt, ist es meistens voll“, sagt Olaf Gruhn vom „Astra Pott“ in der Bahnhofstraße. Er soll recht behalten: Um 11 Uhr daddeln bereits die ersten Gäste an einem der vier Spielautomaten und ärgern sich über ihr Pech. „Mach mir mal lieber noch ein Bier“, meint Klaus. „Wenigstens darauf ist Verlass“, lobt er den Wirt, der ihm gleich ein frisches Pils hinstellt. Klaus ist einer der Stammgäste. Nach dem Brötchenkauf beim Bäcker nebenan geht’s erst mal zum zweiten Frühstück in „seinen Pott“.

„Weil das die beste Kneipe ist“, erklärt Gaby. Seit 20 Jahren schaut sie regelmäßig rein. Für sie wie für viele andere ist das hier ihr zweites Wohnzimmer, für einige das erste. „Wir sind wie eine große Familie und passen aufeinander auf. Haben wir jemand zwei Tage nicht gesehen, forschen wir nach, ob was passiert ist. Hier ist die Zentrale, wir feiern sogar unsere Geburtstage zusammen“, erklärt Gaby und zündet sich die nächste Zigarette an.

Bundesweit ging die Zahl der Schankwirtschaften von 2009 bis 2015 von knapp 36.700 auf rund 31.100 zurück. Ein Zusammenhang zwischen dem Kneipensterben und dem Nichtraucherschutzgesetz ist nicht erkennbar. In Hamburg und in Niedersachsen gibt es eine Ausnahme im Gesetz, die das Rauchen in Kneipen bis 75 Quadratmeter Fläche im gesamten Lokal erlaubt. Im „Astra Pott“ darf geraucht werden. Aber nicht mehr gespeist. Entweder essen oder smoken, so lautet die gesetzliche Verordnung. Für Olaf Gruhn ist das in Ordnung. Der ehemalige gelernte Schlachter, der den Vorbesitzer Carlo 2015 ablöste, ist froh, damals die Gelegenheit ergriffen zu haben, um in die Selbstständigkeit zu wechseln.

Der 47-jährige Familienvater übernimmt gerne die Frühschichten, abends lösen ihn Kollegen ab. „Wir leben von der Stamm- und Laufkundschaft; die Nähe zum Wohnmobilplatz und zum Bahnhof wirkt sich positiv aus, und bei schönem Wetter sind sogar die Außentische besetzt“, meint Gruhn und serviert dem nächsten Gast, der sich die Tageszeitung schnappt, einen Cappuccino. Die neue, hochmoderne Kaffeemaschine, die er gerade angeschafft hat, macht’s möglich. „Das Schöne ist, dass jeder Tag anders verläuft“, sagt Gruhn, langweilig werde es nie. Das allein ist aber nicht der Grund, warum einige Gäste immer wieder kommen. Man kennt sich, man mag sich, schaut zusammen Fußball oder ist Mitglied im Sparclub. Eigentlich hat sich seit 50 Jahren nichts geändert: Rustikale Holzmöbel, Vereinsfotos und Fußballwimpel an den Wänden, und der dicke Aschenbecher mit dem Schild „Stammtisch“ fehlt auch nicht. Und doch fühlt es sich an wie eine Zeitreise.

Der Trend, das Haus zu verlassen, um ein Bier zu trinken, ging zurück, viele Pinten machten zu. „Daher verteilt sich das auf die, die nicht aufgegeben haben“, glaubt Gruhn. Obwohl es überwiegend Ältere sind, die gerne an der Theke sitzen, ist er sicher, dass er so schnell nicht schließen muss. „Wenn die mir alle so lange die Treue halten, wie ein Ehepaar aus Finkenwerder, beide über 90, die regelmäßig reinschauen, kann nix schiefgehen.“

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So sieht das auch Petra Zahlten. Die gebürtige Hamburgerin managt seit dem Tod ihrer Eltern die „Astra Quelle“ in der Estetal-straße allein. Putzen, einkaufen, Buchhaltung, alles neben dem eigentlichen Job, Bier und Schnaps ausschenken, und das zu so günstigen Preisen, dass die Frage sich aufdrängt: Lohnt sich das? Nie Urlaub, jeden Tag die Beine in den Bauch stehen? „Ach ja, viele haben doch nicht so viel Geld“, sagt die 60-Jährige fast entschuldigend.

Sie kennt noch die Zeiten, als die Männer in Dreierreihen vor der kleinen Theke standen. Das war, als die Soldaten von der nahe gelegenen Kaserne ihren Sold hierher brachten. „Wir waren die erste und letzte Anlaufstelle“, erzählt die Wirtin.

Die „Astra Quelle“, im Krieg erbaut, 1972 von ihrem Vater umgebaut und 1973 neu eröffnet, wird heutzutage hauptsächlich von Gästen über 60 besucht. „Wenn die Älteren wegsterben, ist es wohl aus, die Jüngeren haben andere Interessen.“ Nur wer randaliert, den wirft sie hinaus. „Ich kann mir schon Respekt verschaffen, wenn’s sein muss“, sagt die zierliche Blondine. Die meisten seien friedlich, knobelten oder spielten Skat. Früher servierte sie dazu noch Frikadellen. Das ist vorbei, seitdem geraucht werden darf. Petra Zahlten raucht nicht, aber auch da ist sie großzügig, die Gäste sollen sich wohlfühlen. Dafür tut sie fast alles. Vielleicht deshalb die zwei großen Fernseher, einen für HSV-Fans, einen für die Paulianer.

Auch Annette Klar-Kern kann sich in ihrem Leben nichts anderes mehr vorstellen. „Das ist meine Passion“, sagt die Wirtin von „Nettis“, die Eckkneipe gegenüber der St.-Petri-Kirche, die früher „Zum Petri“ hieß. Gäste hätten die Namensänderung angeregt, sagt Klar, die schon als Kind davon träumte, in einer Bar oder Kneipe zu arbeiten. „Eine Reportage über das Nachtleben hat mich nie losgelassen, als das Lokal 2012 frei wurde, habe ich zugegriffen“, erklärt Klar-Kern, die an fünf Tagen in der Woche ab 17 Uhr die Türen öffnet für ein „komplett gemischtes Publikum“. Sonntag und Montag sind Ruhetage.

Die brauche sie, weil sie oft bis vier oder fünf Uhr morgens arbeite. Bier, Cocktails Longdrinks, die ganze Bandbreite, serviert sie, nur kein Essen. Auch ihr Lokal ist eine Raucherkneipe. Mit allem, was dazugehört, mit TV-Gerät, aber ohne Sky. Trotzdem fühlen sich ihre Gäste wohl. Dass es irgendwann mal anders sein könnte, ist kaum vorstellbar, weil der Name der Gaststätte nicht zu viel verspricht. Und das ist wohl das Geheimnis, dass auf alle „übrig gebliebenen“ Schankwirtschaften zutrifft: Dieses Gefühl, persönlich willkommen zu sein, hält die Kneipenkultur am Leben.

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