Zähl Pixel
Fortnite

Die Festung im Kinderzimmer

Abspringen! Jetzt! Der Spielstart sorgt für Adrenalin. Bei denen, die vor der Konsole sitzen – und bei denen, die sich fragen, wie sie ihre Kinder davon abhalten sollen. Zocken und Zoff sind oft nah beieinander, vor allem, seit das Spiel „Fortnite“ die Kinderzimmer erobert hat.

Samstag, 29.09.2018, 14:00 Uhr

Von Mario Battmer und Grit Klempow

Es soll schon Mütter geben, die die Controller der Playstation einkassieren und in der Handtasche mit sich herum tragen, um ihre Kinder vom Daddeln abzuhalten. Davon ist Pamela Zeisberg weit entfernt. Ihr Sohn Tobi sitzt entspannt auf dem Sessel vor dem Fernseher in Ottensen. Controller in der Hand, Headset auf dem Kopf, T-Shirt und Hose mit dem Schriftzug Fortnite versehen. Der Zehnjährige spielt das angesagte Spiel auf der Playstation. Für Mutter Pamela und Vater Marco, beide selber Fortnite-Spieler, kein Problem. „Es ist ja kein Geheimnis, dass alle Kinder das spielen“, sagt Marco. „Die nicht spielen, sind schon so ein bisschen raus“, sagt Tobi.

Fortnite, das ist eine bunte Welt, in der bis zu 100 Spieler gegeneinander antreten können (siehe Text unten).Wer sich verabredet, kann zusammen online spielen. Mit dem Absprung aus dem fliegenden Bus beginnt der virtuelle Kampf ums Überleben. Beste Chancen hat, wer kreativ bauen kann. Fortnite ist gespickt mit schrägem Humor, es gibt Einkaufswagen als fahrbarer Untersatz, die verrückten Jubeltänze, die den Eltern aus Filmen der 80er oder 90er Jahre bekannt vorkommen. Es gibt eine Spielwiese als Treffpunkt zum Versteckspiel, um sich zu duellieren oder zusammen zu bauen. Oder eine Disko-Kugel als Waffe. Das erklärt zumindest teilweise, warum das Spiel sich seit einem Jahr weltweit wie ein Virus in Kinder- und Wohnzimmern ausgebreitet hat.

Zusammen vor dem Bildschirm: Familie Zeisberg begreift das Computerspiel Fortnite als gemeinsame Sache . Foto: Battmer

„Fortnite – bauen, ballern, tanzen“, hat Michael Stüven von der Erziehungsberatungsstelle der Diakonie in Stade einen Elternabend zum Thema betitelt, den er jüngst angeboten hat. „Wenn Zocken ein Thema ist, dann geht es um Fortnite“, sagt er. Schwierig: Fortnite ist ab zwölf Jahren freigegeben, für die Online-Version Battle Royale, die so gern gespielt wird, gibt es aber keine Bewertung. Der „Spieleratgeber NRW“ empfiehlt das Spiel ab 14 Jahren. „Eigentlich geht es um ein Entwicklungsalter“, sagt Stüven. Deshalb sollten Eltern genau hinsehen, ob ihr Kind unbeschadet spielen kann – oder nicht.

Das haben Zeisbergs gemacht: Tobi kam eines Tages von der Schule und wollte Fortnite spielen. Nach einem anfänglichen Nein haben sich Marco und Pamela das Spiel erst einmal angeschaut. Tobis Eltern sind vorsichtig bei der Frage, was er spielen darf. Über eine App können sie sehen, wann und mit wem Tobi spielt. Ohne den elterlichen Code kann er auch keine Apps auf sein Handy herunterladen. Aber warum darf er Fortnite spielen? „Das Ganze hat eine Comic-Optik und man sieht kein Blut“, sagt Marco. „Daher fand ich das unbedenklich.“

Eltern sollten im Blick haben, wofür sich ihr Kind begeistert. Michael Stüven trifft in seinem Job auf Fortnite-gestresste Familien. Wenn Eltern meinen, ihr Kind spielt zu oft und zu viel, kommen sie in die Beratung. Michael Stüven ist keiner, der das Spiel verteufelt. Es kommt auf das Alter der Kinder an und darauf, wie lange, wie häufig und aus welchen Gründen sie sich in die bunte, virtuelle Welt zurückziehen, sich dort mit Freunden treffen, gegeneinander antreten. Stüven: „Wenn Kinder sich begeistern, sollen sie es tun – aber in Maßen.“

Für ihn sind die klaren Regeln ein Muss, die Eltern sind in der Pflicht. „Eltern werden ihre Erziehungsverantwortung nicht los, nur weil es normal ist“, sagt Stüven mit Blick auf den Hype um das Spiel. Eltern sollten auch im Blick behalten, ob es in der Schule läuft, ob ihr Kind seine weiteren Hobbys pflegt, ob es ein Instrument spielt, sich um ein Tier kümmert oder weiter Sport treibt. „Bewegung ist als Ausgleich ganz wichtig“, meint der Diplom-Pädagoge. Auch die Frage, ob die Familienharmonie unter dem Spielen leidet, zählt.

