Zähl Pixel
Serie

TDie A 20 und die Gesichter des Protests

Oliver und Sonja Schewe aus Oldendorf sehen den Autobahnbau kritisch.

Oliver und Sonja Schewe aus Oldendorf sehen den Autobahnbau kritisch.

Es gibt noch die Schilder, die windschief in der Ostemarsch stehen: „A 22 – Nie“ steht darauf. Der Widerstand gegen den Bau der Autobahn reicht lange zurück. Inzwischen heißt sie A 20 und an der Trasse stehen längst neue Schilder.

Dienstag, 10.11.2020, 12:00 Uhr

Wer sind die Menschen hinter den Schildern, die von Engelschoff bis Elm zu sehen sind? Werner Romund aus Engelschoff ist einer von ihnen, der Milchviehbetrieb des Landwirtschaftsmeisters ist durch den Flächenverlust stark betroffen: „Die A 20 wird unser Dorf teilen, unsere Kulturlandschaft zerstören, unsere besten landwirtschaftlichen Nutzflächen nehmen, unsere Entwässerungs- und Grabensysteme durchtrennen. Sie wird auf grundlosem Boden, 20 bis 30 Meter tiefe Moorschichten, gebaut und Steuergelder versenken.“

Von Drochtersen über Engelschoff, Breitenwisch, Burweg und Oldendorf führt der Abschnitt 7 der A 20 über 18,6 Kilometer bis nach Elm. Im Jahr 2029 soll er fertig sein. Dieser Bau braucht Fläche – und die ist ein Gut, das es nicht ein zweites Mal gibt. Deshalb haben sich Romund und viele weitere Landwirte mit anderen in einer Betroffenengemeinschaft zusammengefunden, die von der renommierten Anwältin Roda Verheyen vertreten wird.

Bilder oben: Susanne und Rüdiger Radtke (links), Annika, Pia und Jan Bösch (rechts). Bilder unten (von links nach rechts): Marten Burdorf, Peter Wortmann, Werner Romund und Ute Jungclaus.

Bilder oben: Susanne und Rüdiger Radtke (links), Annika, Pia und Jan Bösch (rechts). Bilder unten (von links nach rechts): Marten Burdorf, Peter Wortmann, Werner Romund und Ute Jungclaus.

Mit der ländlichen Ruhe ist es vorbei

Von Engelschoff führt die Trasse Richtung Breitenwisch. Dort sehen Annika, Jan und Pia Böschden Bau mit Sorge: Annika (24) Bachelor of Science Agrar, Jan (21) Landwirt mit Fachschulabschluss, Pia (16) BGJ zur Pferdewirtin, brennen für die Landwirtschaft und wollen den elterlichen Hof mit Milchkühen in die Zukunft führen. „Für Tierwohl und Gesundheit genießen unsere Kühe ländliche Ruhe, frische Luft und Weidegang.

Die A 20 wird uns Flächen nehmen, die Lebensqualität für uns und unsere Tiere beeinträchtigen und unsere Existenz auf den Prüfstand stellen“, sagen sie. Um seine Existenz fürchtet auch Gastwirt Holger Jarck, der drei Ferienhäuser vermietet. Die Trasse verläuft in unmittelbarer Nähe. „Seit über 100 Jahren betreibt unsere Familie das Gasthaus in Breitenwisch. Allein die Bauphase wird der Horror. Wer will an der A 20 Hochzeit feiern oder Urlaub machen?“

Günter Rademacker aus Himmelpforten, ist Anlieger und sieht das Projekt auch grundsätzlich kritisch: Die A 20 beruhe auf jahrzehntealten Zahlen, sie fördere den Transit-Fernverkehr und verhindere ein Umdenken für die Zukunft. „Sie bindet enorm hohe Steuergelder, verhindert die Verbesserung des ÖPNV, der vorhandenen Infrastruktur, der Bahntrassen, Busverbindungen und Digitalisierung.“

Ein Dorf von allen Seiten umzingelt

Vor allem in Burweg wird es eng: Bundesstraße, Bahntrasse, Ostedeichbau, Sandabbau und Autobahnbau werden das Dorf eingrenzen. Das Ehepaar Clauderspürt die Folgen bereits: „Vor 30 Jahren sind wir nach Burweg gezogen, um unseren Lebensabend in schöner Natur zu verbringen. Seit neun Jahren versuchen wir, unser schönes, kernsaniertes Bauernhaus zu verkaufen, weil 170 Meter hinter unserem Anwesen die A 20 auf zwölf Meter hohem Damm über die Bahn geführt werden soll. Unsere Immobilie ist damit unverkäuflich – die Politik hat unser Grundstück verbrannt.“ Ernsthafte Interessenten bekämen von ihren Banken für den Kauf keinen Kredit.

