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Inklusion

Der schwere Weg eines ADHS-Kindes

Birgit Walter möchte in Neu Wulmstorf eine Selbsthilfegruppe für Eltern mit ADHS-Kindern gründen. Foto: Michaelis

Birgit Walter möchte in Neu Wulmstorf eine Selbsthilfegruppe für Eltern mit ADHS-Kindern gründen. Foto: Michaelis

Seit fünf Jahren kämpft Birgit Walter in Neu Wulmstorf um eine der Behinderung ihres neunjährigen Sohnes mit ADHS angemessene schulische Betreuung. Die Schulen bekommen jedoch keine ausreichenden Mittel. Nun möchte die Vierfach-Mutter eine Selbsthilfegruppe gründen.

Von Claudia Michaelis Dienstag, 21.05.2019, 16:00 Uhr

Als die Verhaltensauffälligkeiten ihres Sohnes erstmals zutage treten, glaubt Birgit Walter zunächst, ihr Sohn sei hochbegabt, wie sie selbst, die sich in der Schule ebenfalls schwertat, bis ihre Hochbegabung entdeckt wurde. Doch bei ihrem Sohn liegen die Dinge anders. Ein Neurologe diagnostiziert bei dem impulsiven Jungen die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS. Doch eine Förderschule, die der Junge mit seiner Verhaltensauffälligkeit besuchen könnte, gibt es in Neu Wulmstorf und Umgebung nicht. Ihr Sohn muss in eine der beiden Grundschulen in Neu Wulmstorf. Doch mit dem Schulbeginn beginnt für den Jungen und seine Familie eine Zeit des Leidens und der Kämpfe, die bis heute anhält.

Die Medikamente, die ihr Sohn gegen sein ADHS nehmen soll, verträgt er nicht. Er nimmt stark ab und wird depressiv, erzählt Walter. Mit fünfeinhalb kommt der Junge in die Grundschule am Moor. Doch dort hat er ständig Konflikte und Kämpfe mit anderen Kindern. Der Junge verlässt das Schulgebäude, läuft allein durch Neu Wulmstorf, versagt im Unterricht und wird schließlich zurückgestuft in die Vorschule.

Mit sechs Jahren wechselt ihr Sohn an die Grundschule an der Heide. Die Diagnose ADHS ist der Schule bekannt, und Birgit Walter hofft, dass es dort besser läuft. Als ihr Sohn die zweite Klasse besucht, bekommt er eine pädagogische Kraft, die an drei Tagen in der Woche zwei Stunden an der Schule ist, die vermittelt und auch zu Hause berät. Doch das habe nicht ausgereicht, berichtet die 41-jährige Wirtschaftsinformatikerin. Die Konflikte mit Lehrerinnen und Mitschülern gehen weiter. Zwar gibt es an der Schule eine Inklusionsklasse, doch die ist voll, ihr Sohn kommt nicht hinein.

Aufgrund seiner ADHS-Störung ist der Junge mittlerweile als 60 Prozent schwerbehindert anerkannt. Walters beantragen sonderpädagogischen Förderbedarf, der Junge bekommt Förderstunden mit einer Förderlehrerin, doch auch diese dreieinhalb Stunden pro Woche sind zu wenig, erzählt Walter. Die Konflikte reißen nicht ab, der Junge fühlt sich gemobbt, schon dreimal hat die Schulbehörde angekündigt, dass ihr Sohn aufgrund seines schlechten Verhaltens von der Schule fliegt, wenn er keine Schulbegleitung findet, berichtet Walter.

Inzwischen ist nach unermüdlichem Kampf seiner Eltern eine Schulbegleitung bewilligt, aber es gibt kein Personal. Seitdem steht ihr Sohn auf der Warteliste beim Jugendamt des Landkreises Harburg, berichtet Walter: „Wir als Eltern haben alle Mittel ausgeschöpft. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich tun soll, um mein Kind zu schützen. Die Schule will ihn loswerden, darf es aber nicht. Das Kind leidet, die Stimmung an der Schule ist explosiv“, sagt Walter und zieht ein bitteres Fazit: „Inklusion ist ein schönes Wort, aber sie funktioniert nicht, weil es den Schulen an personellen und finanziellen Mitteln fehlt.“

Vor diesem Hintergrund möchte Birgit Walter nun eine Selbsthilfegruppe gründen. Sie wisse, dass andere Eltern in Neu Wulmstorf das Gleiche durchmachten und die Schulbehörde und das Jugendamt die Unwissenheit der Eltern nutzen, um Antragsverfahren hinauszuzögern. Sie selbst ist durch ihren jahrelangen Kampf um Förderung für ihren Sohn zur Expertin geworden, die sich mit Fördermöglichkeiten, Ansprechpartnern und Zuständigkeiten bei Behörden, Kranken- und Pflegekassen auskennt und dieses Wissen nun gern an andere Eltern weitergeben möchte.

Auch an gemeinsame Freizeitaktivitäten mit ihren ADHS-Kindern denkt Walter. In Neu Wulmstorf gibt es keine Nachmittagsbetreuung für ADHS-Kinder, sie müssen nach Buchholz oder nach Winsen. Oft mangelt es auch an Spielkameraden, weiß Walter und hofft, über die Gruppe auch gleichaltrige Kinder zu finden, mit denen der Junge nachmittags spielen kann. „Unsere ADHS-Kinder haben kein starkes Netzwerk. Das braucht es aber, damit auch sie an Inklusion teilhaben können“, sagt Walter.

Gemeinsam mit anderen Eltern will sie nun ein solches Netzwerk schaffen. „Die EU-Behindertenrechtskonvention spricht unseren Kindern ein Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu. Das scheitert oft schon im Schulalltag. Wir wollen uns starkmachen für unsere Kinder und uns gemeinsam durch den Behördendschungel kämpfen.“

Den Kontakt zu Birgit Walter können Interessierte über die Homepage aufnehmen, die Walter bereits für die neue Selbsthilfegruppe für Eltern mit ADHS-Kindern eingerichtet hat.

Die Adresse: www.adhs-kids-neu-wulmstorf.de, per E-Mail ist sie unter info@adhs-kids-neu-wulmstorf.de zu erreichen.

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