Bevor Tobi spielen darf, muss er seine Hausaufgaben erledigen. Außerdem achten seine Eltern darauf, dass er auch andere Hobbies verfolgt. „Er spielt Fußball, schwimmt gerne, fährt Rad oder zeltet“, sagt Pamela. Natürlich ist auch Fortnite sein Hobby. Meist spielt Tobi etwa eine Stunde am Tag. Manchmal höre er von selbst auf, manchmal müssen die Eltern Stopp sagen. „Es ist lustig, wie oft man beim Spielen ein Elternteil im Hintergrund hört: Letzte Runde“, sagt Marco lachend.

Wie lange ein Kind täglich virtuell abtauchen darf, ist auch eine Frage des Alters. Eine Runde im Fortnite Battle-Royale-Modus dauert etwa 25 Minuten. Eltern können also auch die Anzahl der Runden vereinbaren, statt auf Einhaltung der abgemachten Stunde zu bestehen. Das könnte auch den Kindern den Absprung zurück in die reale Welt erleichtern. „Ab einem bestimmten Alter haben sich auch Wochenkontingente bewährt“, rät Stüven. So können Kinder sich ihr Zeitkontingent vielleicht auch für das Wochenende und für das gemeinsame Zocken mit Freunden zusammensparen.

Zurück zu Zeisbergs: Es dauerte nicht lange, bis auch Vater Marco zum Playstation-Controller griff und Fortnite ausprobierte. Er sei eigentlich gar nicht der Typ dafür, sagt er, hat früher nur Autorennen wie Mario Kart oder Fifa gespielt. Die Playstation wurde für das Karaoke-Vergnügen SingStar gekauft. Nach ein paar Runden Fortnite hatte das Spiel auch den Mann des Hauses gepackt. Mittlerweile spielt auch Mama Pamela gelegentlich.

Immer neue Waffen, Kostüme oder Tänze halten das Spiel interessant.„Die will man dann natürlich auch alle haben“, sagt Marco. Es gäbe halt immer was Neues, das wechselt von Season zu Season. Im Hause Zeisberg wurde das Thema der neuen Spielzeit mit Spannung erwartet. Schon jetzt ist klar: ein Robo-Disco-Lama wird eine zentrale Rolle einnehmen – der Fortnite-Humor.

Tanzen, bauen, schießen– was genau macht den Reiz des Spiels aus? „Mit anderen zu spielen, zu kommunizieren und im Team zu arbeiten“, sagt Marco. Und das gerne als Familie zusammen. Die Zeisbergs spielen am liebsten in Zweier oder Vierer-Teams. „Solo“, also alleine, fast gar nicht mehr. „Und man lernt auch neue Freunde kennen“, sagt Pamela. Über das Spiel haben sie eine unmittelbare Nachbarin aus Ottensen kennengelernt, Tobi hat sich mit einem Elfjährigen aus Kassel angefreundet. Marco hat sich über Headset mit dem Kasseler unterhalten. „Ein netter Junge.“

Pamela, Tobi und Marco sitzen auf der Eckcouch im Wohnzimmer des Familienhauses. Tobi spielt, klar, Fortnite. Auf der Fensterbank leuchtet eine Fortnite Lampe in Rot. Eine leuchtende „Boogie Bomb“, eine Waffe, die aussieht wie eine Disko-Kugel-Handgranate und Spieler im Spiel zum Tanzen zwingt, soll auch noch kommen. Das ist Marcos Lieblingswaffe. Damit hat er die Spielfigur seiner Frau schon einmal in den Fortnite-Tod gestürzt. Es ist also nicht immer friedlich, wenn die Zeisbergs Fortnite spielen. Aber wer auch immer wen schlägt, das Spiel wird das Hause Zeisberg noch einige Zeit beschäftigen.

Dass es im Zusammenhang mit Fornite reichlich Zoff auf anderer Ebene geben kann, erfährt auch Michael Stüven. Eltern sind genervt, Kinder aber auch. Weil die Eltern ständig das abwerten, was ihnen selbst so wichtig ist. „Da muss ich auch mal vermitteln“, sagt der Erziehungsberater.

Tipps für Eltern zum Spielkonsum ihrer Kinder gibt es auch auf www.spieleratgeber-nrw.de/site.1369.de.1.html

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.