Zwar haben die Planer insgesamt beim Lärmschutz sowohl in Burweg als auch in Oldendorf nachgebessert, das hilft aber nicht allen: Nur 300 Meter hinter dem Grundstück von Udo und Ingrid Menck ist die Trasse geplant. „In direkter Nähe verläuft die Überquerung der Bahnstrecke in mindestens zehn Metern Höhe. Durch die Steigung wird es zu noch mehr Verkehrslärm kommen als an anderen Abschnitten der Autobahn. Lärmschutz ist nicht geplant, die zusätzliche Belastung nicht eingerechnet, ein schützender privater Wall ist aufgrund der Höhe von über zehn Metern gar nicht möglich.“

Thomas und Sven Matthiesen.

Thomas und Sven Matthiesen.

Der Lebenstraum vom Leben in der Natur zerstört

Zwischen Burweg und Himmelpforten kreuzt die Trasse die B 73. Dort wird eine Anschlussstelle gebaut. In Bossel soll die Dörpstroot über die Autobahn geführt werden. Hier bewirtschaften die Brüder Thomas und Sven Matthiesen gemeinsam zwei eigene Hofstellen mit Mutterkühen und Mastbullen. „Über 25 Jahre haben wir unseren Mutterkuhbetrieb mit zwei Stallstandorten und arrondiertem Flächenkauf aufgebaut, um mit zwei Familien davon leben zu können. Die A 20 verläuft exakt durch diese Flächen und trennt unsere Ställe voneinander.“

Was die Betroffenen eint – sie sehen ihre Existenz bedroht, fürchten den Wertverlust ihrer Immobilien, sorgen sich um den Verlust von Moorböden in Zeiten des Klimawandels. Ute Jungclaus ist Verpächterin und Sprecherin der Betroffenengemeinschaft. „Das Projekt ist aus der Zeit gefallen. Seien es Klimaziele, Biodiversität, Mobilitätswende oder Kosten-Nutzen-Verhältnis. Sich Fehler eingestehen, die A 20 stoppen, kluge Mobilität für die Zukunft planen – das wäre ehrliche Politik. Die A 20 gehört zurück in die Schublade, wo sie schon vor 40 Jahren lag.“ In Bossel leben auch Susanne und Rüdiger Radtke, die viel investiert haben, um ihren Lebensentwurf zu verwirklichen: „Seit zehn Jahren leben wir unseren Traum vom Wohnen und Leben Seite an Seite mit unseren Pferden in schöner Natur mit ausgedehntem Ausreitgelände. Kommt die A 20 – aus der Traum.“

Dirk Hinck, ehemaliger Landwirt, hat eine besondere Sicht: „Wir Bosseler Jäger sorgen durch vielfältige Maßnahmen seit Jahrzehnten für eine umfangreiche Verbesserung im Lebensraum Natur. Die A 20 wird mitten durch unsere Jagd geführt und ein über Generationen gehegtes Jagdrevier zerstören.“ Eine „Grünbrücke“ soll in der Feldmark bei Bossel gebaut werden, um Wildtiere über die Fahrbahn zu lotsen, eine zweite Grünbrücke ist auch bei Estorf geplant.

Gesundheitsrisiko Autobahn-Parkplatz

Ein anderes Bauwerk sehen Landwirte kritisch, die in die Feldmark zwischen Bossel und Oldendorf ausgesiedelt sind. Hier wird ein Autobahn-Parkplatz gebaut – eine WC-Anlage und 90 Stellplätze für Lkw und 30 Stellplätze für Pkw je Fahrtrichtung. Marten Burdorf aus Oldendorf ist Junglandwirt mit Meisterbrief, übernimmt den elterlichen Schweinemastbetrieb: „Der große Parkplatz bringt erhöhte gesundheitliche Schwierigkeiten für unsere Schweinehaltung, da er direkt in Hauptwindrichtung vor unserem Stall liegt.“ Zudem werde durch den A-20-Bau die Flächenknappheit deutlich verschärft, „durch einen Kilometer Autobahnbau wird etwa ein Durchschnittsbetrieb aufgeben müssen, weil die Flächen für Trasse, Ausgleichsmaßnahmen oder Sandabbau verloren gehen“.

Diese Sorgen teilen Sonja und Oliver Schewe aus Oldendorf, Hofnachfolger in fünfter Generation, die einen Sauen- und Schweinemastbetrieb führen. Oliver Schewe: „Der Autobahnbau ist zu teuer, es sollte in vorhandene Straßen investiert werden – was nützt es, wenn nach den Abfahrten auf den Landstraßen 50 km/h gelten?“ Sonja Schewe ergänzt: „Diese Autobahn zerschneidet unsere artenreiche Osteregion, sie wird wertvolle hofnahe Ackerfläche versiegeln, auf der wir regionales Futter für unsere Schweine erzeugen, sie wird in unmittelbarer Nähe zu unserem landwirtschaftlichen Betrieb und Wohnort viel Lärm und Schadstoffemissionen verursachen. Der Bau von Fernstraßen ist in Zeiten von dringend nötigem Klimaschutz nicht zielführend.“

Das sieht Peter Wortmannaus Oldendorf ebenso. Der Klimaschützer misstraut den Zahlen: „Durch den Elbtunnel bei Drochtersen ist die A 20 von extremen Kostensteigerungen bedroht, und bei uns soll auf gänzlich unsicherem Untergrund durch unterschiedlich dicke Moorböden gebaut werden. Diese Autobahn ist schöngerechnet, die Anzahl der vorgesehenen Fahrzeuge wird nicht erreicht, die Kostensteigerungen sind nicht eingerechnet.“

Bilder oben (von links nach rechts): Katrin Andersen, Bernd Clauder, Holger Jarck, Burkhard Ziemens und Dirk Hinck. Bilder unten: Familie Menck (links) und Günter Rademacker (rechts).

Bilder oben (von links nach rechts): Katrin Andersen, Bernd Clauder, Holger Jarck, Burkhard Ziemens und Dirk Hinck. Bilder unten: Familie Menck (links) und Günter Rademacker (rechts).

Klimaverträglichkeit mehr berücksichtigen

Im Wohngebiet in A- 20-Nähe lebt Burkhard Ziemens in Oldendorf, 20 Jahre hat er hier als Pastor gearbeitet, ist jetzt im Ruhestand: „Unsere Erde ist uns anvertraut. Es ist unsere christliche Verpflichtung, sorgsam mit ihr umzugehen, damit auch Generationen nach uns hier noch gut leben können. Wir brauchen in der Verkehrspolitik dringend ein Umdenken und kreative Lösungen, die Mensch und Natur im Mittelpunkt sehen.“

Katrin Andersen aus Kranenburg sieht einen weiteren Aspekt: „Wegen der Staatsverschuldung, um die Folgen des Lockdowns zu mildern, haben wir das Geld nicht mehr. Die sieben Milliarden Euro sollen besser in Bildung für unsere Kinder investiert werden. Wegen des Pariser Klimaabkommens können wir uns den CO2-Ausstoß, der durch den Bau der Autobahn entsteht, nicht leisten. Die Klimaverträglichkeit muss beim Planfeststellungsverfahren berücksichtigt werden. Alles andere ist im Zeitalter der Fridays-for-Future-Generation nicht akzeptabel.“

BUND

Heiner Baumgarten (BUND): „Die A 20 lehnen wir komplett ab, da sie großräumig Landschaftsräume mit vielen Mooren zerstört. Außerdem bezweifeln wir den verkehrswirtschaftlichen Nutzen. Die bisher geschätzten und öffentlich genannten Kosten für die A 20 werden nicht ausreichen, da sie zum Teil auf veralteten Daten beruhen. Wir fordern eine klare Verkehrswende und den Einsatz der Autobahnmilliarden für die Reaktivierung von Bahnstrecken in der Region für den ÖPNV und Güterverkehr.“

Familie Menck.

Familie Menck.

Susanne und Rüdiger Radtke.

Susanne und Rüdiger Radtke.

Holger Jarck.

Holger Jarck.

Marten Burdorf.

Marten Burdorf.

Dirk Hinck.

Dirk Hinck.

Peter Wortmann.

Peter Wortmann.

Annika, Pia und Jan Bösch.

Annika, Pia und Jan Bösch.

Ute Jungclaus.

Ute Jungclaus.

Bernd Clauder.

Bernd Clauder.

Werner Romund.

Werner Romund.

Günter Rademacker.

Günter Rademacker.

Burkhard Ziemens.

Burkhard Ziemens.

Katrin Andersen.

Katrin Andersen.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.